in ihrem Privat-Zirkel zu sehen!"
"Nun," schrie der Marschall, dem dieses letzte Abschneiden seiner Pläne zum offenen Ausbruche seines schwer bekämpften Zornes verhalf, "so mögen mich doch alle Geier aus dem Wappen der Crecy zerreissen, ehe ich in diese Narrenbude von Bänkelsängern und Gauklern bei dieser weinerlichen Madame Henriette eintrete! Den Erben eines der grössten französischen Namen dort seinem grossen Könige vorzustellen, hiesse über den Helmsturz die Weiberhaube ziehen! – Für dies Geschäft danke ich, Madame; und da Sie Alles so wohl eingerichtet haben, Alles zu verderben, worauf mein altes Vaterherz sich gefreut hatte, so überlasse ich Ihnen auch den Rest, den auszuführen ich zu stolz bin!" – Und damit stürzte er, wie ein verwundeter Löwe, aus dem Salon, und die Diener, die, schnell vor ihm her eilend, die Türen aufrissen, wussten das oft Erlebte, dass der Marschall sich dem Willen seiner Gemahlin hatte unterwerfen müssen.
"Du wirst Dich wundern, mein Lieber," fuhr die Marschallin mit der grössten Ruhe fort, "Deinen Vater noch so lebhaft zu finden. Gottlob es ist ein sehr tröstliches Zeichen seiner wieder gewonnenen Kraft; wir wollen die kleine Störung verschmerzen, die doch eine glückliche Verkündigung seiner Genesung ist. – Denn so sehr es zu beklagen bleibt, dass der Marschall niemals den Ueberblick seiner Verhältnisse behält, so muss man ihm doch zugestehen, dass er mit vielem Takte sich leicht in die Anordnungen Anderer findet, denen er durch Länge der Zeit sein Vertrauen schenkte. Wir vereinigen uns stets dem allgemeinen Interesse gemäss; denn der Marschall liebt den Glanz seines Hauses so sehr, als ich selbst."
Man hätte glauben können, der innigste Familienrat sei so eben von einer zärtlichen Gattin mit ihrem Gemahle gehalten, so glitt die kalte Seele der Marschallin über jede Erschütterung hinweg, bemüht, sie ihren Umgebungen so darzustellen, wie es ihr zweckmässig erschien.
Der Sohn war nicht in dem Falle, seine etwa abweichende Meinung zu äussern, und Louise begriff so Vieles auf diesem ihr fremd gewordenen Boden nicht, dass sie das eben Gehörte, was sie ganz anders empfunden hatte, auf die grosse Rechnung des Unverständlichen setzte. Nur der Marquis Souvré, der Alles verstand und Nichts zu schonen hatte, sah die Marschallin mit dem vollständig unverschämten Lächeln an, welches die grosse Welt sich statt des Faustschlages aufgehoben hat; da nicht die Empfindung, nur die Aeusserung derselben sich verändert hat.
Die Marschallin fühlte dies vollkommen; aber schon war sie nicht mehr frei. Der gewandte Gegner hatte ihr das Netz übergeworfen, sie musste sich eingestehen, dass sie ihn schonen müsse.
Mit Widerwillen wandte sie sich von dieser überzeugung – zugleich erhob sie sich, die Zeit des Beisammenseins war beendigt. –
Mit welchen Gefühlen Leonin sich bald darauf in seinen Zimmern allein fand, wird uns schwer werden, auszusprechen; denn in ihm selbst fanden sich eigentlich nur Andeutungen, und zu viel war auf ein Mal angeregt, um jetzt schon die Kraft bezeichnen zu können, welche die anderen besiegen, und die vorherrschende bleiben würde.
Wenn wir ihn von der Absicht der Marschallin von Crecy geleitet denken, dürfen wir nicht übersehen, wie die Zeit in dem Augenblicke gerüstet war, diese stolze und ehrgeizige Frau zu unterstützen. Frankreich war in einem Rausche, der jedes Individuum, jeden Stand ergriffen hatte, und der Dünkel einer Naturberechtigung, eines absondernden Vorzuges war nicht aristokratisches Element allein. Die ganze Nation fühlte diesen Stolz, als f r a n z ö s i s c h e Nation, und dies Gefühl war der Heerd, um den sich alle Kräfte, wie die Mitglieder e i n e r Familie, sammelten und damals zuerst den unzerstörbaren Corporations-Geist entwickelten, durch den Frankreich so national erstarkte, dem Auslande so gebietend, fremdem Einflusse später so unzugänglich wurde.
Und wer musste nicht mit Anteil auf ein Volk sehen, das endlich unter den Flügeln seines jungen königlichen Adlers sich sammelte und, in e i n e m Gefühle zusammengehalten, von keiner Parteiung mehr bis in das Herz der Familien zerrissen, sich Mut gewann, auf dem eignen Boden sein Bürgerrecht zu üben.
Und dieser Boden war der Boden des schönsten Landes der Erde, das der Menschenhände nicht wartete, sich selbst ausstattend zu schmücken, und jeden seit Jahrhunderten in seinen Schooss niedergelegten Keim geistigen Lebens, treu bewahrt darbot, als es sich frei erklärte, seine Schätze zu sammeln und sie zur vollen Reife zu bringen. Denn gewiss würden wir nur unvollkommen die ausserordentliche Periode in der entwicklung Frankreichs, die unter Ludwig dem Vierzehnten fiel, betrachten können, liessen wir den ihr vorangegangenen Entwickelungen nicht ihr Recht, und fänden sich nicht in ihnen schon als Keime die Andeutungen der grossartigen Erscheinungen, die uns später so imposant überraschen, und die, als nicht zur Reife gekommene geistige Bestrebungen, dem materiellen Uebergewichte früherer zeiten weichen mussten. Wir dürfen den blick nicht abwenden von dem rohen Kampfe unbezähmter Leidenschaften, der die Blätter der geschichte mit seinen blutigen Bildern zu beflekken scheint; wir müssen mit jenem anteilvollen Staunen darauf merken, welches uns den blick frei erhält für den Zusammenhang, in welchem auch dieser rohe Kampf seine Ordnung findet und das Individuum seiner Zeit dienstbar darstellt, als unterliegendes oder siegendes Mittel neuer erkenntnis. – Wir sollten vielleicht mit eben so leidenschaftsloser Betrachtung diesen Zuständen folgen, als wir den grossen Eruptionen der natur gegenüber bleiben, welche ohne Zweifel analog sind mit den wilden, Bahn brechenden