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wie wir, und immer waren sie mir nicht gut genug; aber wir wollen sie lassendie haben mich nie erzürnen können, sie waren so klein, so ungeschickt und konnten nie verstehen, wie ich's meinte."

Dies stolze, feste Herz erschütterte mit ihren einfachen unschuldigen Worten mächtiger in Leonin die imponirende Wichtigkeit des eben Erfahrenen, als seine eigenen durch frühere Eindrücke bedingten Betrachtungen es vermocht hatten.

Er erhob sich an der festen Hoheit dieser reinen Seele, und ein Schimmer des früheren Glückes kehrte ihm wieder in der grösseren Berechtigung, die sie ihm teils in ihrem eigenen Werte, teils in der strengen Kritik über seine Widersacher gegeben. – Er raffte sich zusammen und besann sich, was ihm zunächst lägeund alle Weisheit der Liebe kehrte ihm zurück. Er eilte, die heil'ge Unschuld seines Weibes vor der Schmähung der Welt zu bewahren, und hüllte den ganzen Vorgang in gleichgültige Worte ein. Dann begab er sich zu Emmy Gray, um ihr, wenn auch nicht Alles, doch das Wichtigste seiner gehabten Unterredung mitzuteilen und die notwendigkeit klar zu machen, dies Haus wo möglich andern tages zu verlassen.

"Ja wohl, Herr," rief sie mit stolzem Zürnen, "lasst uns schon morgen dies Haus verlassen, was jetzt dem gehört, für den wir zu gut sind, ihm irgend Dank zu schulden. Eben so soll John heute noch sein Bündel schnüren und nie diese Stätte wieder betreten. Gut, gut, Mylord, dass diese unweisen Männer, die ein Sakrament lästern, nicht Gewalt haben über die heiligen Dinge der Erde! Lasst es sie nicht hören, sie ist noch zu jung, um Unrecht zu begreifen, das Leben zeitigt früh genug dazu!" – So verliess sie den Grafen, und sein Selbstgefühl, was durch die Schmähungen, die er erduldet, in ihm gestört worden war, kehrte langsam unter Menschen zurück, in deren Wert er fühlte, nicht als ein Tor gehandelt zu haben. –

Die schnelle Abreise der Verfolgten verhinderte, dass die strengen Maassregeln des Lord Gersei sie erreichten, und John Gray war schon auf seinem kleinen Karren, worauf er sein Kind und seine beweglichen Habseligkeiten geladen, längst über die Grenzen von Stirlings-Bai, ehe sich der Lord seines Vorsatzes erinnerte. Bald kehrten die mit seinem Willen Beauftragten zu ihm zurück, um ihm anzuzeigen, dass die Abtei leer von allen ihren Bewohnern sei, und nur noch auf der Landstrasse nach Edinburg die Reisekutsche des Grafen von Crecy habe gesehen werden können. Der Himmel lag so fest und grau, wie eine Kuppel von gegossenem Stahl, über dem schmucklosen Herbsttag, und der Wind streifte mit eisiger Schärfe über die leeren Felder und durch die laublosen Wälder, als wolle er die Erde zerreissen und i h r die Macht fühlen lassen, die er umsonst an der festen Nebeldecke des himmels erprobte. Vergeblich versuchte der junge Schlossherr von Ste. Roche diesem lang vernachlässigten Aufentalte einen Anstrich von Wohnlichkeit zu geben, an den seine junge Gemahlin gewöhnt war, und der sie nach einer langen und schwierigen Reise, der ersten ihres Lebens, so sehr benötigt schien.

Es half ihm wenig, dass ihm die Auswahl im ganzen schloss frei stand, überall fanden sich Schwierigkeiten, die am wenigsten für einen Mann zu beseitigen waren, der von dem Erschaffen einer häuslichen Einrichtung so wenig Begriff bekommen hatte. In seiner bisherigen Lage, die ihm alles Benötigte fertig überlieferte und so jene unmännliche Verwöhnung erzeugte, in welcher die Fürstin Soubise ihn so sorgfältig zu erhalten verstand, hatte er keine Gewandteit lernen können, und es konnte daher nicht fehlen, dass Emmy Gray mit ihrem entschlossenen und tätigen geist nur kurze Zeit das unsichere, erfolglose Umhertappen des Grafen mit ansehen konnte. Mit glücklichem Ueberblicke wählte sie den gewandten Kammerdiener desselben zu ihrer hülfe, und nachdem sie mit dem alten Kastellan das Schloss durchstreift, fand sie, wenn auch aus einem andern Jahrhunderte, doch kostbares und brauchbares Material genug, eine wohnung einzurichten.

Sobald die Art der Tätigkeit sich zeigte, die erforderlich war, trat auch der junge Schlossherr mit dem liebenswürdigsten Eifer ihr bei, und die höheren Anforderungen seines Standes, die Emmy fremd geblieben, wurden durch ihn selbst und den damit vertrauten Kammerdiener zu den Notwendigkeiten gefügt, die sie zuerst ins Leben zu rufen gewusst.

Wenn anfänglich zu fürchten war, dass Fennimor durch den Aufentalt in einem grossen wüsten schloss, welches mit seiner wunderbaren Gestaltung und seinen fremdartigen, uralten Constructionen jede, auch die ruhigste Phantasie mit geheimen Schauern anzuregen vermochte, sich unheimlich und erschrokken fühlen würde, so zeigte sich bald, dem entgegen, eine so lebhafte, bewundernde Teilnahme für diese ausserordentliche Erscheinung, dass die anderweitigen kleinlicheren Anregungen ihrer Umgebungen, von denen selbst Leonin nicht ganz frei blieb, unverstanden an ihr vorüber gingen. Ihr Geist war frei geblieben von jedem Hauche des Aberglaubens, für jeden Eindruck von übernatürlichen Erscheinungen; ihre Spielgefährtin, Beschützerin und Pflegerin war Emmy gewesen, welche, wo möglich, noch furchtloser, als ihr Zögling, diesen nicht dazu verführen konnte. An geheimnissvolle Zustände in dem geist des Menschen hatte sie in Schottland, diesem land mondsüchtiger Träumer und vom geist der Ahnung berührter Propheten, wohl glauben gelernt, aber alles, was an Geistererscheinungen und an das Grauen, das selbst leblose Dinge, wie Möbel und Zimmer, dadurch gewinnen, streifte, verwarf sie als gemein und für sie nicht passend.

Es zeigte sich daher bald eine grosse Annäherung zwischen dem alten Kastellan