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und Freude gemischten Rührung aus, von der sich vielleicht Keiner ganz losgegeben fühlen wird, der nach langer Abwesenheit die Vaterstadt zuerst wieder sieht.

Die schmerzliche Erwartung, der er entgegen eilte, verschwand vor dem Anblicke dieser bekannten Spitzen und Kuppeln und machte einem kurzen Aufjauchzen seiner Brust Platz; und als ob ihn schon geliebte Augen anlächelten, so blickte er zärtlich auf ihre im Nebel schimmernden Riesenbilder. – Es war ihm, als würde er sich seiner selbst erst bewusst, als wäre Alles, was er erlebt, bloss darum erlebt, um es hier durchzufühlen, an dieser Stelle ihn zu dem zu erheben, was er in unbestimmten Umrissen kreisen gefühlt hatte von Jugend auf; und als ob sie die erste uud unabweisliche Autorität wären, die ihn zur Rechenschaft ziehen könnte, so bang bewegt ward sein Herz, obwol sie ihm zugleich eine Verheissung von versöhnender Liebe, ein Verständniss mit ihm und allen seinen Zuständen erschienen, wie jedes andere Gefühl dagegen zu einem fremden und oberflächlichen ward. Es sind auch gerade diese, an unser frühestes, harmlosestes Bewusstsein geknüpften jugendlichen Erinnerungen, welche den unaussprechlichen Zauber weben, von dem wir uns beim Wiedersehn des Vaterlandes ergriffen fühlen. Es ist die Hoffnung, verstanden zu werden; diese stete sehnsucht des strebenden Herzens, die uns so leicht zu erfüllen scheint, den langvertrauten Gegenständen gegenüber, und uns jedes erfahrene Missverständniss vergessen lässt, uns nur an das erinnernd, was wir dort empfingen; so viel in dieser ersten Jugendzeit, dass es jeden neuen Gewinn zu sichern scheint!

Und jetzt umschlossen ihn schon die engen, geräuschvollen Strassen von Parisund je näher er der Fauxbourg St. Germain kam, je mehr ward seine Aufmerksamkeit in Anspruch genommen durch die schwerfälligen Karossen, welche, mit Dienern und Pagen behangen, e i n e m Ziele entgegen strebten.

Sein leichterer Reisewagen und sein immer ungeduldigeres Antreiben bahnten sich endlich einen Weg, der ihm bei einer schnellen Wendung das Hotel Soubise vor die Augen führte, welches seine Eltern bewohnten, und das zu seiner nicht geringen Ueberraschung das Ziel der um ihn rasselnden Karossen war, die schon in breiten Gassen davor aufgereiht standen.

"So muss mein Vater l e b e n !" rief Leonin. – Und eben rollte sein Wagen unter das Portal des Schlosses.

Bekannte Gesichter, ein lauter Jubelruf empfingen den jungen Erben, der mit einem Sprung über die Tritte hinweg unter den treuen Dienern stand, die jetzt hände, Rockschösse und Füsse mit Küssen bedeckten.

"Mein Vater! mein Vater!" stammelte Leonin, fast erstickt von Gefühlen.

"Er lebt, gnädiger Herr! er lebt! Gott hat ihn erhalten!" drang es aus aller mund. "Kaum war der Bote fort, als die Genesung eintrat."

"Und wo, wo, meine Mutter?" – Er wies Jeden mit seinen Armen zurück und flog, Alles vergessend, überrennend, an den prachtvoll geschmückten Gästen, welche die Treppen bedeckten, vorüber, in die glänzenden Zimmerreihen, in denen er die Mutter suchen musste.

Die Marschallin von Crecy verbarg unter der feinen Miene gesellschaftlicher Höflichkeit, die sie ihr vollständiges Eigentum nennen konnte, das unruhig bewegte Herz einer person, welche unaufhörlich irgend eine Absicht, irgend einen Plan verfolgt, und von Allem, was sich um sie her bewegt, hauptsächlich verlangt, dass es sich nach ihrer Ansicht, ihrer Bestimmung gestalte. Es war oft bloss die Ausübung dieser herrschaft, die ihren Entwürfen Reiz verlieh, da sie sich selten über die Geringfügigkeit derselben täuschte, und eine bittere Verachtung gegen Menschen und Verhältnisse fühlte, die sich beherrschen liessen. – Man konnte sie so durch ihre eigenen Neigungen bestraft nennen; denn, indem sie ihren ganzen Scharfsinn aufbot, jeden Widerstand um sich her zu entkräften, machte es ihr doch gerade die übelste, finsterste Laune, dass sie Niemanden fand, der ihr gewachsen war, obwol er nur Gegenstand ihres ungemessenen Zornes, ihrer rastlosen Verfolgung gewesen wäre.

Es dürfte nicht schwer werden, hiernach die augenblickliche Stellung gegen ihren Sohn zu folgern. Sie war ausser sich, dass er Widerstand wagte; aber sie ward dadurch belebt und zu einer Tätigkeit erhoben, die alle ihre Kräfte anregte. – Und dass sie gerade in ihrem Sohne den Gegenstand finden musste, der das Wagniss versuchte, ihren Willen zu lenken, machte sie stolz auf ihn und flösste ihr den Grad von achtung ein, der ihn ihr zum würdigen Gegner machte, der Mühe wert, ihn zu besiegen; – denn b e s i e g e n , einen andern Gedanken hatte sie freilich nicht!

Das tödtliche Erkranken des alten Marschalls, wodurch die schnelle Einberufung des Sohnes vollständig motivirt ward, war ihr kaum willkommen. Dies Ereigniss unterstand sich, ohne ihren bestimmten Willen ins Werk zu richten, was sie sicher war, doch zu erreichen. Sie fühlte sich fast dadurch beleidigt und regte keine Hand, es zu unterstützen; sah sich aber doch genötigt, die Hebel, die sie für spätere zeiten in Bereitschaft hielt, jetzt um so viel vorzurücken.

Notwendig bedurfte sie einer Collision der Verhältnisse. Das Eintreten ihres Sohnes durfte nicht das Hauptereigniss sein; es hätte ihn ihr zu nahe, zu imponirend entgegen gestellt, und das Mittel fand sich sogleich.

Mademoiselle Louise, ihre einzige Tochter, erhielt in dem Kloster der Benediktinerinnen einen Besuch von ihr, und die Marschallin zeigte sich hier so vollkommen zufrieden mit der sechzehnjährigen Tochter, dass sie der äbtissin ihre Absicht aussprach,