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gewünscht, der Erste sein zu können, der ihr meine Verhältnisse vortrügeaber ich fühle, Euch die Verpflichtung zum Schweigen aufzuerlegen, wäre bei den fragen, denen Ihr zu begegnen haben werdet, zu viel verlangt. Gott lenke daher Eure Worte! Denkt, dass so viel vom ersten Eindrucke abhängt; denkt, dass es der einzige Sohn der Frau ist, der Ihr so ergeben seid, und dass Ihr so wohl versteht, Eure Ansichten vorzutragen!" –

Kein laut verriet die Meinung des Marquis auf die herzliche, dringende Anrede; stumm verneigte er sich mit zu Boden geschlagenen Augen und wendete sich dann zu Lord Gersei. "Und Ihr, Mylordwas habt Ihr mir zu befehlen?"

"O, Marquis," rief der Lord – "was soll ich Euch an die edle, tugendhafte Frau für Aufträge mitgeben, die sich durch mich verraten glauben wird, und mir Vertrauen und achtung versagen für immerdar. Nein, nein, niemals kann ich diese Kränkung verwinden! Sagt Ihr, ich mache keine Ansprüche auf ihre Verzeihung, und wollte ihre Feindschaft, ihre Geringschätzung als lebenslängliche Strafe ertragen. Aber das fügt hinzu," und bis zum dumpfen Brüllen steigerte sich sein Ton – "finde ich diese Copulation im Kirchenbuche verzeichnet, so lasse ich es auf offenem platz vor der Kirche verbrennen, und John Gray und sein Weib und der Kirchendiener, die sich Zeugen zu nennen wagen, werden noch heute aus der Kirchengemeinde ausgestossen, und der Büttel soll sie über die Grenze jagen, dass sie sich nie wieder zu Stirlings-Bai zählen dürfen!"

Schon hörte der Unglückliche, gegen den dieser neue Schimpf ausgestossen ward, das Ende dieser zornigen Befriedigung, welche sich der Stolz und der Hochmut eines der untadelhaftesten Barone des alten Schottlands verschaffte, nicht mehr. Mit tausendfach verwundetem Herzen, bis zur Raserei gereizt und gekränkt sich fühlend, war der ganze Himmel seines idyllischen Glückes entweiht und beschimpft, und es schien ihm, als könne er nie wieder einen Hauch des seligen Friedens empfinden, den er wenige Tage früher noch als ein unzerstörbar gewonnenes Gut betrachtete. – Vielleicht hatte er Recht; denn sein Herz hatte eine unheilbare Wunde empfangen, um so nachhaltiger, da die heftigen Worte, denen er ausgesetzt war, die Grundsätze und Ansichten, die er gehört, ein ausschliesslicher Besitz seines Standes waren, unter deren Einfluss er gross geworden, und denen er überall mit dem Wiedereintritte in die Welt zu begegnen sicher war.

So stürzte er dem mechanisch gefundenen Wege nach der Abtei zu und ward sich erst seiner selbst wieder bewusst, als er in den grünen Dom der hohen Buchen trat, die ihr grossartiges Naturleben in heiliger Unabhängigkeit fortführten, das kleinliche Treiben der Menschen, was seit Jahrhunderten an ihnen hingegangen, mit hohem Blicke übersehend, als wollten sie dem keuchenden Wanderer zurufen: "Geduld! Du und Deine Leiden verfallen der Zeit, und Du gehst mit ihr vorüber, ein kleines Atom in dem grossen Zellgewebe der göttlichen Weltordnung!" – Vielleicht nicht dasselbe, aber doch etwas, einer Erquickung, einem Troste ähnlich, drang in die blutende Brust des tödtlich Gereiztener schlug die glühenden Augen auf, und der sonnenhelle Glanz der grünen Gewölbe leuchtete wie Himmelstau in sie hinein. Krampfhaft presste er die hände in einander, einem Schrei des Schmerzes glich der Seufzer, der sich losriss, und bebend vor Aufregung stürzte er in das weiche Moos und verbarg sein Gesicht in dessen duftendem Schoosse.

Wir wollen es nicht belauschen, womit auch der Mann in dem Augenblicke sich erleichtern darf, wo sein Herz die krampfhafte Starrheit sprengt, in die ein überwältigendes Ereigniss ihn versetzt; mag er der Mittel teilhaftig werden, die Gott der Menschheit gegeben, da er sie nicht schützen konnte gegen das unendliche Weh, das sie sich bereitet.

Leonin gewährte es seinem Schmerze, sich zu erschöpfen. – Er hatte kein Herz von der natur erhalten, was sich in eigner Kraft behaupten konnte, es musste gestützt und in beifälliger Ruhe erhalten werden durch die nächsten Menschen, durch Verhältnisse, wenn es sich selbstvertrauend bleiben sollte. Matt und todtenbleich ging er dem offenen Gemach entgegen, vor dessen Türen das geschmähte unschuldige Opfer dieser fremden Anmassung in der tiefen Trauerkleidung mit dem heil'gegen Scheine des frömmsten Kummers um die schönen Züge, auf einem niedrigen stuhl sass und dem lieblich lächelnd entgegen blickte, der den ersten harten Wurf der Welt nach ihrem stillen Glücke so eben aufgefangen hatte, doch nicht ohne selbst davon verwundet zu werden.

Tief bewegt von ihrem Anblicke kniete er neben ihr hin, und sie mit einem vielfach vermischten Gefühle an sich drückend, rief er wehmütig: "O, Du armes, armes gekränktes Wesen!"

Wie hätte diese feine weibliche Seele nicht die Veränderung fühlen sollen, die dem Geliebten geschehen?

"Was hat man Dir getan?" sagte sie sanft forschend und fasste sein bleiches Gesicht in ihre beiden hände. "War der Lord nicht, wie es Recht ist? Hast Du Dich erzürnt? Wird er mich besuchen?"

"Ach," rief Leonin, "lass uns abreisen! lass uns in die Wälder von Ste. Roche fliehen und die Welt vergessen, und uns fern von ihr halten, die weder unser Glück versteht, noch uns ein anderes gönnen will, als was sie dafür erkennt."

"Meinte so der Lord?" fragte Fennimor – "ja, ich konnte es denken! Sie sind da oben durchaus anders,