1839_Paalzow_084_82.txt

, wie der Vater erzählte von der Mutter der Grachen." – Freundlich gab sie sich jedoch bald den mannigfachen Gegenständen hin, die ein zu fesselndes Interesse besassen, um ihren jugendlichen Sinn nicht zu beschäftigen, und der alte Kastellan führte, zu seiner Wohlgemuteit zurückkehrend, seine jungen Herrschaften in den grossen Banketsaal der Königin, der mit Tronhimmel und Gobelins verziert war, und an dessen Wänden reiche Schränke standen, die in Ebenholz mit Gold und Silber, die kunstreichst geschnittenen Hautreliefs aus den Chroniken des alten Testaments zeigten. Sie dienten teils zur Ausschmückung, teils zum Aufbewahren kostbarer Geschirre, oder zu Schenk- und Vorschneide-Tafeln.

"Hier befände sich noch manches der Beachtung Werte," sprach der alte Kastellan und öffnete das kunstreiche Schloss eines der grösseren Schränke, welcher noch mehrere schwerfällige Silbergeschirre entielt, so wie eine grosse Anzahl Becher in Gold und Silber, mit Wappen und Sinnbildern, und einige von den schönen leichten venetianischen Glaspokalen, die, der jungen Frau noch niemals vorgekommen, ihr höchstes Erstaunen erregten.

"Diese kostbaren Geschirre," sagte der Kastellan, "sollen alle damals hergeschafft worden sein, als die Frau Königin dies Schloss überhaupt mit so grosser Pracht für den kurzen Besuch der vornehmen polnischen Magnaten ausrüstete, die sie eingeladen und lieber hier, als in Paris empfangen wollte, da sie diese Grossen des damals von den verschiedensten Parteien zerrissenen Landes sich geneigt zu machen trachtete, um die Wahl des neuen Königs dermaleinst auf ihren geliebten Sohn, den Herrn Herzog von Anjou, unsern nachmaligen allergnädigsten König, zu lenken. Es ist hier nicht mehr Alles beisammen, was damals an grossem Glanze diese Räume erfüllte, aber die alten Tagebücher der Kastellane, woraus die Chronik besteht, und welche sich noch vorfinden, sagen darüber grosse Wunder."

"Warum ist diese tür mit dem eisernen Balken verwahrt?" fragte die junge Gräfin, der tür neben dem Trone sich nahend.

"Dies sind die Geheimzimmer der Frau Königin Katarina," erwiderte zögernd der Kastellan; "sie sind auf Befehl der Herren Grafen von Crecy immer auf diese Weise von den übrigen Gemächern getrennt gewesen."

"O, die möchte ich sehen!" rief Fennimor – "könnt Ihr sie öffnen?"

"Das steht allerdings jedem Kastellane zu bewerkstelligen frei," sprach der Alte, "wenn es befohlen wird, aber sie sind voll böser Luft, Euer Gnadenauch wurden sie auf Befehl weder gelüftet, noch vom Staube gereinigtes ist für eine so zarte gnädige herrschaft, wenn ich's zu sagen mich unterstehen dürfte, kein passender Aufentalt."

"O, doch, doch, guter Albans!" – rief die junge Gebieterin – "ich muss sie sehen, gerade sie! – Nicht wahr, Leonin, Du willst sie auch sehen?"

Dieser fühlte wohl, der Alte habe etwas ganz Besonderes bei diesen Zimmern auf dem Herzen, da er sich aber nicht näher erklärte und die Wünsche Fennimor's ihm das Gegengewicht hielten, so gab der Graf das Zeichen, dass er sie öffnen möchte; die verrosteten Schlösser zeigten, wie lange das nicht geschehen warerst nach vieler Anstrengung gelang es dem Alten, die Riegel zurückzuschieben.

Es waren zwei an einander hängende Gemächer von mässiger Grösse, beide mit vergoldetem Leder bekleidet. Die Luft drang den Eintretenden wirklich mit Grabesbauch entgegendie bunten Scheiben waren erblindet von der Zeit und den Spinnweben, und liessen daher nur ein Halbdunkel in der Beleuchtung zu. – Aber diese Vernachlässigung hatte einen andern Reiz behalten, der die jungen Schlossbewohner auch näher trieb und gerade darin lag, dass hier nichts bei Seite geräumt war, wie in den andern Räumen, sondern dass, fast zum Erschrecken, mitten in der vollen Lebenstätigkeit dieser ungeheuren Frau eine Unterbrechung, ein Stillstand eingetreten sein musste, der die verschiedenen Gegenstände, die sie umgaben, erstarrt zu haben schien, und ihnen noch die eben verschobenen Falten der Draperien, den schief gerückten Sessel, genug, jedes Zeichen plötzlich unterbrochener Benutzung erhalten hatte.

Die Mitte des ersten Zimmers ward von einem kolossalen Schreibtische eingenommen, dessen Aufsatz von schwarzem Ebenholze auf Füssen von weissem Marmor ruhte, und mit einigen künstlichen Vorrichtungen zum Schreiben versehen war, nebst einem hoch darüber ragenden Crucifixe von Elfenbein und mehreren schweren, kostbar eingebundenen Büchern. Herum standen drei Armsessel, mit dem Stoff der Tapeten bedeckt, die verschoben waren, als sei dies eben beim Aufstehen geschehen.

"Dies war ihr geheimes Konferenz-Zimmer," sagte St. Albans leise – "dieser schöne Schrank entielt die laufenden Akten und Briefe; in diesem mittelsten Sessel sass die Königin, hier die Räte oder die andern beteiligten Personenhier an der Wand, auf dieser Bank, die Hoffräulein, wenn sie bleiben durftenauch soll sie gern während der Beratungen in der Fenster-Nische über dem Stickrahmen gesessen haben, aber der damals anwesende Kastellan Hieronimus verzeichnete darüber: Alle hätte ein Fürchten beschlichen, wenn jene, so das Gesicht zur Stickerei abgewendet, Rat gehalten hätte; sie solle dann noch mehr, als gewöhnlich habe verüben können! Seht, der eingespannte Silberstoff, an dem sie damals gearbeitet, ist noch sichtbar, aber freilich erblindet, verstäubt und keine Reinigung mehr aushaltend. Ach, es sind kostbare Dinge hier nach gerade untergegangen durch den Befehl, diese Gemächer abzusperren."

"Aber warum geschah das?" fragte die junge Gräfin.

"Das hatte traurige Gründe, die Gott richten wird in Barmherzigkeit