1839_Paalzow_084_84.txt

Querbalken wieder verwahrte, öffnete in dem Banketsaale eine Seitentür, die nach einer offenen Gallerie führte. Wenn auch noch älter an Ursprung, war sie doch in diesem Augenblicke eine wahre Erquickung, da die Herbstsonne warm und duftig auf sie schien, und die zierlich gemauerte und vielfach durchbrochene Einfassung mit Moos und niederhängenden Eibenbäumchen durchflochten war, welches Alles dem unschuldigen Leben der natur näher führte; obwol hier das Zeichen des überhand nehmenden Verfalls, von dem die Vegetation mit ihren vielfach anmutigen Mitteln sogleich Besitz nimmt, deutlicher hervortrat. Hier beruhigte sich Fennimor, und ihr trübes Auge gewann seinen vollen Glanz wieder, und Lippen und Wangen ihre Farbe.

"Wo sind wir denn jetzt?" – fragte sie, auch sogleich zu ihrer alten Neigung zurückkehrend und die Fensterreihe hinter sich prüfend, wovor diese Gallerie entlang lief.

"Dies waren die verschiedenen Zimmer der Hoffräulein" – sprach der Kastellan; "sie sind ohne Wert, und haben eine besonders feuchte und kalte Luft." –

"Aber jener Turm, an dessen tür sich diese Gallerie endigt, wo führt er hin? – O, sieh' doch, Leonin, wie reizend dort das Ende eines Altans hervorschaut! Welch' herrliche Aussicht muss man von ihm in das Tal von Ste. Roche haben, da er mehr nach jener Seite zu liegt!" und schon eilte Fennimor auf der Gallerie voran, das Schloss an der kleinen Tür gab nach, und sie stand in dem Turmzimmer, ehe der Graf ihr folgen konnte, was St. Albans mit sichtlichem Widerstreben tat.

Auch dies war ein grosses, rundes Schlafzimmer, jedoch in seiner Ausstattung von bedeutenderen Ansprüchen, obgleich diese mehr, als in den übrigen Zimmern, gelitten hatte, da der Altan zwar mit seinen grossen Türen das Fenster bildete, aber, den Unbilden des Wetters preisgegeben, Regen und Schlossen eindringen liess. Da liefen an den vergoldeten Lederbehängen der Wände kunstreich geschnittene Bänke von Eichenholz um das Zimmer her, und neben dem Kamine von schwarzem Marmor stand das grosse Bett, welches, wie gewöhnlich, an Vorhängen und Verzierungen der Holzschneidekunst den meisten Aufwand früherer Zeit zeigte. Vorzüglich aber betrachtete Fennimor ein schönes Betpult mit Knieschemmel, an dem ein zusammengesunkener kleiner Harfion, eine kleinere Art dieses später erst vergrösserten Instruments, wie die Damen ihn leicht in einer Hand zu tragen vermochten. Dies kleine Instrument, wenn jetzt auch ohne saiten, mit verrosteten Wirbeln, war doch mit dem grössten Fleisse in Elfenbein und Gold gearbeitet, und zeigte an, dass hier ein fräulein gehaust, da nur Frauen dies Instrument spielten. – Die Vorhänge des Bettes waren nicht zugezogen, und Fennimor sah die Kissen und Matratzen von dunklem Damast, und die reich gestickte Decke, wenn auch Alles von Staub und Feuchtigkeit geschwärzt erschien, und kaum noch in seiner früheren Beschaffenheit kenntlich. –

Schon ein paar Mal hatte Fennimor gefragt, wem dies Zimmer gehört habeda sie ihre Frage wiederholte und den alten Mann dabei befremdet ansah, erwiderte er schüchtern: "Es ist der Eudoxien-Turm."

"Eudoxia? Nun, wer war das?" fragte sie weiter.

"Eudoxia, das schöne fräulein von Nemours, war auch eine Hofdame der Frau Königin Katarinaaber sie hatte nicht Glück davon. Der König, sagt man, habe sie lieber gehabt, als erlaubt war, und er fand sie hier einstmals auf ihrem Lager, dass sie ihm bloss noch die blutende Wunde in der Brust zeigen konnte, und ihm sagen, wie ihr befohlen war: die Königin habe dies getan. – Dann ist sie verschieden. Drauf, sagt man, sässe sie noch immer hier auf diesem Altane in ihrem weissen Kleide und warte auf den König, wie er sonst durch das Tal herauf zog."

"Heil'ger Gott," rief Fennimor und barg ihr Antlitz an Leonin's Brust, "eine Königin und morden! Ist denn das möglich? Sie sagen ja, sie sind von Gott erwähltkönnen sie denn da morden? Das ist vielleicht nicht wahr! O, Leonin," fuhr sie wemütig fort, "sprich doch, Du musst es ja wissen!"

"Lass' das jetzt, Fennimor! Kehren wir lieber zurückhier unten liegen unsere Zimmer auch freundlich von der Sonne erhellt, da wohnen keine schrecklichen Erinnerungen. Mein Ur-Grossvater liess sie gastlich einrichtendort wollen wir Alles vergessen."

"Ja wohl," sprach der Kastellan, "von diesem guten gnädigen Herrn sind nur schöne, heitere Nachrichten in der Chronik zu finden. Er benutzte auch nie diese oberen Gemächer oder doch nur jene Seite drüben, die königlichen Prunkgemächer, nie den eben besuchten Banketsaal, weil er auf den grossen finstern Hof mit dem Grabmal des Herrn Grafen Teophim herabsieht."

Die vielfach bewegten Wanderer kehrten in ihre jetzt schön und ansprechend eingerichteten Zimmer zurück, und hier erst zeigte es sich, wie tief erschüttert Fennimor war, denn bleich und wortlos sank sie in einen Stuhl am Feuer hin, hörte nicht, was Leonin sprach, und schien mit offnen Augen bewusstlos.

Leonin fühlte bald, dass er sie nicht gewaltsam wekken dürfe, und gönnte es ihr, sich selbst auszuträumen, mit seinen liebevollen Blicken ihr bloss ein zärtlicher Wächter bleibend.

Mit einem tiefen Seufzer löste sich endlich ihr beklommener Zustandsie erkannte Leonin und sank weinend an seine Brust. – "O, Leonin," rief sie – "dass in der offenen,