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einen Schmerz, einen Jammer ausgeprägt, der sie überzeugte, er sähe mehr, als sie. "Ist er krank? ist der Vater sehr krank?" rief sie mit stokkendem Atem – "sag', was fangen wir an?"

Er antwortete nicht, zog sie aber an seine Brust und fühlte mit einer unbeschreiblichen Heiligung aller seiner Gefühle, dass sie nur ihn noch auf dieser Welt habe. "Geh', Fennimor, rufe Emmy Grayder Vater ist sehr krankaber fasse Dich und denke, dass er mich gestern eingesegnet hat, dass ich Dir an seiner Statt Vater sein soll, wenn Gott ihn zu sich rufen möchte."

"Was sagst Du!" rief sie, verwirrt aus seinen Armen fahrend – "Gott wird ihn aber jetzt nicht wollennein, nein! Er lebte, wie wir in den Wald gingenes ist nicht lang' – ich war ja nicht bei ihmer lebt! er schläft! – grosser Gott, erbarme Dich! er schläft! mein Vater, erwache! Gott, wo bist Du? Nein, nein, Du hast ihn nicht gewollt, mein Gott; denn ich bin ja bei Dir gewesen, Du gabst mir kein Zeichen!" So kämpfte sie mit Todesangst gegen die überzeugung, die sich ihr mit der Gewalt ihrer unverkennbaren Wahrheit aufnötigte, und erlag endlich den bloss noch in Worten ankämpfenden Zweifeln, und stürzte plötzlich mit einem Jammergeschrei, der ihrem Herzen das erste Erfassen des neuen, entsetzlichen Schmerzes gab, über dem Greise zusammen. Leonin kniete in Tränen neben ihr, und so fand der Marquis die Gruppe, als er endlich die Schwelle überschritt.

"Dieser Heil'ge hat geendet!" rief ihm Leonin mit Schmerz gebrochener stimme entgegen – "Gottlob, dass sie mein Weib ist!"

Ob wir den Tod, wo er seinen himmlischen Stempel abgedrückt, aushalten können, das möchte die probe sein für manches im Bösen verhärtete Herz. Sie stehen fest gegen die Erscheinungen der Welt, deren höheres Misterium sie verlachen oder übersehen, und wissen dessen Beziehung von sich fern zu haltenaber der Tod ist die geheimnissvolle Macht, der sie sich nicht entziehen können, und haben sie auch die brücke zerstört, die der Gläubige aus diesem Uebergange nach jener Welt bautund trotzen sie auch dem Leben die überzeugung ab, es sei in ihm der Anfang und das Ende ihres ihnen selbst gehörenden Daseinsganz im Geheim erreicht sie doch das fürchterliche Grauen vor dem tiefen Schweigen, worin die natur ihr letztes geheimnissvolles Geschäft hüllt, und sie können den Anblick des Todes nicht ertragen, der auf Einzelnen seine Zeichen zurück lässt, als einen sichtbaren höheren Fingerzeig.

So jähling ward der Marquis hier vor den gehassten Anblick geführt, dass er fast zweifelte, ob es sein könne, und um alle Fassung gebracht, war es mehr Zorn, als Teilnahme, was ihn zu lebhaften Aeusserungen trieb, von Allen jedoch überhört, bloss zur Nahrung seiner eigenen Stimmung. –

Doch war dies Ereigniss bestimmt, Leonin zu der tiefsten erkenntnis seiner übernommenen Pflichten zu führen. – Der Reif, den der Marquis mit dem Hauche aus der alten, lang gewohnten Welt in seine frisch duftenden Blüten gesenkt, er war zerronnen in Tränen heissen Schmerzes um den Verlust eines Menschen, wie er nur selten, unter den günstigsten Conjunkturen zu reifen vermag. – Leonin hatte ihn mit seiner durch ihn gereinigten Seele zu verstehen und zu lieben vermocht; er wusste, er fand nie seines Gleichen wieder, und er betrauerte seinen Verlust mit tiefster Wehmut und stärkte sein Herz für die grosse Aufgabe, die Fennimor's los ihm nunmehr übertrug. So neu auch alle Verhältnisse, so gross die vorliegenden und die zu erwartenden Schwierigkeiten sein mochten, sein Herz ward sein Lehrmeister, und dies gibt immer den Rat, den wir befolgt sehen von denen, die uns lieben, und welcher den Verstand und die Erfahrung zu überholen vermag, wenn es von einem wahren Gefühl erfüllt ist.

Daher konnte der Marquis auch nur die kürzeste Zeit Zuschauer dieser Verwandlung bleiben, die ihn um jeden Einfluss zu bringen drohte, weil gar nicht mehr von ihm die Rede war, indem Leonin, völlig überzeugt, der Marquis könne ihm gar nicht bei so abweichenden Verhältnissen raten, diesen auch nie aufrief, seine Meinung zu sagen, und daher sein Kommen und Bleiben zu einer Unbedeutenheit herabsank, die er bloss zu erkennen brauchte, um ihr so schnell, als möglich, ein Ende zu machen. Dessen ungeachtet musste er, um nicht ganz ohne alle Erfolge zurückzukehren, die Ankunft des Grafen Gersei abwarten, welcher, von dem tod des Kaplans unterrichtet, am nächsten Tage erwartet wurde.

Leonin hatte nämlich jede Unsicherheit abgeworfen und war fest entschlossen, seine junge Gemahlin sogleich mit sich nach Frankreich herüber zu führen und sie nach Ste. Roche, welches er schon als sein Eigentum ansehen durfte, zu bringen, bis er Zeit gefunden, seine Mutter von diesem Schritte zu unterrichten und, wie er hoffte, damit zu versöhnen. Er teilte diesen Vorsatz dem Marquis mit der grössten Sicherheit mit und schlug jeden Einwand desselben mit der Leichtigkeit zurück, die eben so wohl fester Wille, als Unkenntniss der ganzen Grösse der ihn erwartenden Schwierigkeiten war.

"Eure Pläne", antwortete der Marquis mit der stolzesten Kälte, "sind allerdings mit einer Schnelle und Sicherheit gefasst, die es unmöglich machen, gegen sie einzuschreiten, und so lästig mir von