Anfang an eine Einmischung in Eure Familien-Angelegenheiten war, so fühl' ich sie doch dadurch noch erhöht, der Zeuge von Euren Handlungen sein zu müssen, da mir dies die Vorwürfe Eurer Mutter zuziehen wird, welche ich allerdings schwer werde überzeugen können, dass ich wirklich Beschlüsse zulassen musste, die so Euer notwendiges Unglück herbeiführen müssen, und die so wenig durch die Umstände gerechtfertigt werden."
"Es ist nicht Mangel an Vertrauen," erwiderte Leonin ruhig, "dass ich Euren Rat so wenig gesucht habe, sondern das Gefühl, so und nicht anders handeln zu müssen, was durch keine abweichende Meinung umgestimmt werden konnte und jede Beratung darüber zu einer überflüssigen machte. Meine schnelle Vermählung, die meiner Gemahlin Schntz und Ansehn geben sollte, im Fall das Ereigniss, was wir jetzt so plötzlich erlebt, während meiner Abwesenheit eintreten möchte, gibt ihr das vollgültigste Recht, mich jetzt nach Frankreich zu begleiten, und ich danke Gott, dass ich ihr in ihrem tiefen und grossen Schmerze den Trost geben kann, den sie allein aufzufassen vermag, den nämlich: mich nicht von ihr zu trennen. Es scheint mir demnach dies Verfahren vollständig durch die Umstände gerechtfertigt, und ich muss Alles im Voraus zurückweisen, was Ihr andeuten wollt, indem Ihr dies nicht so anseht."
"Wir sind also beide entschlossen," sprach der Marquis, und es drängte sich diesen Worten aus der Tiefe seines erbitterten Inneren eine Fülle des heftigsten Grolles nach – "und wir wollen uns beide über das, was wir tun und zulassen müssen, eine Sicherheit und Rechtfertigung verschaffen, mit der wir uns vor uns selbst und den Anforderungen der Welt zu behaupten vermögen."
"Tut das!" erwiderte Leonin und verliess seinen gefährten, noch wohl gerüstet für seine Absichten durch die heil'gegen und teuren Ansprüche, die an ihn in jedem Augenblicke ergingen.
Der Marquis hatte die wohnung, in die der Tod eingekehrt war, nicht wieder betreten, er hatte das Schloss bezogen und erwartete, gleich Leonin, die Ankunft des Lord Gersei mit grösster Ungeduld.
Dagegen war seit dem tod des ehrwürdigen Greises der junge Graf von Crecy gegen seine Dienerschaft, wie gegen die Bewohner des Schlosses unverholen mit seiner Vermählung hervorgetreten, und hatte seine wohnung in der Abtei genommen, um seiner leidenden Gemahlin jeden Trost gewähren zu können, dessen sie so sehr benötigt war. Zugleich war ein Bote nach Edinburg zum Grafen Gersei gegangen mit der doppelten Anzeige des Todes und der Vermählung, und nachdem die Ueberreste des ehrwürdigen Vaters der Erde übergeben waren, verständigte sich der junge Graf mit Emmy Gray über die Anstalten zur Abreise, welche er zu beschleunigen trachten musste, da er vor der festgesetzten Zeit seiner Rückkehr nach Paris, Fennimor nach Ste. Roche führen musste, und dort durch seine Gegenwart ihrem Verhältnisse die Ehrbarkeit verleihen, die er ihm vorzüglich zu sichern trachtete.
Er fand auch, trotz der früher erwähnten Ansicht, jetzt in Emmy eine willige und bereite Stütze, der es, sobald die Dinge, denen sie dienstbar sein sollte, ihre Zustimmung hatten, keinesweges an Verstand und überlegung fehlte, die sie bald in volle Tätigkeit setzte, um ihre junge herrschaft mit allem Erforderlichen auszurüsten. Erst jetzt, nach dem tod ihres angebeteten Herrn, sah sie die Stütze ein, die ihre junge Herrin durch ihre Vermählung erhalten, und fing an, sich um so lieber mit dieser Maassregel auszusöhnen, da der junge Graf, ganz gegen ihre argwöhnische Befürchtung, bemüht war, sein verhältnis auf alle Weise zu ehren, und von seinen übernommenen Pflichten vollkommen durchdrungen schien.
Zuerst ward daher der armen müdgeweinten Fennimor von ihrer eifersüchtigen Gefährtin der süsse Trost zugeraunt, dass ihr Gott ja einen Gatten zur rechten Stunde gegeben, der ihr den Vater sicher ersetzen würde.
Wir können nicht läugnen, dass Emmy kein Mittel hätte ersinnen können, wirksamer, das Herz der Leidenden aus ihrem maasslosen Grame zu erheben, als diese Worte, die ihr den Geliebten aufs Neue sanktionirten, und das von der einzigen feindlichen Macht, wie sie wähnte, die der neuen Richtung ihrer Hoffnungen bis jetzt entgegen getreten war.
Und so handelten alle drei in Uebereinstimmung, wobei Fennimor freilich nicht selbst tätig, sondern nur sich fügend anzutreffen war.
John Gray hatte seiner despotischen Gattin versprechen müssen, sich ihrem Willen in nichts zu widersetzen; und selbst wenig eigene Gedanken hegend, war er hierauf willig eingegangen. Sie erklärte ihm, ihre junge Gebieterin vor's Erste nicht verlassen zu wollen, und gab ihm die Hoffnung zu ihrer Rückkehr erst, wenn die Verhältnisse derselben dort ihre Anwesenheit unnötig machten; dagegen begehrte sie, dass er sich augenblicklich nach ihrer Abreise mit ihrer kleinen einjährigen Tochter auf den Weg nach England machen, und sie dort dem Bruder der jungen Gräfin Crecy, dem Pfarrer Lester, der in Yorkshire und jetzt verheiratet lebte, zum Schutze und zur Erziehung übergeben solle. Ob er selbst dort bleiben oder nach der Heimat zurückkehren wolle, stellte sie ihm mit der grössten Gleichgültigkeit anheim; und überzeugt, der Pfarrer Lester, der Emmy Gray, als Spielkameradin und treue Pflegerin der Familie, wie eine Schwester liebte, werde ihrem kind die älteren ersetzen, glaubte sie ihr Haus völlig versorgt zu haben und widmete ihm keine Aufmerksamkeit mehr.
Fennimor meldete ihrem Bruder in einem Briefe, so ausführlich sie es jetzt vermochte, den Tod des Vaters und die eigene Schicksalsveränderung, und bat ihn um seinen Segen für ihre Zukunft. –
Auf Niemanden jedoch machte die