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als Oberhofmeisterin gebührte, mit der Frau Marschallin den Platz unter dem Tronhimmel teilen; da sie gewissermassen durch ihren besonderen Auftrag von Seiten der Majestäten zu einer geheiligten person erhoben war.

Zur andern Seite stehend, befand sich der Marquis von Vieuville, der Ehrenkavalier der Königin, der mit der vollkommensten Kenntniss jeder einzelnen person des Hofes und ihrer Verhältnisse sich den Ruf einer immerwährenden sarkastischen Laune zu erhalten wusste, daher, halb gefürchtet, halb gehasst, der Gegenstand der verbindlichsten Aufmerksamkeiten war, und eine Höflichkeit und Zuvorkommenheit an den Tag legte, die ihm sehr bequem ward bei der Beachtung, mit der man seine Aeusserungen entgegen nahm.

Die Marschallin wusste, während sie empfing, anredete, antwortete und für Jeden die passende Verbindlichkeit bereit hatte, stets einige pikante Bemerkungen über ihre Schulter dem ihr sehr vertrauten Marquis Vieuville zuzuwerfen, und der Marquis empfing diese Bemerkungen stets, um sie, mit reichen Zugaben versehen, seiner Gönnerin zurück zu geben; während sein wunderlich schmales und trockenes Gesicht, von einem fein beschnittenen Puderstreifen eingefasst, ausser der Bewegung der Lippen keine Veränderung zeigte, und jedes spähende Auge sich vergeblich daran versuchte.

"Madame," sagte er, indem die Marschallin sich abgewendet mit dem Herzoge von Gêvres unterhielt – "Sie sind heute dazu bestimmt, ganz Paris zu zeigen, wie die vollkommenste Dame des Hofes die zartesten Gefühle als Gattin und Mutter mit der bezauberndsten Eleganz zu vereinigen weiss, die auch dieses Genre aus dem rohen Naturzustande erhebt, worin es uns so beschwerlich fälltSie werden, wenn Sie sich gnädigst wenden, den jungen Grafen von Crecy erblikken!"

Einen Augenblick genoss der Marquis das schnelle Vibriren auf dem Angesichte der Frau Marschallin und begleitete es mit einem Lächeln, welches sagte: Sie sind doch noch nicht vollkommen Meisterin ihrer selbst! als diese auch schon, ohne aufzublicken, völlig sicher über ihren ironischen Beobachter, mit dem Lächeln der höchsten Sammlung sich dem ihr entgegen Eilenden zuneigte und es nicht ungern versäumte, ihm zuvor zu kommen, als er sich mit kindlichem Entusiasmus ihr zu Füssen warf.

"Also zu einem dreifachen Feste erheben Sie durch Ihre Ankunft diesen Tag!" rief sie mit anmutigem Eifer. – "Stehen Sie auf, mein teurer Sohn! Wenn Sie leider nur der Segen Ihrer Mutter hier empfängt, so erhielt Ihnen doch die Gnade Gottes den Vater, den Sie so liebevoll zu erreichen strebten. Mein Herz dankt Ihnen für diese lebendige Teilnahme! Und lassen Sie mich hinzusetzen: ich erwartete nichts Anderes von Ihnen! – Mademoiselle Louise, umarmen Sie Ihren Bruder!"

Zurückgedrängt mit allen seinen Gefühlen, erkannte der junge Graf, indem sein natürlicher Stolz die Oberhand gewann, wohin seine Mutter ihn vorläufig verwies; und aus dem hingerissenen Zustande kindlicher Liebe und Freude sich empor raffend, rief er sich die Sitten der vornehmen Welt, die eine lange Gewöhnung ihm bequem werden liessen, zurück, um sich auch jetzt vor der klugen Beobachtung seiner Mutter damit zu behaupten.

Er fühlte daher auch bald, dass er es sein müsse, der sich einer Gesellschaft entzöge, welcher er vor seiner Präsentation nicht zugehörig sein konnte, und fand die Bestätigung dieser Voraussetzung in der entschiedenen Haltung der Marschallin, die auch nicht die kleinste Bewegung zu einer Vorstellung ihres Sohnes an die ihr durch Ihren Rang am nächsten stehenden Personen machte, sich nach der Umarmung mit seiner Schwester, mit ihm wie in ihrem Privatkabinette unterhielt und dadurch alle Teilnahme der sie Umgebenden ablehnte.

Sie beobachtete dabei mit geheimen Vergnügen, wie stolz und gewandt seine Haltung und seine Worte waren, und musste diese Beobachtung noch bestätigt fühlen, als er ihr jetzt selbst seine Bitte vortrug, die Gesellschaft verlassen und seinen Vater aufsuchen zu dürfen.

Nachdem sie ihn beurlaubt, setzte sie ihre Unterredung mit dem Herzoge von Gêvres so ruhig fort, dass sie eine Anspielung auf das eben Erlebte Jedem unmöglich machte, und so das plötzliche Auftreten des jungen Erben anscheinend unbemerkt vorüber ging.

Nur Zwei in diesem Kreise hatten das Ereigniss tief empfunden, und wie verschieden auch ihre Gefühle waren, Beiden schien es gleich wichtig. Louise de Crecy hatte den Bruder umarmt; die einzige sehnsucht ihres unschuldigen Herzens war erfüllt. Sie wusste ihn nun in ihrer Nähe, diesen Schutzheiligen ihrer klösterlichen Träume, an den sie alle unverstandenen Wünsche ihres Herzens knüpfte, den sie so fest und sicher sich gewonnen glaubte, dass über den Rand ihrer Silberrobe, die wie ein Bollwerk ihre jugendliche Heiterkeit einfing, ihr kein Hinderniss mehr für das fröhlichste Leben mit ihm möglich schien, und ihr blick dem Davoneilenden mit dem bezaubernden Lächeln der Befriedigung folgte.

Auch die Augen des Marquis de Souvré folgten dem Jünglinge, und gleich der unschuldigen Louise, glaubte auch er ihn jetzt sicher zu haben. Aber, wenn Beiden die Stunde der Erfüllung schlug, war doch Beider Gefühl so ungleich, als Fluch und Segen!

Er musste es hören, wie der Eindruck dieses flüchtigen Erscheinens, den die Marschallin nur in ihrer nächsten Umgebung zum Stillschweigen zu verweisen vermochte, um ihn her eine grosse Bewegung erregte; und so sehr er mit den Schwächen der Menge vertraut war, so sehr er ihr Urteil verachtete und genau wusste, dass unbedingtes Lob, wie es hier dem jungen Erben nachtönte, nur eben in diesem ersten, bedeutungslosen Auftreten zu suchen sei, das noch kein Interesse berührte oder durchschnittso reizte es ihn dennoch, seine schöne stolze Gestalt, seine feine Haltung bewundern zu hören.

Während dessen durcheilte Leonin mit klopfendem Herzen die prachtvollen Gemächer und lenkte