und seiner jungen Gebieterin; denn nicht minder, als von ihm selbst, sah er die alten, wertvollen Ueberreste des einst königlichen Besitzes, von denen er die Chronik des kleinsten Gegenstandes zu erzählen wusste, geehrt.
Es fanden sich daher in Folge dieser entstehenden Zuneigung immer mehr Gegenstände ein, welche zum Gebrauche sich nützlich zeigten, und die der beunruhigte Alte zu Anfang mit eifersüchtiger Scheu zu verbergen bestrebt gewesen war.
Die Familie der Kastellane von Ste. Roche waren dieser Besitzung treuer gewesen, als die Herren derselben.
Die St. Albans waren schon unter Katarina von Medicis auf diesem Posten gewesen, und vom Urahn her hatte Sohn auf Sohn bei allem Wechsel der Verhältnisse diesen Platz behauptet. Jeder Nachkommende war unter den Chroniken von Ste. Roche aufgewachsen, und jeder Schrank, jede Tapete, jedes Gerät war für sie ein heiliges Vermächtniss, was Jeder von Kindheit an hatte pflegen sehen, und was vor den Einflüssen der Zeit zu bewahren, der Stolz jedes Einzelnen ward.
Katarina von Medicis, die hier zuerst einen Hof von einigen Wochen während der Jagdzeit hielt, hatte das Fundament einer Einrichtung gelegt, da das Schloss zu weit von Paris entfernt war, um, wie bei anderen Umzügen des Hofes, für dessen kurze Anwesenheit von dort aus mit Möbeln und Geräten ausgestattet werden zu können. – Später hatte der erste Besitzer aus dem haus Crecy längere Zeit mit grossem Aufwande hier gelebt, und aus allen diesen zeiten befanden sich noch wohl erhaltene Ueberreste, die allerdings nur ihr Bestehen der solideren Beschaffenheit verdankten, die den Ausstattungen der früheren Jahrhunderte eigen war, und den Rang und Reichtum der Besitzer darlegen mussten.
Fennimor hatte auf der langen Reise die Musse benutzt, sich von ihrem Gemahl eine Uebersicht der geschichte Frankreichs geben zu lassen – und mit grossem Interesse alles vernommen, was sich auf Katarina von Medicis, diese angestaunte Schwiegermutter der unglücklichen Maria Stuart, bezog. Was sie durch diese Mitteilungen erfahren konnte, war ihrer Unschuld gemäss in verhüllende Andeutungen eingekleidet worden, und so jubelte sie bei dem Gedanken, in das Schloss dieser mächtigen Königin einzuziehen, worin noch ihre Zimmer sich vorfinden sollten, und Möbel und Geschirre, die ihr zugehört hatten.
Es zeigte sich, dass der junge Graf eben so fremd in seiner neuen Besitzung war, als seine junge Gemahlin, denn diese Güter wurden nur wegen ihrer Revenüen geschätzt, zum Bewohnen schienen sie der Marschallin von Crecy, die sich nie vom hof trennte, völlig unpassend.
Beider Geschmack vereinigte sie daher in dem Wunsche, unter Anleitung des alten Kastellans, der eine lebendige Chronik des Schlosses zu nennen war, dasselbe in seiner ganzen Ausdehnung zu besichtigen und in chronologischer Ordnung mit dem ältesten Teile desselben zu beginnen.
Dieser ruhte auf dem höchsten Felsgrunde, der das Ganze trug – er ward der Klaudia von Bretagne zugeschrieben, die hier nach der Gefangennehmung ihres Gemahls, Franz des ersten, in schwermütiger Zurückgezogenheit bis zu ihrem tod lebte, und deren Grabmal sich auch in der Hauskapelle als einziges Ueberbleibsel ihrer Existenz vorfand, denn dieser älteste teil, der in der Mitte des funfzehnten Jahrhunderts entstand, zeigte nur Turmzimmer, rohe Wände, gepflasterte Fussböden und die kleinen Schiessscharten-Fenster, die wenigstens Landschlösser nicht entbehren konnten.
Die flüchtige Besichtigung erregte wegen der erloschenen Erinnerungen, die überdies in einem frommen, tugendhaften weiblichen Leben selten durch hervorragende Situationen sich lange dem Gedächtnisse der Menschen einprägen, wenig Interesse. Aber sie gewannen in der Betrachtung erst ihren Platz, wenn man dies einfache Bedürfniss der königlichen Klaudia mit dem verglich, was die stolze Medicäerin dafür nötig hielt.
Die Räume, von Flur und Treppen an, die der Aufentalt ihrer Leibwachen und Diener waren, und die alle noch die Ueberbleibsel von Einrichtungen zeigten, die sie zu Ess- und Trinkgelagen passend gemacht hatten, die weitläufigen Zimmerreihen, die, sämmtlich mit Namen bezeichnet, Erinnerungen an das mannigfach gestaltete Leben dieser Frau erregten, die kolossalen Möbel, Kamine, Bettnischen, die kostbaren und unverwüstlichen Tapeten von Gobelin, vergoldetem Leder und Sammet, die auch zu Teppichen und Bezügen der Stühle, Ruhebetten und Fenster-Umhängen dienten, und von Marmor, Skulpturen und Vergoldungen in reicher Ueberladung unterstützt wurden – sie zeigten ein verwegenes Ergreifen äusserer Mittel, um ein Schaugerüst empor zu türmen, wohinter sie den krankhaften Zustand ihrer aus tausend Wunden blutenden Zeit um so lieber verbarg, da sie an Heilung nicht dachte und das Wundfieber, in welchem bald diese, bald jene Partei im Wahnsinne die Obergewalt fand, bloss zu ihren Zwecken verbrauchte.
"Ach," sagte Fennimor inmitten dieser Räume, "welch' ein Glanz! – und Klandia hatte nur ihr Bett – ihre Kapelle und ihre Spinnstube!"
Der alte Kastellan schlug die Augen nieder, als müsse er sich schämen vor den so wohl behüteten und so hoch von ihm geehrten Schätzen, und der fast unbewussten Geringschätzung, womit er die Räume der frommen Klaudia vorgezeigt – zuerst fühlte er den Gegensatz.
Er zögerte fast, weiter zu gehen, obgleich er doch noch so viele kleine Schätze hatte, die er zeigen und erklären wollte, worauf er heimlich stolz war. "Gewiss," sprach er zuletzt, "die fromme Königin Klaudia hinterliess keine wertvollen Besitztümer, es findet sich in den frühesten Verzeichnissen der Kastellane nichts bemerkt, was darauf hinweisen könnte, sonst würde es gewiss erhalten sein."
"Ja, das glaube ich," erwiderte sinnend die junge Gräfin – "sie hatte allen Schmuck in sich; das wird bei ihr gewesen sein