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aber, so wie Euer Gnaden es hier sehen, so ist Alles verblieben, mitten im Gebrauch! Lautes glänzendes Leben den einen Tag, am andern Morgen Alles leer, zu Pferde, zu Wagen, auf und davon, Keiner sein Gepäck nehmend oder nachforderndund auf Befehl der zuerst fliehenden Frau Königin wurden diese Zimmer abgesperrt, und kein Stück ihres hier vorhandenen Besitzes durfte ihr nachgesandt werden; sie floh sogar in dem Pelzmantel eines Hoffräuleins. Damals hatte sie es dem ersten Grafen von Crecy-Chabanne, der hier Besitzer ward, geschenkt, und dieser gar heftige Herr hatte, wie man sagte, besonderen Grund, den Befehl der Königin gut zu heissen. Da verblieb es dann so, und die tugendhaften Nachfolger dieses ersten Herrn wollten es immer so belassen."

"Da sind wir wohl die ersten, die das alte Gebot überschreiten?" sagte Leonin, von unheimlichen Empfindungen angeregt.

"Ob die ersten, Euer Gnaden, kann ich nicht bestimmenbei meiner Zeit jedoch die ersten; denn Dero Herr Vater haben die herrschaft Ste. Roche nie beehrt."

Zur Rückkehr geneigt, wollte Leonin dies eben Fennimor vorschlagen, da bemerkte er, dass sie von seiner Seite in das Nebenzimmer geschlüpft war, und in demselben Augenblicke rief sie ihn von daher zu sich: "O, Leonin, komm' geschwind, und sieh', was ich hier Reizendes gefunden habe!"

Er eilte ihr nun nach und trat in das düstere Schlafgemach der Königin, in dessen Hintergrunde das riesige Himmelbett mit dunkelrotsammetnen Vorhängen stand. Ihm entgegen aber trat Fennimor und hielt einen schönen goldenen, mit Edelsteinen verzierten Becher in der Hand. – "O Leonin," rief sie, "welch' ein Kunstwerk! Sieh', wie herrlich das gemacht ist! O, lass' ihn mir, ich will ihn zum Andenken behalten und täglich daraus trinken!" In demselben Augenblick setzte sie ihn an die Lippen, als versuche sie ihn.

"grosser Gott, erbarme Dich!" schrie der alte Kastellan, und ehe noch die Lippen den Rand des Bechers umschlossen, riss er ihn aus Fennimor's Hand und stellte ihn dann schaudernd nieder, als habe er sich daran verletztaber zur Besinnung kommend, hatte er einige heftige Worte von seinem sichtlich beleidigten jungen Herrn zu bestehen, und beschämt beugte der alte Mann sein Knie vor seiner jungen Gebieterin und flehte um ihre Verzeihung. "Ich habe mich schwer vergangen, Euer Gnaden, aber vielleicht vergebt Ihr mir um der Veranlassung willen. – Sehen Euer Gnaden den trüben Grund des Bechers? – Als er zuletzt gefüllt ward, ist Gottes herrliche Gabe zum Frevel benutzt worden, und der helle Wein der Bourgogne ward mit Tropfen tödtlichen Giftes gemischtniemals hat ihn seitdem das heilige wasser gespült, und er ist erblindet, wie Ihr ihn hier sehet."

Schaudernd wendete sich Fennimor ab, und St. Albans winkte den Grafen bei Seite, und setzte schnell und ängstlich hinzu: "Der Herr Marquis Spinola folgte hieher seiner Geliebten, der Frau Königin Katarinaaber sie hatte Neigung, ihn los zu werden, und es fand sich dazu ein grosser ihres Hofes, den sie bevorzugte. Obwol nun der Dolch in seinem Schlafgemache auf ihn harrte, so fürchtete Katarina doch den Widerstand des mutigen Marquis; als er sie am Abend verliess, reichte sie ihm selbst diesen Becher, dessen schnelle wirkung sie noch an der plötzlich gebrochenen Kraft des Unglücklichen beobachtete, und entliess ihn dann. Aber er ahnete das Geschehene, und als der erste Dolchstoss ihn traf und der tödtliche Schmerz des Giftes ihn zugleich zerriss, stürzte er in das Schlafzimmer der Königin zurück, von seinem Mörder verfolgtund schrecklich hier das Geschlecht Beider verfluchend, schleuderte er der Königin den Becher an den Kopf, dass er weit hin zur Erde rolltedann verschied er auf ihrem Bette, Bäche von Blut vergiessend, so dass die Frau Königin, von seinen Flüchen verfolgt, aus diesem Bette nicht entfliehen konnte, ohne bis an die Knöchel in Blut zu waten. – Da reiste sie zur selben Stunde aus dem schloss, und Alles, wie von Geistern gejagt, hinter ihr her, und nie betrat sie es wieder, Niemand durfte je seinen Namen vor ihr nennen. Den Becher aber rührte Keiner wieder anes war der Königin Lieblingsbecher, darum verfluchte der Herr Marquis Jeden, der daran die Lippen setzen würde."

Der Graf hörte mit tiefem Schauer die schnelle Mitteilung des Greises und sah sich hastig nach seinem jungen weib um, das zuerst den schrecklichen Bann überschritten hatte.

Sie lehnte sich bleich und erschüttert gegen das Bett der Königin, und als Leonin zu ihr eilte und sie liebevoll in seine arme schloss, erleichterte sie ein Strom von Tränen.

Doch der Alte war ihnen nachgeschlichen und zupfte mit trauriger Miene den Grafen am Kleide. "O, führet die gnädige herrschaft hier fort!" sprach er leise, indem er, von Fennimor unbemerkt, auf die grossen dunkeln Flecke am Fussboden zeigte; und Leonin fühlte, das sie auf dem Blute des Spinola standen, der hier das Geschlecht der Crecy verfluchte; denn was der alte Kastellan aus Ehrfurcht verschwieg, war Leonin zufällig bekannt und bezeichnete in dem erwähnten Mörder den Grafen Teophim von Crecy.

Sanft strebte er, die zitternde Fennimor aus diesem traurigen Bereiche zu ziehen, willig folgte sie ihm, und der Kastellan, der schnell die Türen dieser Unglückszimmer mit Schlössern und