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über zwei Jahre in unserer Familie lebte, und deren Platz nie mehr in meinem Herzen ersetzt werden konnte! – Aber obwohl sie sich so glücklich bei uns fühlte, sie sehnte sich doch zurück, und ausserdem war ihre Schönheit und Liebenswürdigkeit so gross, dass mein Bruder, der damals in das älterliche Haus zurückgekehrt war, sie nicht sehen konnte, ohne eine Neigung für sie zu fassen, der sie durch Entfernung zu entgehen dachte. Deine Mutter gehörte einer jüngern Linie eines sehr geachteten Hauses in England anaber mein Bruder durfte sich nur mit einem ebenbürtigen fräulein vermählen, wenn er Ansprüche auf die Titel des Namens d'Aubaine und auf die damit zusammenhängenden reichen Besitzungen behalten wollte. Seine leidenschaft beherrschte ihn jedoch so, dass es ihm möglich schien, dem zu entsagen, und er mit allen Ueberredungsmitteln in unsere älteren drang, ihm die Bewerbung um Miss Eton zu gestatten. Da erfuhr das edle Mädchen durch meine Mutter selbst die peinliche Lage meiner älteren, und ihr Entschluss war sogleich gefasst. Mein Vater entfernte meinen Bruder auf einige Tage, und unterdessen reiste Deine Mutter unter sicherer Begleitung durch Frankreich bis nach Calais, wo sie von Deinem Oheim, ihrem Bruder, empfangen ward und so nach England zurückkehrte. Ich habe sie nie mehr gesehen, obwohl wir uns nur mit der Hoffnung des Wiedersehens beim Abschiede trösteten; sie aber hatte durch ihre edle Aufopferung eine ganze Familie gegen die traurigsten Verwirrungen geschütztfreilich" – setzte die Gräfin nachdenklich hinzu, "sie liebte meinen Bruder nicht."

"Ach," rief Elmerice – "so war ihr das Härteste nicht auferlegt! O, wie beruhigt mich diese Versicherung! Wie könnte es mich noch heute, obwohl alle Leiden der Welt längst hinter ihr liegen, schmerzen, wenn sie die hätte durchkämpfen müssen, die das Herz erleiden mag, so im Gedränge zwischen ernsten Pflichten und einer reinen Liebe, der heiligsten Empfindung des Herzens! – Doch," fuhr sie nach einer Pause fort, da die Gräfin im Nachdenken verblieb, – "es geschieht wohl oft, dass auf diese Weise Menschen getrennt werden, die von der natur bestimmt schienen, einander anzugehören, und Frankreich vor Allen scheint mir durch seine alten Familienverträge in dem Falle, so harte Verhältnisse herbei zu führen. Mein Vater sagte mir oft davones war während seiner Anwesenheit daselbst, denke ich, Mehreres geschehen, was ihn darauf hinwies."

"Allerdings;" sagte die Gräfin, – "dies Land hat ganz die Formen behalten, die zu einer Zeit herrschen mussten, wo es nötig schien, die entstehenden Familien durch solche Verträge gegen Verbindungen mit dem roheren Teile des Volkes zu schützen. Nicht, wie jetzt, war Bildung und Sitte ein Gemeingut der Nation, sie fing erst in den Kreisen sich zu entwickeln an, die durch grösseres Grundeigentum eine gesicherte, ruhigere Existenz gewonnen, und, über die Anstrengungen für den Erwerb des Lebens hinaus, Zeit und Gedanken für eine höhere geistige entwicklung behielten. Die Geistlichkeit, als Hüter des schon vorhandenen Bildungsschatzes, wusste die Kreise, die so der höhern Sitte empfänglicher wurden, bald zu erkennen, und sie selbst half Verträge erdenken und stiften, welche die nötige Absicht beförderten, solche Familien unter einander zu verbinden und durch gesetz von dem roheren Haufen der noch unter dieser Bildung Stehenden abzusondern. Hierdurch ward der erste zarte Keim der Volksentwickelung geschützt und genährt; in diesen Kreisen wuchs sie auf und erstarkte, bis sie, dieselben überschreitend, in einer rechtmässig organischen entwicklung sich über die entgegen reifenden niederen Klassen ausbreitete, und die idee einer Bevorrechtung des Individuums nach gerade in leere Einbildung zerfallen machte."

"Und dennoch hält man diese Formen fest," sprach Elmerice, "die ihrer früheren Bedeutung leer geworden sind; und so viel gebrochene Herzen, so viel zerstörtes Lebensglück machte noch Niemand aufmerksam auf den wahren Inhalt dieser alt gewordenen Verträge?"

"Mein teures Kind," sagte die Gräfin sanft, "wir können hier, wie überall, den gang beobachten, den in ihrer Entstehung wohltätige und nötige Einrichtungen durch den Wechsel der Zeit, den sie mit bewirken halfen, erleiden. Vielleicht sind in diesem Augenblicke nur noch Wenige in Frankreich, die im stand wären, unsere Unterhaltung nicht mit Staunen, vielleicht mit Unwillen zu hörenja, es ist noch nicht lange, dass ich selbst mich von diesen Ansichten, mit denen ich auferzogen, beherrscht fühlte und ohne Widerrede geneigt war, ihnen jedes Opfer zu bringen. Erfahrungen, Einsamkeit und Lectüre, gewiss aber und vor Allem, dass ich mit vielen und ausgezeichneten Menschen lebte, die, wenigstens nicht erstarrt in dieser Form, schon die Zeit ahnend herauf dämmern sahen, die sich den gewohnten Ansichten entgegenstämmen wird, machte mich zu einer entwicklung bereiter, der ich mich jetzt nicht mehr entziehen kann. Je mehr aber ein innerer Verfall, um sich greifend, das lang Bestandene zu bedrohen scheint, je mehr werden wir finden, dass die Form festgehalten und der Irrtum genährt wird; dass sie es ist, um deren Behauptung es sich handelt, das sinkende Ansehn vor der sich auflehnenden Weltordnung zu schützen. Auch gehört sicher eine grosse Selbstüberwindung dazu, der schwächsten Seite dieser Sache, eben ihres lang behaupteten Rechts, nicht zugleich als eines Vorzugs gedenken zu sollen, da allerdings etwas Schmeichelhaftes darin liegt, sich der Kaste angehörend zu wissen, die am längsten sich des Besitzes geistiger und sittlicher Vorzüge rühmen darf, und auf eine dadurch mit