sagte er leise vor sich hin, und ihm geschah, was so wunderbar das Herz zu beschleichen vermag – er liebte die spröde Mutter mit ihren kargen Gefühls-Aeusserungen in diesem Augenblicke, wo er fast heimlich, hinter ihrem rücken in ihr Herz sah und ihre Weichheit für ihn herausfühlte, mit mehr Wärme, als den alten überströmenden Vater.
Dieser letzte Augenblick vollendete den schönen Tag, der ihn mit einem Glücke überrascht hatte, auf welches er nicht gewagt zu hoffen, und das um so berauschender für ihn war, je mehr es in Uebereinstimmung blieb mit Allem, was ihm von Jugend auf teuer und erlaubt erschienen und dadurch ihn in der vollständigsten Selbst-Billigung erhielt.
Als er endlich allein war und sich, der natürlichen Müdigkeit einer so grossen Aufregung folgend, mit Behagen auf seinem Lager ausstreckte, trat Fennimor's Bild vor ihn hin und schien ihn zu fragen: welchen Anteil sie an den Eindrücken dieses Tages behalten, wohin er sie verwiesen in diesen prächtigen Räumen.
Ach, es war ein tiefer Seufzer, den er nur als Antwort hatte; es war ein Gefühl, dem Schmerze ähnlich – aber er hätte keine Erwiederung gewusst, und hätte sie die Frage selbst an ihn gerichtet. Sein böser Engel wiederholte ihm aber die Worte des Marquis de Souvré: ich überlasse es Euch zu denken, wie sie in die Welt Eurer Mutter passen wird; – und ehe er sie zum Schweigen verweisen konnte, schrieen alle Stimmen in ihm: hier ist kein Raum für sie, nicht für den kleinsten Schritt ihres zarten Fusses! Aber so fremd, so herausgerissen aus jenem ihm erst zu spät durch Fennimor entüllten Zustande des Lebens, fühlte er sich hier, auf der alten Stelle der Heimat, wo seine frühsten Ueberzeugungen wurzelten, von ihnen aufs neue und in so überraschender und schmeichelhafter Art umschlungen, dass er sich mit Schrecken bewusst ward, wie jene Existenz – ein eben so heiliges Recht an ihm gewonnen.
Aber, wenn körperliche Ermüdung zu einem überfüllten Seelenzustande hinzutritt, der uns doch die augenblickliche äussere Ruhe gönnt, pflegt die erstere zu siegen und der Schlaf die Pforten des Lebens zu verschliessen. Leonin schlummerte so sanft, als ob das erste Wiegenlied ihn eingesungen. Die Marschallin von Crecy wusste genau, in welcher Stimmung ihr Sohn nach den Erlebnissen des gestrigen Tages sein musste, und sie war ihrer Sache so gewiss, dass der Marquis de Souvré auch nicht das kleinste Zeichen des Einverständnisses von ihr empfing, als er ihrer Einladung zum Frühstücke Folge leistete. Leonin war wirklich nur Sohn. Seine ganze Empfindung für seine Mutter war zurück gedrängt von dem kurzen, kalten Empfange und nur dadurch angewachsen; und der Morgen vor der Stunde, wo sie ihn zu sich beschieden, hatte nur jedes Gefühl höher gesteigert, da er sich überschüttet von ihren Aufmerksamkeiten fand, und in jedem Anspruche überboten durch die erweiterten Ansichten, womit die Bildung und der steigende Luxus der Hauptstadt in gleichem Maasse hervortraten.
Doch fühlte er sich geneigt, auch diese ausgezeichnete Ausstattung mehr dem verstand und der hohen Bildung seiner Mutter zuzurechnen, da keines der durchreisten Länder ihm dafür einen Maassstab hatte geben können; denn Frankreich stand damals in jeder Hinsicht an der Spitze Europas, und die wohlbewanderte Marschallin hatte eben deshalb nur das Vorhandene zu sammeln gebraucht. Dennoch trieb ihn seine Devotion anzunehmen, als habe sie alle diese Dinge erst ins Leben gerufen.
Zu dieser Stimmung fügte die Marschallin nun noch ihren Empfang, als er am Morgen in einem zauberisch eingerichteten kleinen saal, der in die herbstlich gefärbten Laubpartien des Gartens blickte, ihr entgegen eilte. Dieser schöne Raum trug den ganzen Wohllaut der Ruhe und des geistvollen Luxus, der die Seele zugleich zu berauschen und zu erheben scheint.
"Hab' ich Dich wieder, mein lieber Flüchtling," sagte sie mit dem süssesten Ton ihrer stimme und zog ihn auf das Fauteuil nieder, auf dem sie behaglich in ihrem Morgenkleide ruhte – "jetzt wollen wir uns gehören und die lange Entbehrung nachholen. Wie viel näher wirst Du mir gerückt sein durch so vorgeschrittene Bildung, wie diese schönen Reisen Dir gewährten. – Das wird das Herz der Mutter erquicken, die darum lange darbte!"
Mit welchem Entzücken sah Leonin, während sie sprach, in die immer noch schönen und jetzt so milden und weichen Züge der Mutter, indem er seine Augen antworten liess, und immer und immer wieder ihre hände küsste.
"O, möchtet Ihr Euch nicht täuschen, meine teure, teure Mutter!" rief er endlich, "möchten Eure Erwartungen, Eure Opfer, Eure grosse Güte sich einigermassen belohnen durch das, was Ihr in Eurem Sohne finden werdet!"
"Nun", lachte die Marschallin, "werden wir vor allen Dingen nicht zu tragisch! Eine Mutter, sagt man, soll nicht schwierig sein, in ihren Kindern einige Wunder von Liebenswürdigkeit zu entdecken, und so bilde ich mir zum Beispiel ein, Louise, die dort hinter Dir, wie ein Jäger auf dem Anstande, steht, ist das artigste Schoosskind der Erde!"
"Louise, Louise!" rief Leonin und schloss das schöne Kind, das nur mit Mühe der Mutter Worte schweigend angehört hatte, jubelnd in seine arme:
"Mein holdes Kind! meine Louise! bin ich auch noch Dein liebster Bräutigam, wie Du mich immer nanntest – hast Du auch nichts vergessen?"
"Ach, Leonin," rief Louise – "wie hätte ich denn in meinem Kloster andere Gedanken haben