1839_Paalzow_084_97.txt

Kämpfen der Menschen, die wir eben so wenig in der organischen entwicklung der geistigen Welt zu entbehren vermöchten.

Und so dürfen wir mit mehr Anteil, als Unwillen auf die grauenhaften Bilder der Periode Frankreichs blicken, die wir eine vorbereitende der bedeutenden Zeit Ludwigs des Vierzehnten nennen dürfen; und den Samen zu ihren glänzenden Früchten dort aufzufinden, das wird vermittelnd zwischen uns und die Bilder ihrer rohen Willkür, ihrer wilden Leidenschaftlichkeit treten; denn diese gerade, werden wir finden, riefen, wenn auch scheinbar bloss zu ihrem Dienste, doch die Keime höherer geistiger entwicklung ins Leben.

Italien stand wie ein Baum, der zwei Mal in einem Jahre mit Blüte und Frucht geprangt, ermüdet von der überschwenglichen Leistung mit welken Zweigen, die keine neue Ernte verhiessen, als vertraue er den Vorräten, die er um sich angehäuft. – Frankreich lag diesem Ueberflusse zunächst, und alle seine Erfordernisse, sein Klima, die organische Gestaltung seiner Bewohner, ihr heisses Blut, ihre bewegliche Phantasie, vor Allem ihr erwachender EhrgeizAlles machte sie zu Erben Italiens.

Geschickt und mit treuem Eifer sehen wir die Geister Frankreichs sich erheben, den fremden Einfluss erfassend, um ihn für das Vaterland zu verarbeiten und den Boden zu reinigen für die neue Saat. Wie auch die Eruptionen der massen noch dazwischen stürzen, sie zerstören den zart sich fortspinnenden Faden höherer Kultur nicht mehr, und mit vieler Klugheit werden zwei Mal Fürstinnen aus jenem reichen land auf Frankreichs Königsstuhl gerufen; Beide aus dem Stamme der Medicäer, diesem Brennpunkt italienischer Grösse und Bildung.

Sie traten aus den glänzenden Hallen, wo die Götter der alten Welt ihre Heimat behalten, gestützt von dem Kultus ihrer unsterblichen Sänger, deren zauberische Stanzen aus den Sälen der Fürsten bis in die Hütten des Volkes erklangen; das Blut, genährt von jedem Sinnenreiz, geneigt, die Anforderungen desselben auf jedem Boden zu erneuen. Denn dort in der Heimat der Kirche, welche die alten Götter verdrängte, schien nur der Name gewechselt zu sein, und in den Hallen des Vatikans, in ihren Himmel anstrebenden Domen, umschaart von Heiligen und deren bilderreichem Dienste, von dem berauschendsten Pomp aller Schätze der Erde unterstützt, unter Wonne atmenden Hymnen, in süssen Weiheduft gehüllt, suchte die christliche Kirche ein gleiches Recht über die Sinnenwelt zu erhalten, und mit ihren reichen Mitteln sich des materiellen Menschen zu bemächtigen, den Geist verflüchtigend, erstickt von den Mitteln, ihn zu verherrlichen.

Katarina von Medicis war geschickt, jeden Fortschritt ihres Vaterlandes zu verbreiten, und an ihre Epoche in Frankreich hängen sich die erstaunenswertesten Erscheinungen, die vielleicht zu voreilig mit ihrem persönlichen Einflusse bezeichnet werden, um ihr gerecht sein zu können; da sie von der Zeit eben so fortgerissen ward, als sie der zeit den Einfluss überlassen musste, der an ihrer person haftete. – Wir dürfen den nicht stark nennen, der zufällig der Stärkste isteine Frau nicht so bezeichnen, die, von dem Vulkan eines materiellen inneren zum Sklaven gemacht, diesem eigentlich opfern m u ss t e , ohne Wahl und ohne Planund wenn die schrankenlose Willkür, mit der sie die Zustände ihrer Zeit verbrauchte, auf ein Uebergewicht in ihr zu deuten scheint, so vernichtet die kleinliche Geringheit ihrer Absichten doch stets jedes Prädikat der Grösse, und wir müssen einsehen, wie die begebenheiten ausser ihr daherschritten und sich bloss an sie anhingen, weil sie den Höhenpunkt einnahm, um den der Kampf kreiste. Aber dieser Standpunkt machte, dass sie die mitgeführten Schätze fremder Bildung, fremden Geistes um sich weiter verbreiten konnte, und bloss sich selbst den lang gewohnten, reich geschmückten Heimatsboden schaffend, ward sie ein Sammelpunkt neuer, glanzreicher entwicklung für tausend ihr entgegen blühende Kräfte, die, angeregt, nicht überschattet werden konnten von dem schnöden Dienste, den ihre geringe sinnliche natur ihnen widmete. Im Gegenteil gewinnt das Begonnene in Heinrich dem Vierten, in Sully's weiser Hand schon sichereren Boden; die augenblickliche Ruhe lässt das Gesammelte schon überschauen als französisches Eigentum. Maria von Medicis erscheint endlich in einem Augenblicke als Regentin, wo diese Anklänge bedroht sind. Die Stürme, die sie weder aufhalten, noch lenken kann, und die diese höheren Blüten zu knicken drohn, finden in ihr noch Schutz und Anregung, und sie erscheint in ihrem kleinlichen, inkonsequenten Walten, als habe sie das Schicksal bestimmt, diesen einen Punkt zu hegen, bis ihr Alles abgenommen würde, um in die grosse Hand Richelieu's über zu gehen, der zuerst zu gesammter Handhabung sich kräftig zeigte.

In wie fern Richelieu sich des Planes, eine unbeschränkte Monarchie zu stiften, bewusst war, der seiner klugen Regierung jetzt notwendig untergelegt werden muss, möchte eben so schwer, als erfolglos zu ergründen sein. Indem sein stolzer und befähigter Geist ihn an der Seite Ludwigs des Dreizehnten zum wirklichen Regenten Frankreichs machte, mussten die notwendigen Anforderungen dieses Karakters ihm die Unterdrückung der übermütigen Grossen des Landes, welche immer ein Familien-Oberhaupt an ihre Spitze lockten, um dahinter ihre anarchischen Absichten zu verbergen, zu einer fast persönlichen Befriedigung machen, wenn nicht zugleich anzunehmen wäre, dass sein grosses Genie, sein heller und der Zeit voraneilender Geist in dieser Unterdrückung das Mittel erkannt habe, Frankreich zu bürgerlicher Ruhe und den König zum absolutesten Herrschen zu führen.

Unbezweifelt hat das Getriebe, das er mit starker Hand zu lenken wusste, die ersten sicheren Resultate erzielt, und Ludwig der Eilfte, der den Kampf mit der Anarchie und mit dem aristokratischen Uebermute seiner grossen Vasallen so