1840_Arnim_003_105.txt

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Umkreist der Sorgen dunkle Nacht.

Des Sehers Traum

Durchflieget den Raum

Und all die künftigen zeiten,

Bald kostet er, in trunknem Wahne,

Die Seligkeit gelungner Plane,

Dann sieht er seinen Untergang.

Entsetzen und Wut,

Mit wechselnder Flut,

Kämpfen im innersten Leben,

"Von Zweifeln", ruft er, "nur umgeben!

Verhauchet der Entschluss sein Leben!

Eh Reu ihn und Misslingen straft.

Der Gotteit Macht,

Zerreisse die Nacht

Des Schicksals vor meinen Blicken!

Sie lasse mich die Zukunft sehen,

Ob meine Fahnen siegreich wehen,

Ob mein Gesetz die Welt regiert!"

Er spricht's; da bebt

Die Erde, es hebt

Die See sich auf zu den Wolken,

Flammen entlodern den Felsenklüften,

Die Luft, erfüllt von Schwefeldüften,

Lässt träg die müden Schwingen ruhn.

Im wilden Tanz

Umschlinget der Kranz

Der irren Sterne die Himmel;

Das Meer erbraust in seinen Gründen,

Und in der Erde tiefsten Schlünden

Streiten die Elemente sich.

Und der Eintracht Band,

Das mächtig umwand

Die Kräfte, es schien gelöset.

Der Luft entsinkt der Wolken Schleier,

Und aus dem Abgrund steigt das Feuer

Und zehret alles Ird'sche auf.

Mit trüberer Flut

Steigt erst die Glut,

Doch brennt sie sich stets reiner,

Bis hell ein Lichtmeer ihr entsteiget,

Das lodernd zu den Sternen reichet

Und rein und hell und strahlend wallt.

Der Seher erwacht

Wie aus Grabesnacht,

Und staunend fühlt er sich leben,

Erwachend aus dem Tod der Schrecken,

Harrt zagend er, ob nun erwecken

Ein Gott der Wesen Kette wird.

Von Sternen herab

Zum Seher hinab

Ertönt nun eine stimme:

"Verkörpert hast du hier gesehen,

Was allen Dingen wird geschehen,

Die Weltgeschichte sahst du hier.

Es treibet die Kraft,

Sie wirket und schafft

In unaufhaltsamem Regen;

Was unrein ist, das wird verzehret,

Das Reine nur, der Lichtstoff, währet

Und fliesst dem ew'gegen Urlicht zu."

Jetzt sinket die Nacht,

Und glänzend ertagt

Der Morgen in seiner Seele.

"Nichts!" ruft er, "soll mich mehr bezwingen:

Das Licht nur werde! sei mein Ringen,

Dann wird mein Tun unsterblich sein!"

An die Günderode

Frankfurt

Günderödchen, der Clemens lässt Dich tausendmal grüssen. Ich muss es zuerst schreiben, denn er steht hinter mir und zwingt mich dazu, er spricht von einem Dompfaffen oder Blutfinken, der in Dich verliebt sei, und er sei so anmutig dumm, dass er Dir prophezeit, Du werdest ihm nicht widerstehen; denn die Dummheit sei Deine Schwäche, Du fallest drüber her wie ein Raubvogel über ein neugeboren Gänschen, und er hab Dich mehrmals sehen lauern und schweben mit gierigem blick über Dummheitsphänomenen, und die würdest Du Dir auch nie haben abjagen lassen, und Du seist gewiss im Rheingau auf der Jagd danach, während hier die merkwürdigsten Exemplare Dir in die hände laufen würden und auch mehrere für ein Geringes an Geld zu sehen sind.

Alleweil hat er den Hut genommen, um zu dem Puppenspiel Plätze zu bestellen, er will die Pauline hineinführen, um ihr augenscheinlich zu machen, wie es in ihrem Magen aussieht. Denn sie habe ein Puppenspiel im Leib und wenn sie mit ihm spricht, so antwortet er dem Pantalon, dem Skaramutsch, dem Hanswurst, der Colombine usw. – und sooft sie was Puppenspiel und so passend, dass das Puppenteater, nämlich der Pauline Magen, am meisten vom lachen erschüttert wird. Er ist unerschöpflich an Witz, und alles läuft ihm nach. Dass Du nicht hier bist, hat ihn merklich betroffen, er wollt, ich könnt Dich bewegen zu kommen, aber Du wirst die Gärten des Dionysos nicht verlassen, wo Du jeden Morgen reife Beeren kostest, die der Gott Dir zum Fenster hinanreicht, um hier auf der schmutzigen Mess die Bären tanzen zu sehen. Hätt der Clemens nicht hier auf mich gewartet, so hätt ich mögen mit Dir im Rheingau bleiben, der Franz hätt's wohl erlaubt, ich hab mehrmals dran gedacht; wie schön wär's gewesen, da wären wir herumgeschweiftüberallwo andre Menschen nicht hinkommenoft ist ein klein verborgen Plätzchen, das niemand kennt, das Schönste von der Welt. – Ich sag Dir, wir hätten Quellchen entdeckt, tief im Gras und Gestein und einsame Hüttchen im Wald und vielleicht auch Höhlenich durchforschel gar zu gern die natur Schritt vor Schritt. Ich dächt, wir sähen uns auch einstweilen um nach einem Ort, wo wir unsre Hütten bauen wollenDu auf dem Berg weit ins Freie hinaus und ich im Tal, wo die Kräuter hoch wachsen und alles versteckt ist, oder im Wald, aber nah beisammen, dass wir uns zurufen können. Du rufst durchs Sprachrohr: "Bettine, komm herauf!" und da komm ich, und der Kanarienvogel fliegt voran, der weiss schon, wo's hingeht, und der Spitz kommt nachgebellt; denn im Tal muss man einen Hund haben. Hör! – Und im Frühjahr nähmen wir unsere Stecken und wanderten; denn wir wären als Einsiedler und sagten nicht, dass wir Mädchen wären. Du musst Dir einen falschen Bart machen, weil Du gross bist; denn sonst glaubt's niemand, aber nur einen kleinen, der Dir gut steht, und weil ich klein bin, so bin ich als Dein kleiner Bruder, da muss ich mir aber meine Haare abschneiden. – So eine Reise machen wir im Frühjahr in