sollen, als Dich! Die Nonnen nannten Dich meinen Schutzheiligen, weil ich – sieh' hier, da ist es! – dies kleine goldene Herz, das Du mir einst schenktest, aufgehangen hatte, und darunter einen kleinen Altar gebaut, worauf Blumen standen und Kerzen."
"O, Du süsses Kind!" rief Leonin, und in diesem Augenblicke dachte er zuerst mit der alten Liebesstärke an Fennimor; denn eben erst hatte er die Stelle gefunden, wo sie hin passte – seine Schwester würde sie lieben und verstehen! – O, welch' ein Wonnehauch erschütterte seine Nerven bei dem ersten Einklange seiner jetzigen Welt mit jener stilleren auf Ste. Roche!
"Mutter, Mutter," rief glühend in der doppelten Empfindung Leonin – "welch' ein holdes Kind ist unsere Louise geworden! Wie engelgut, dass Du sie jetzt herriefest – mir diesen Boten des Glückes auf die Schwelle stelltest!"
"Nun diesen Dienst," sagte die Marschallin trokken, "hat sie sich selbst getan; denn sie war ein frommes, fleissiges Kind bei ihren Nonnen, und wie ich sie so fand, war ich ihr die Gerechtigkeit schuldig, sie der Welt vorzustellen. Nun wollen wir sehen," fuhr sie mit dem schmeichelhaften Lächeln der überzeugung fort, "wie sie sich hier machen wird." – "O, gut! gut! vortrefflich!" rief Leonin, sie wieder an sich ziehend, "ihre unverdorbene Seele wird sie überall den rechten Weg führen."
"Auch habe ich keine Furcht deshalb," fuhr die Marschallin in etwas höherem Tone fort, "es ziemte mir als Mutter sehr wenig, nach der Erziehung, die ich meinen Kindern gab, zu bezweifeln, dass sie stets dessen eingedenk sein werden, wozu ihre hohe Geburt und ihre grossen Besitztümer sie verpflichten. – Dies ist eine Gabe des himmels und eine strenge Anforderung zugleich, uns jederzeit über die Masse zu erheben; denn wir bleiben auf solchem Höhenpunkte der Gesellschaft nicht unangefochten von anmasslichen Ansprüchen, denen wir zu begegnen lernen müssen. – Doch mache kein so langes Gesicht, meine kleine Louise, komm' her und sei getrost! Schwer nur ist das Ungewohnte, und Dir, mein holdes Kind, waren die Sitten der Crecy und Soubise schon in der Wiege Schutz für spätere Tage." –
"Lasst uns jetzt, wie in alten zeiten, gemeinschaftlich frühstücken, ich will heute Nichts als eine glückliche Mutter sein und, wenn ich zwischen Euch sitze, träumen, Ihr wäret noch dieselben kleinen Kinder, die aus meinen Händen bedient sein wollten. – Marquis," rief sie dem eintretenden Souvré entgegen, "Ihr müsst heute durchaus mit mir empfindsam sein, so sehr sich dagegen auch Euer Naturell sträubt – eine Mutter, die so lange kinderlos war als ich, hat auch ihr Recht!"
"Ha!" lachte der Marquis und umarmte den ihm tief bewegt entgegen eilenden Leonin – "seid sicher, Frau Marschallin, ich kam in derselben Stimmung hieher und denke Eure bezaubernde Empfindsamkeit gewiss so lange zu teilen, als Ihr es selbst aushalten werdet."
"Tut das, mein liebenswürdiger Kavalier!" sprach die Marschallin, an der Tafel Platz nehmend. "Ihr habt immer die présence d'esprit, zu fühlen, was gerade passend ist. – Ein vollkommener Edelmann, mein Sohn," fuhr sie fort, "von dem Madame Henriette letztin zum Könige sagte: er hat die Feinheit des Verstandes, zu erraten, was wir notwendig denken müssen, wenn wir selbst noch damit fremd sind."
"Ach," rief Souvré lachend – "Madame findet es oft sehr bequem, wenn der Freund des Grafen Guiche vorher weiss, was sie denken wird."
"Lassen wir das!" – schnitt die Marschallin seine Rede ab. – "Du wirst über unsern Hof erstaunen, mein Sohn, und wahrscheinlich um so mehr, nachdem Du andere Höfe kennen lerntest – er muss notwendig der vollkommenste in Europa sein, da hier sich die höchsten Tugenden, die bezauberndsten Schönheiten mit der erhabensten Geistesbildung vereinigen."
"Es kann uns auch schwerlich entgehen," erwiderte Leonin, "dass der Ruf dieses ausserordentlichen Hofes seinen Einfluss über alle anderen erstreckt, und jeder seinen Anspruch auf Feinheit und Glanz, durch einige mehr oder weniger glückliche Nachahmungen des Versailler Hofes zu legitimiren sucht. Es entstehen jedoch daraus viele Missgriffe, die oft äusserst lächerlich werden; denn zu den erhabenen Formen, die unser König seinem Frankreich verlieh, gehört auch das Naturell des Franzosen, sie aufzufassen. Besonders bieten die deutschen Höfe manches komische Schauspiel einer Nachahmungssucht, zu der ihnen jede Naturgabe fehlt."
"Sie werden es, denke ich, noch teuer bezahlen, unsere Lachlust gereizt zu haben;" lächelte der Marquis vor sich hin – "wer sich aufs Nachahmen einlässt, versäumt immer, seine eigenen Fähigkeiten kennen und anbauen zu lernen. Ich gönne es zwar als guter Franzose dem übrigen Europa, dass es sich müssig in die Fenster seiner Reiche legt und neugierig nach Frankreich ausschaut, wie es tut und lässt; aber das Haus, welches hinter ihnen liegt, bleibt um so länger wüst und unheimlich, da sie den blick davon abziehen; und wenn solche rohe und barbarische Staaten versuchen wollen, uns nach zu kommen, so wird daraus doch bloss ein eitler Firniss, der kaum die ursprüngliche Rauhheit überglättet." "Ja," sagte die Marschallin scherzend, "ich