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Mutter ihre Galla allein geniessen und bleibst bei Deinem einfachen alten Vater, der wenigstens wie ein Mann lebt."

Zärtlich eilte Leonin in die arme des geliebten Vaters, und seine Worte liessen immer neuen Sonnenglanz über das alte Heldenantlitz streifen.

Bald fand sich Alles so eingerichtet, wie der Marschall es sich ausgedacht, und auf den hölzernen Feldstühlen sassen Alle um die Tafel, an der die Einfachheit des Marschalls ihre Grenze fand; wie er überhaupt dieselbe nur als eine Laune für sich anerkannte und allen aristokratischen Aufwand zuliess und verlangte, seine launenhafte Einfachheit zu umgeben. Seine Tafel glänzte von Gold und Silber, seine zahlreichen Diener waren in Stickereien gehüllt und so steif frisirt, wie in dem Antichambre einer Dame. Im Vorzimmer befand sich, so wie die Tafel bereitet war, ein Musikkorps, welches mit den lärmendsten Instrumenten die Märsche und Tänze aus der früheren Lebensperiode des Marschalls spielen musste, der es nicht ungern sah, dass man, sich die Stunde seines Diners merkend, ihm aufwartete, wenn er mit einigen Freunden oder auch ganz allein, da er nie mehr mit seiner Gemahlin speiste, zu Tische sass. Man musste mit ihm gleichen Ranges oder aus den Umgebungen der Majestäten sein, wenn er den Wink gab, einen Sessel herbei zu holen; im anderen Falle liess er Alle um sich her stehen, während er mit der heitersten Laune die allgemeinste Unterhaltung zu beleben und den Hochmut seines Verfahrens durch die sorgloseste Fröhlichkeit zu versöhnen wusste.

Auch fehlte es ihm nie an diesem kleinen Hofstaate; denn alle jungen Edelleute, die früher unter ihm gedient und jetzt teilweise schon zu hohen militairischen Posten gestiegen waren, bewahrten ihrem ehemaligen Anführer eine so innige Liebe und Verehrung, dass sie seine Nähe mit Freude zu der Stunde suchten, die ihm die angenehmste war.

Die Rückkehr des Sohnes schien wirklich den letzten Krankheitsnebel von dem Marschalle genommen zu haben, und gewiss konnte man nicht ohne Interesse die rührende Lebendigkeit gewahren, mit der er erzählte, fragte und hörte. Die Kinderjahre Leonin's tauchten heute in ihm aufund diese Erinnerungen mit ihrem weichen, innigen charakter schlossen sich so wohltuend an seine augenblicklichen Empfindungen, ohne sie zu sehr zu verraten, dass Leonin, ganz hingegeben an die Worte des liebenswürdigen Alten, ihm mit allen Beweisen der Zärtlichkeit entgegen kam, um so seinem Herzen die vollste Befriedigung zu gewähren, ohne den Stolz des alten Kriegers durch das Zeigen zu grosser Weichheit zu verletzen.

Spät erst willigte er in die Bitten des Arztes, den kleinen Kreis zu entlassen; und als Leonin aus den Zimmern seines Vaters in den vorderen teil des weitläufigen Palais trat, überraschte ihn der merkwürdige Wechsel der Gegenstände, die in kaum grösserer Verschiedenheit in einem Verhältnisse zu denken waren, das seiner natur nach die vollständigste Uebereinstimmung hätte zeigen sollen.

Die Marschallin hatte ihre Gäste entlassenLeonin blieb unbemerkt auf einer Galerie stehen, die ihn einen blick in die Vorsäle tun liess, durch welche sie jetzt mit eben dem ceremonieusen Pompe nach haus zogen, wie sie angekommen waren. Mehrere bestiegen ihre reichen Portechaisen schon in diesen Vorzimmern; Andere liessen sich von zahllosen Dienern mit hohen Windlichtern umgeben, indem die Damen, von ihren Verwandten und Freunden begleitet, mit aller Grazie, welche die Ermüdung noch zuliess, ihre Fingerspitzen auf den Arm oder auf die Schulter der sie begleitenden Cavaliere legten und den Pagen die Mühe überliessen, ihre weitfaltigen Schleppen vor dem Gedränge zu schützen.

Von diesen Gruppen richtete Leonin den blick zu den prachtvollen Zimmern, denen sie zur glänzenden Staffage dienten. Jeder Luxus war hier verschwendet, den Reichtum, Sitte und Mode nur zu ersinnen gewusst; und die Laune des alten Marschalls für die Ausstattung seiner Gemächer trat um so grillenhafter hervor.

Sinnend lenkte Leonin seine Schritte nach den eignen Zimmern und fand hier die alten Diener seiner früheren Jugend, die ihn mit der zärtlichen Ehrerbietung begrüssten, zu der sein gütiger und sanfter charakter seine Umgebungen berechtigte.

Hier hatte jedoch der verschwenderische, glänzende Geschmack der Marschallin auch ihn erreicht. Die Zimmerreihe war vermehrt, eine herrliche Bibliotek, eine Gallerie mit den ausgezeichnetsten Gemälden und Kunstwerken, ein schöner Musik- oder Gesellschaftssaal war den Räumen hinzugefügt, die sein früheres Bedürfniss befriedigt hatten, und die, nun glänzender als je ausgestattet, dem jungen Erben sogleich anzukündigen schienen, die Zeit unscheinbarer Zurückgezogenheit sei vorüber. Die Ansprüche, die ihm aufgenötigt wurden, wollten jedes Zurückweisen durch sich selbst unmöglich machen.

Auch lag dies nicht in den Gefühlen, mit denen der junge Graf aus den Händen des alten Kammerdieners den neuen Besitz übernahmer war nicht umsonst der Sohn dieser älterender Glanz und der Stolz, der ihm so reiche Nahrung bot, war ein bedeutender Anteil seines Blutes, und er wusste die ihm überall eingeräumte Wichtigkeit sehr wohl in sich zurecht zu legen. Auch wirkte gerade das, was häufig den Anregungen dieses Sinnes entgegen trat, sein tief und zart fühlendes Herz, dies Mal nur, jene Gefühle zu verstärken und ihnen eine Seele und höheren Genuss einzuhauchen; denn er konnte sich seines Empfanges nicht bewusst werden, ohne die unaussprechliche Güte seiner Eltern aufs Neue zu empfindenund wenn er, von seinem Vater so eben mit dem reichsten Strome seiner Liebe überschüttet, mit heimlicher unbefriedigter sehnsucht nach dem mütterlichen Herzen hier eintrat, wie mussten da die Erzählungen des alten Kammerdieners ihn beglücken, die nur von der Sorgfalt handelten, welche die Marschallin mit eigner Anordnung und Aufsicht diesen Räumen geschenkt!

"O, wie sie mich liebt!"