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will denken, als dass ich deutlich sein könnt. Ich wollt vom Reimen sprechen.

Mir kommen Reime kleinlich vor, so wie ich sie bilden soll, ich denke immer: ach, der Gedanke will wohl gar nicht gereimt sein, oder er will wo anders hinaus, und ich stör ihn nur, – was soll ich seine Äste verbiegen, die frei in die Luft hinausschwanken und allerlei feinfühlig Leben einsaugen, was liegt mir doch daran, dass es symmetrisch verputzt sei! Ich schweife gern zwischen wildem Gerank, wo hie und da ein Vogel herausflattert und mich anmutig erschreckt oder ein Zweig mir an die Stirne schnellt und mich gedankenwach macht, wo mich die alte Leier eingeschläfert hätt. –

Und ist nicht vielleicht die Gedankenseele selbst Rhytmus, der die Sinne lenkt; und sollen wir dem nicht nachstreben? Nun kurz, aus meinem Gedicht ist nichts geworden, wie hätt ich unsre orangenblühende Nacht, unsre selige Alleinigkeit verpfuschen sollen, sie, die in jeder verlebten Minute jenes Gefühl aussprach, was ich da oben Gottpoesie, Weisheitsgefühl nenne. – Nein, ich wollt nicht ein so süss Dämmern zu einzelnen Gedankenschatten zusammenballen. Lass es fortdämmern oder sich verflüchtigen; aber nicht in engherzige Verse einklammern, was so weiche Zweige in die Luft ausstreckt, lass es fortblühen, bis es welkt; Du siehst, ich mache mir diese poetischen Unbemerkungen (Ungeheuer) bloss in Beziehung auf mich, ich lieb die Poesie, sie erfüllt mich in Dir und in andern mit Begeistrung, aber nicht in mir.

Als der Clemens mich aus der Prison entliess, hatte ich das Märchen gereimt von der alten Frau Hoch, vom Hofnarren, der seinem König lehrt Fische fangen, und ihn selber im Hamen fängt und ins wasser taucht und sagt, so fangen die Narren Fische, aber der König im Hamen wird keinen fangen. Im Puppenspiel war Clemens von beseligtem Humor, die Witze echappierten ihm, wie wenn ein Feuerwerk ihm in der tasche sich entzündet hätt, jeden Augenblick flog eine Rakete auf, bis endlich das Puppenspiel ihn übermannte, wo er vor lachen nicht mehr witzig sein konnte.

Gestern wanderten wir durch die Judengasse, es liefen so viel sonderbare Gestalten herum und verschwanden wieder, dass man an Geister glauben muss, es ward schon dämmerig, und ich bat, dass wir nach Haus gehen wollten, der Clemens rief immer: sehe den, sehe da, sehe dort, wie der aussieht, und es war, als liefen sie mir alle nach, ich war sehr froh, als wir zu Haus waren.

lebe wohl, es ist mir nicht geheuer, dass Du nicht da bist, wo ich mich erholen kann, wo ich zu mir selbst komme; es ist mir so fremd. –

Bettine

An die Bettine

Liebe Bettine, so wie Dein Brief anfängt mit den tausend Grüssen von Clemens, so beantworte sie ihm doch auch in meinem Namen, es tut mir auch recht leid, dass ich nicht mit Euch bin, allein die Luft und die Trauben tun meinen Augen so gut und ist mir wohltätig im ganzen. – Obschon mich Euer Treiben höchlich ergötzen würde und namentlich das Puppenspiel; – ich übergehe alles, – was Du vom Rhytmus sagst, leg ich Dir so aus: Du ahnest ein höheres rhytmisches Gesetz, einen Rhytmus, der Geist ist im Geist, der den Geist aufregt und zu neuen Offenbarungen leitet, Du glaubst, dass der Reim die geringste, ja oft erniedrigende Stufe dieses metrischen Sprachgeistes ist und oft die Ahnung oder die Gewalt des Gedankens brechen könnte, dass der sich nicht zu jener Höhe entwickelt, zu der er ursprünglich berufen wardas will ich nicht widersprechen, denn Du kannst recht haben; nämlich, Du kannst recht haben, dass es ein höheres musikalisches Gesetz gebe, dass die Anlage zu diesem in jedem freien Gedanken liege und durch den Versbau mehr oder weniger unterdrückt werde.

Du wirst aber auch zugeben, dass im Dichter auch eine Begeistrung waltet, die von höherer Macht zeugt, da diese kindlichen gesetz, zu denen er sich bequemt, ihn grade zur Kunst anleiten, die an sich schon ein höherer Instinkt ist. Du sagst zwar in bezug auf Kunst, das Machwerk der Menschen behindre überall den Lebensgeist, das glaube doch ja nicht, dass jene, die vielleicht kein hohes Genie im Gedicht entwikkeln, nicht hierdurch zu Höherem gebracht würden; denn erst werden sie doch auf eine Kunst vorbereitet, sie haben eine Anschauung von Gedanken oder Gefühlen, die durch Kunstform eine höhere sittliche Würde erlangen oder behaupten, und dies ist der Beginn, dass der ganze Mensch sich da hinübertrage; es ist nicht zu verachten, dass im Unmündigen sich der Trieb zum Licht regt. – Und darum mein ich, dass kein Gedicht ohne einen Wert sei.

Gewiss, jedes Gefühl, so einfach oder auch einfältig es geachtet werden könnte, so ist der Trieb, es sittlich zu verklären, nicht zu verwerfen, und manchen Gedichten, die keinen Ruf haben, habe ich doch zuweilen die Empfindung einer unzweifelhaften höheren Wahrheit oder Streben dahin angemerkt, – und es ist auch gewiss so. Die Künstler oder Dichter lernen und suchen wohl mühsam ihren Weg, aber wie man sie begreifen und nachempfinden soll, das lernt keiner, – nehme es doch nur so, dass alles Streben, ob es stocke, ob es fliesse, den Vorrang habe vor dem Nichtstreben. – Gute Nacht, für heute kann ich nicht mehr sagen; nicht alles,