1839_Paalzow_084_85.txt

schönen Welt, wie sie von Gott kommt, noch so eine finstere geheime Welt ist, die gar nicht dazu gehört, gar nicht Gottes Welt sein kannund bei der nicht zu begreifen ist, warum die Menschen sie in die andere grosse Gottes-Welt hineinsetzen, und damit die andere verderben und Gott kränken! – O, Leonin, ich glaube, mein Vater wusste gar nichts von der falschen, gemachten Welt!"

"Wohl hast Du Recht," – sprach Leonin, "dass dies nicht die rechte, sondern eine falsche Welt istund es schmerzt mich, dass Du mit der Kenntniss des Schlosses, die Du so wünschtest, einen so düstern blick hinein tun musstest. – Lass' uns diese Welt, die uns so fern liegt, vergessen, und richte Deine Blicke auf die Gegenwart, die kein Schrecken birgt. Obwol ich durch Unterricht und Lebensweise diesen Beziehungen näher getreten bin, so sind sie von mir doch noch nicht selbst erlebt, und ich ahne mehr den Stoff, dem ich zerstreut in der Welt begegnet bin, als dass ich ihn in dem eignen Leben bisher nachzuweisen wüsste. Es ist ein schwermütiges Geschäft, sich in die fragen zu vertiefen, die sich uns darüber aufnötigen wollen, wie sich die Zulassung der schrecklichen Verbrechen, welche die Erde besudelt haben, mit der Gerechtigkeit Gottes verträgt, wie, dass wir oft den Unschuldigen untergehen sehen und den Verbrecher triumphiren. – Lass' uns denken, dass dessen ungeachtet die göttliche Gerechtigkeit sich ausreichend erweist, dass solche Triumphe, wie das Untergehen der Unschuld nur scheinbar sind, und der innere Zustand Beider in der ausgleichenden Hand Gottes ruht."

"Ja, so wird es sein," – sagte Fennimor, welche ihn mit gläubiger Zuversicht angehört hatte: "aber gewiss gibt Gottes schöne Welt zum Bösen keine Veranlassung, und Jeder dürfte gut sein nach seinen Kräften."

"Und doch ist dieser Streit, dieser Kampf nötigdadurch gerade, dass wir mit dem Bösen und gegen das Böse kämpfen, entwickelt sich das Höhere in der menschlichen natur, und der, welcher den Kampf erregt, ist ein Werkzeug in Gottes Hand, eben so, wie es der Streiter für das Gute ist; wie schwer würde es uns werden, das Maass ihres Verdienstes oder ihrer Verschuldung zu findendas ist unserm Auge entrückt."

"Ach, Du bist weise!" sagte Fennimor, die trüben Augen zu ihm aufschlagend. Dann liess sie sich, von so vielen Eindrücken ermüdet, von Emmy Gray nach ihrem Bette führen, und bald heilten ihre unschuldigen Träume die Wunden ihrer Seele aus. –

Wie liebevoll auch Beide den immer näher rückenden Augenblick der Trennung vor einander zu verhüllen suchten, er nahte sich darum doch, und Fennimor rang mit der Einwilligung zu dem grössten Schmerze, den sie glaubte erleben zu können. Aber noch immer sträubte sich ihre stolze und kräftige natur gegen eine solche Zumutung; fast zürnend blickte sie auf Umstände, die sie dazu nötigen wollten; und wunderbar fühlte sich Leonin von dieser Forderung, die er in jedem Worte, in jedem Blicke dieses Naturkindes erkannte, verschüchtert. Alle Rücksichten, von denen er sich beherrscht erkennen musste, versanken vor einem geist, dem die natürlichen Verhältnisse der Menschen allein eine Geltung hatten, und er fühlte teils Scheu, ihr die Erscheinungen der Gesellschaft, wie sie ihm bekannt und bedeutend geworden, zu schildern, teils fühlte er Zweifel, ob sie ihnen den Einfluss zugestehen würde, da sie ihre Fassungskraft übersteigen mussten. – Aber wir können oft nach Aussen hin uns gegen das Andringen einer gefürchteten Veränderung mit entschiedenen Worten wehren, dennoch ergreift schon die überzeugung, dass wir ihr nicht entrinnen können, unsere ängstlich Wache haltenden Gedanken, und wir betreffen uns gegen unsern Willen auf kleinen Handlungen oder Einrichtungen, die nur darauf Bezug haben können, dass wir selbst jene gefürchtete Veränderung für unabweisbar halten und ihr instinktartig schon entgegen kommen.

So machte Leonin, wie Fennimor Einrichtungen und Pläne zu Beschäftigungen und kleinen Erheiterungen im Freien, die ihre Zeit auszufüllen strebten, wobei eine stillschweigende Anerkennung durchblickte, dass sie dann ihres Gatten beraubt sein würdeund doch umschlichen Beide das entscheidende Wort, und nicht selten schaffte sich Fennimor nach solchen Anregungen, die ihre Seele beklemmten, durch ein paar angstvolle Worte Luft, die jede Andeutung verläugnen sollten.

Da hatte sie der Abend vor dem hohen Lesepulte gefesselt, und Fennimor las mit langsamer Aussprache, aber richtigem Accente und dem rührend unschuldigen Tone ihrer kindlichen stimme, die unsterblichen Stanzen des Cid von Corneille. Wie glühten ihre zarten Wangen, wie schön hoben sich im verwandten Gefühle der eigenen hochherzigen Empfindungen die schön geschweiften Lippen, um den edlen Stolz, die reine ritterliche Liebe des Helden auszudrücken, wie hätte sie lieber selbst ihm gleich geantwortet, und wie gespannt lauschte sie der Antwort Ximenen's, hoffend, es sage ihrem eigenen hochbegeisterten Gefühle zu, was sie antworte.

Wer vermöchte zu schildern, mit welchen Gefühlen Leonin, zwischen Sehen und hören geteilt, vor ihr sass; leise war er von ihrer Seite weggerückt, ihr fast gegenüber, ihren vollen Anblick geniessend und sicher, dass sie in ihrer begeisterten Hingebung an den grossen Dichter und seinen Helden ihn selbst vergessen würde.

Die Kerzen, die über dem künstlich geschnittenen Pulte von Eichenholz in schweren silbernen Armen ruhten, beleuchteten von oben das runde Haupt mit seinen reichen, lichtbraunen Locken und warfen das hellste Licht auf die weisse, zartgewölbte Stirn