. – Der Schatten hätte den schönen Unterteil des Gesichts verhüllt, wäre nicht von dem weissen Blatte des Buches, vor dem sie gebeugt sass, ein Reflexlicht dazu aufgestiegen, welches Farbe und Form magisch verschönte.
Die kostbaren Stoffe, die Leonin seiner Gemahlin nur passend hielt, waren ihr längst im täglichen Gebrauche bequem, und der reiche blassblaue Seidenstoff, der von ihrem schlanken leib in vollen Falten zur Erde fiel, ward um Schultern und Busen mit reichen Spangen gehalten. Sie trug und passte das Alles zu einander mit dem vollkommenen Geschick, was, von der Schönheit unterstützt, so oberflächlich unter die Rubrik einer natürlichen weiblichen Koketterie verwiesen wird, und vielmehr der edlen, reinen, allgegenwärtigen Empfindung zuzurechnen ist, welche eine Frau leitet, sich selbst zur Befriedigung, nur das Schöne und Vollkommene an sich leiden zu mögen.
Gewiss fühlte Leonin mehr, wie je, den unaussprechlichen Zauber seiner Liebe, und sein blick schweifte einen Augenblick an den hohen, schwerfällig verzierten Wänden des schönen altertümlichen Gemachs umher, und schien die verdüsterten Familienbilder herauszufordern, ihm ein würdigeres Modell zu zeigen für die Nachfolge in ihren Reihen.
Da war Fennimor an das letzte Wort gekommen, womit Cid von Ximene'n Abschied nimmt, überwältigt schlug das feurige Kind die hände zusammen, und Leonin's Augen suchend, rief sie: "O, wie göttlich schön ist es, solchen Schmerz zu fühlen!"
Leonin eilte ihr näher, aber ein schnell hervorbrechendes Schluchzen des holden Wesens zeigte ihm, wie tief die poetische Erschütterung war, die sie erfahren, und er schämte sich fast, mehr ihrer Schönheit, als der herrlichen Dichtung gedacht zu haben.
Doch sollte ihm keine Zeit bleiben, ihr seinen halben Anteil zu verbergen. Schritte wurden im offenen Nebenzimmer gehört; der Graf ging dem eintretenden Kammerdiener entgegen und nahm ihm einen Brief ab, der so eben aus Paris mit einem reitenden Boten angekommen war, der Tag und Nacht den Weg gemacht hatte.
Es durchzuckte Leonin, als er, den Lichtern näher tretend, durch wenige Zeilen des Marquis de Souvré von dem tödtlichen Erkranken seines Vaters benachrichtigt ward, und dem Begehren desselben, seinen Sohn noch einmal zu sehen.
Er erhob den blick von dem verhängnissvollen Blatte zu Fennimor empor, die ihn gespannt beobachtend noch an derselben Stelle sass; er wollte noch ein Mal den Eindruck zurückrufen, dem er sich einen Moment früher so ganz hingegeben fühlte, aber schon hatte der Ausdruck seiner Züge, die sie so scharf beobachtet hatte, von ihrem gesicht jene poetische Verklärung verwischt, die nur eben in dem Zurücktreten unserer eigenen Existenz Raum findet. Ahnungsvoll blickte sie ihn an, und er fand keine Worte; stumm reichte er ihr den Brief, dessen Inhalt, in wenigen Worten bestehend, sie eben so schnell überflogen hatte. Fennimor erblasste wie der Tod, und einen Augenblick schien der ungeheure Schmerz ihre Gestalt mit Erstarrung zu berühren. Leonin wagte nicht, sie länger anzublicken; gebeugt stand er, an das Pult sich lehnend. – Da hörte er, wie sie aufstand; bald sah er sie vor sich stehen.
"Leonin," sagte sie leise, aber fest und innig, "das ist Gottes Gebot! Dein Vater ruft Dich! – Du musst fort – schnell reisen! O, eile, eile, damit er Dir seinen Segen gibt, Du nicht, wie ich, die stumme, kalte Leiche findest!" –
"Fennimor, heil'ger Engel, Du sendest mich selbst von Dir, Du willst mir das Allzuschwere mit Deiner frommen Kraft erleichtern!" –
"Ja, Leonin, das will ich, und Dich rüsten helfen, damit Du schnell Deinen Weg antreten kannst, und will standhaft sein und Dich nicht entkräften durch meinen Weiberschmerz, damit Du ein Mann bleibst, ein Held, wie Cid – das hätte Ximene auch getan."
"Ha," rief Leonin und drückte sie an seine Brust – "Corneille, welch' ein Lorbeer sprosst heute um Deine Stirn! Das ist Dichterberuf, die Begeisterung hervorzurufen, die das empfängliche Gemüt Dir nachfliegen macht und dem Leben den charakter der Erhabenheit aufdrängt, mit dem Du es erfüllt hast!"
Sie sah ihn fragend an – sie wusste es nicht, dass es so war – aber, als sie an ihm vorüber aus dem Zimmer schwebte, die Worte zu verwirklichen, war in ihrer Gestalt eine Sicherheit und Ruhe, eine Erhabenheit, als schwebe der Goldreif Ximenen's um ihr jugendliches Haupt. –
Und so hatte der helle Dezember-Morgen kaum den leichten Frost der Nacht in Tautropfen verwandelt, da zog durch das Tal von Ste. Roche der beflügelte Reisezug des jungen Grafen Crecy, und aus Eudoxiens Turm wehte ein weisser Schleier als letzter Liebesgruss, während die fromm beherrschten Tränen jetzt wie Bäche aus den schönen Augen Fennimor's, vielleicht auf dieselbe Fensterbrüstung fielen, wo einst Eudoxia dem königlichen Geliebten nachgeweint.
Zweiter teil
Das Gefühl, seinem sterbenden Vater entgegen zu eilen, verschlang jede andere Betrachtung in dem jungen Grafen von Crecy, und so war er weit davon entfernt, an die schwierigen Verhältnisse zu denken, mit denen er sich unter andern Umständen beladen gefunden haben würde. Eile war das einzige, was er nötig zu haben glaubte, und die Türme von Paris tauchten aus dem Nebelmeere rauchender Essen und dem Dunstkreise einer zusammengedrängten Volksmasse schon am Abend des dritten Tages vor dem ungeduldigen Sohne auf, und übten auch auf ihn die magische wirkung einer von sehnsucht