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schliesse es immer in mein Dankgebet ein, in Frankreich geboren zu sein, besonders in Paris, und in Verhältnissen, welche mir gestatten, dem grössten Fürsten, den Gott je der Erde gab, mich nahen zu dürfen." "Der Marquis Vieuville hatte die Aufmerksamkeit, mir gestern zu sagen, dass die Majestäten nach Dir, mein Sohn, gefragt und Dich ohne die probe des Adels-Heroldes zu empfangen denken, welches allerdings eine Ehre ist, die man Deinen Eltern erzeigt. Aber ausser dem Grafen Harcour, der auch, wie unsere Familie, zu den Vettern des Königs gehört, und welcher mit unserem erhabenen Monarchen in einem Zimmer erzogen ward, ist eine solche Auszeichnung, mir erinnerlich, nicht geschehen. Als dieser junge Graf von Harcour von seinen Reisen kam, und der König es vernahm, sagte Seine Majestät zu dessen Vater: 'wen mir der Graf Harcour als seinen Sohn zuführt, der soll die Ahnenprobe geleistet haben.'" – Dieses behagliche Gespräch, in welchem die Marschallin sich nur in ihrer natur brauchte gehen zu lassen, um ihren Nebenzweck dennoch zu erreichen, den Sohn zugleich in alle Interessen zu verflechten, die ihn von seiner romantischen Richtung abzuziehn vermöchten, ward plötzlich durch die Meldung unterbrochen, dass der Marschall von Crecy seine Zimmer verlassen habe, sich hierher begebend.

Ein dunkler Schatten glitt zürnend über das Gesicht der Marschallin bei dieser Nachricht, und Leonin musste noch überdies gestehen, dass er vergessen habe, seiner Mutter diesen Besuch zu melden, den der Marschall ihm schon bei seinem früheren Morgenbesuche angekündigt.

Louise war aber nach dieser Botschaft sogleich freudig aufgesprungen und ihrem Vater über die Vorsäle entgegen geflogen. Jetzt hörte man auch schon die rauhe, lachende stimme des alten Herrn, der mit Louisen scherzte, und seine Gemahlin hatte noch eben Zeit genug, die prätensiöse Ruhe wieder anzunehmen, die sie einen Augenblick bei der unwillkommenen Botschaft erschüttert zeigte.

Louise halb im Arm tragend, trat der Marschall auch jetzt ein und ging kräftigen Schrittes auf seine Gemahlin zu:

"Aha, Madame, hier sind Sie im Neste mit ihren Küchleins! Nun, ich muss Sie überraschen und bei der Veranlassung Dank sagen für geleistete Pflege und Glückwünsche abstatten zu dem wiedergekehrten Sohne!" – "Marschall, Marschall," rief seine Gemahlin, "es scheint mir, Sie machen sich zu früh heraus! Ich fürchte, Sie werden meine Pflege aufs Neue nötig machen. – Nehmen Sie meinen Glückwunsch zurück, ich zweifle nicht, dass er in Erfüllung gehen wird." – "Ich auch nicht, Madame;" sagte der Marschall, "denn er scheint mir ein tüchtiger, offener, treuherziger Junge! – Nun, nun, Schelm, halte die Ohren zu, wenn ich Dich lobewirst tolle Streiche genug gemacht haben, das liegt den Crecy's für ihre Jugendzeit in den Gliedern! Also, da sei weder hochmütig, noch verzagt; denn ich hab' es in Deinem Alter eben so gemachtaber dann war es auch vorbei. Als sie mich einrangirten in die Reihe der grossen Herren, die den Tron tragen, mein Sohnda war ich mit eins nur der Graf von Crecyund Du hättest sehen sollen, wie sie Alle die Augen aufsperrten, als der tolle, wilde Junge seinen Platz überall einnahm, wie die Andern! Aber sie hatten vergessen, dass es den Crecy's im Blute liegt, dass sie nicht die alten Sitten und Rechte ihrer Väter zu lernen brauchen. Später ersah mir die Königin die rechte Brautdenn das muss man Deiner Mutter lassen, die Soubise's sind so alt, wie die Crecy's, daran war kein Tadel; und so sind denn alle Torheiten vernarbt, und der Name Crecy in Ehren geblieben. –"

Der Marschall ahnte nicht, wie seine Rede, die er mit voller überzeugung sprach, hier die verschiedenste, aber in Allem gleich bedeutende wirkung hervorrief. Die Marschallin wendete fast mit Verachtung die Blicke von dem Redenden, während sie sich nicht verhehlen konnte, er habe eine ihrer Minen ungeschickt, aber nicht wirkungslos in die Luft gesprengt. – Der Marquis de Souvré aber genoss mit einem kalten Lächeln die überzeugung, wie weit die Aeusserungen beider älteren Leonin von seinem arkadischen Glücke verschlagen musstenwährend dieser mit gesenktem kopf und Auge den Strom über sich ergiessen fühlte, der ihm seine Hoffnungen, seine Erinnerungen fast weg zu spühlen drohte. Wo nur anfangendiesem felsenfesten Baue hundertjähriger Ansichten gegenüber, die von dem sich empor schwingenden Zustande des Landes und ihres stolzen Königs eine neue Wichtigkeit, einen höheren Wert noch erhielten. In sich fühlte er weder Trost, noch Rat, und nur das gewöhnliche Auskunftsmittel blieb ihm übriger hoffte auf die Gaben des Zufalls.

"Wahrlich, Marschall," erhob jetzt seine Gemahlin die stimme, "Sie stellen das höchst passende Bild eines würdigen Lebens dar, und gewiss belehrend für Ihren Sohn, wenn auch das erste Kapitel Ihrer Jugend billig überschlagen werden könnte."

"Ja, ja," lachte der selten so milde angeredete Marschall, "so sind die Frauen! Was sie nicht verstehen, das tadeln sie. Habt erst Blut in den Adern, Sehnen und Muskeln, wie die unsrigen, und dann fragt nach, ob man nicht erst seine Luftsprünge machen muss, ehe man am Kamine hocken bleibt und mit dem Haushofmeister die Rechnungen durchsieht? – Weiss Gott, ich möchte keinen Jungen,