so wenig, als ihr verehrungswürdiger Vater eine Ahnung hat!"
"Nicht zu läugnen, dass diese naive Unkenntniss aller Verhältnisse Euch bei dieser Dame und ihrem eben so unwissenden Vater ein leichtes Spiel gaben!" sprach der Marquis mit absichtlich kaum verhehltem Lächeln. –
"Meint Ihr mit diesem Ausdrucke meine Vermählung mit Miss Lester? wodurch sie für Alle, die es wissen, rechtmässige Gräfin Crecy ist?" –
Der Marquis verneigte sich bloss, wie Jemand, der nichts erwiedern will, und als auch Leonin ungeduldig aufstand, sprach Fennimor ruhig und zutrauensvoll: "Wir wollen zum Vater gehen – denn er versteht Alles am Besten, und wenn Ihr nicht einig seid, wie mir scheint, wird er Euch angeben, wir Ihr das machen müsst."
"Ich weiss nicht," sprach der Marquis frostig, "ob es dem Herrn Grafen gemäss scheinen wird, einen so unwillkommenen Gast, als mich, dort einzuführen, wo er für gut gefunden hat, Verhältnisse unerörtert zu lassen, die gerade ich, von seiner verehrungswürdigen Mutter gesandt, in Erinnerung bringen sollte."
"O," rief Fennimor lebhaft, "teilt uns Alles mit, was diese von uns so hochverehrte Mutter Euch aufgetragen hat, da seid Ihr," setzte sie lächelnd hinzu, "am rechten Orte – von nichts höre ich so gern, wie von der schönen erhabenen Mutter meines Leonin's, und all ihre Verhältnisse möchte ich eben gern wissen, denn Alles ist gewiss hoch-herrlich und erhaben an ihr."
Beide Männer schwiegen einen Augenblick vor Fennimor's unerschütterlich unschuldigem Vertrauen, und wenn Leonin fast mit Andacht den sicheren Frieden anschaute, mit dem sie allen nur zu verständlichen Warnungen des unerweichten Marquis entgegen stand – so konnte dieser, der ihre Sicherheit gleichfalls erkannte, nur mit bitterem Unwillen in diesem geringen, unberechtigten Wesen dieselbe Sorglosigkeit gewahren, die immer nur auf Glück zählt, den Gegensatz noch nicht kennend, und welches dieselbe Eigenschaft war, mit der ihn Leonin so bitter erzürnt hatte.
"Doch," setzte sie mit dem ernsten Patos hinzu, der ihr so eigentümlich war, "doch hatte ich mir immer gedacht, ein Freund, der daher käme, zeigte grössere Weisheit; denn Ihr sagt so wenig von den schönen Dingen, die man begreifen kann, dass sie dort geschehen, und dagegen viel Unverständliches. Es muss dort ganz anders sein, auch die Sprache – doch nicht wahr, Deine erhabene Mutter redet so schön, wie – etwa mein Vater – und Naimä, die Schwiegermutter Rut's, oder die Königin Ester vor Ahasverus, oder wie die Königin Elisabet zu dem volk? Ach, wenn ich sie nur erst sähe und hörte! Wie habe ich mich immer gesehnt, eine erhabene Frau zu erblikken nach Gottes Willen."
"O," rief Leonin, aufs Tiefste gerührt, "wer kann Dich hören und sehen, und nicht überzeugt werden, Deine Welt sei die eigentlich menschliche Sphäre, alles Andere eine Larve – ein Trug – eine elende Komödie, die der natur des menschlichen Daseins Hohn spricht, und der Absicht Gottes!"
"Nein, nein!" sprach Fennimor hastig; "was sagst Du da? – Du weisst ja, meine Welt, wie Du es nennst, ist noch eine ganz kleine, darum muss ich eben die andere dazu kennen lernen, wenn ich Gottes ganze Herrlichkeit begreifen soll – und die Welt, worin Deine Mutter herrscht, die ist eben die grosse wichtige, wo die Könige leben und das Volk in den unermesslichen Ländern! – Darum denke ich an diese Mutter so gern, die mich umfassen wird und schützend verbergen, wenn ich erbeben werde vor so viel Weite, Grösse und Gewalt."
"Versteht Ihr jetzt dies Wesen?" rief Leonin halb zürnend, halb entzückt dem Marquis zu.
"Vollkommen!" erwiderte der Marquis mit einem Ausdrucke, der jede Auslegung zuliess – "und ich überlasse es Eurer eigenen Beurteilung, welche Rolle i h r mit diesen Begriffen zufallen wird in E u r e r Welt und vor Eurer Mutter."
Leonin's Herz zog sich mit einem Schmerz und einem Unwillen zusammen, wie er ihn um so bitterer empfand im Gegensatze zu der Reinheit des jetzt erst hier erkannten Lebens, welches keinen Widerspruch gegeben hatte, weil die Meinungen der sich Gegenüberstehenden immer offen da lagen, und nur ein liebevolles Forschen um das gegenseitige Verstehen eintrat, was dann leicht gefunden war, und womit sich Alle befriedigten, selbst bei hervortretender Verschiedenheit.
Nichts gibt uns mehr das Gefühl einer unübersteiglichen Schranke, als wenn wir mit unsern höheren Ueberzeugungen vor Menschen treten, welche uns weder verstehen wollen, noch können, weil auf dem Wege, den sie verfolgen, sich nur die materielle Seite der Dinge offenbart.
Je freisinniger, je umfassender, je geistiger wir das Leben zu erforschen suchen – je seltner sind wir frühzeitig fertig mit Ansichten und Meinungen, denn nur das geringere Bedürfniss schliesst schnell mit dem kleineren Gesichtskreise ab. Wer mit weiterreichendem Streben den Weg beginnt, möchte nicht mit jenem Zustande tauschen, wenn er auch anscheinend in Vorteil setzt, den Dingen das geheimnis des materiellen Gelingens, ihrer subjektiven Brauchbarkeit abfrägt und mit diesem Inhalte eine beruhigende feste Stellung zu ihnen gibt. Aber es entsteht dann von jener Seite eine ironische Ueberlegenheit, die sich durch den sichtbaren Erfolg zu rechtfertigen scheint, die sich das Lob der Menge und ihre eigene Befriedigung sichert, und