, denn ich selbst sah den Engel, den er Euch als Tochter zuführt.'"
"Seid sicher, Graf," entgegnete der Marquis lachend – "dies zeugnis wird Euch wenig fruchten. Wenn dieser Engel nicht unter dem heiligen Scheine einer Fürsten- oder Grafen-Krone vor Eure Mutter treten kann, wird sie ihr immer die unwillkommene Tochter sein – doch für mich ist hier mit dem besten Eifer, den Wünschen Eurer Mutter gemäss, nichts mehr zu tun und zu ändern, und diese überzeugung macht mich für den Augenblick zu einem willenlosen Werkzeuge in Eurer Hand."
"Nun, so folgt mir denn! – Diese Hand soll Euch in eine Welt führen, die Euch mit Staunen und Entzükken erfüllen wird, und wofür Ihr in der Euren keinen Maassstab, keine Aehnlichkeit finden könnt."
"Das glaube ich selbst!" – erwiderte der Marquis gedehnt, und Beide verliessen das Schloss, um sich nach der Abtei zu begeben. –
Die junge Frau sass unter den hohen Schattengewölben des Buchenwaldes in dem weichen Moose, welches ihre Leonin zu einem kleinen Sitz angehäuft hatte, und in ihr war, über alles Erlebte hinweg, nur der eine einzige Gedanke, dass Leonin abreisen werde. – Der schöne Nacken, mit dem gedankenschweren haupt war vorn übergebeugt, und die zarten Finger lagen in einander, als wären sie im Gebete vergessen, in einem Gebete, das nur lautes Reden mit Gott war über ein unaussprechliches Weh, das er ihr auferlegte, worüber sie ihn betend befrug, und ihm vorstellte, wie sie es nicht ertragen könnte. Ihr unschuldiges Herz sträubte sich unter den ersten Wunden des Schmerzes, sie dachte immer: da wird es Gott plötzlich wenden, wenn ich ihn bitte. – Sie sass, als ob sie auf ihn wartete, und sehnte sich nach ihm mehr, als nach dem Geliebten, denn sie wusste ihn damit einbegriffen, wenn Gott d a s sendete – w a s , das musste eben Gott wissen, weil sie es nicht finden konnte; nur jedenfalls musste es nicht Trennung sein. – So erschrak sie fast, als Leonin früher aus den Bäumen hinter ihr hervortrat, als sie das Erbetene von Gott erhalten. – Ihre Wünsche erfüllten sich bisher in dem Kreislaufe ihres Lebens von selbst, und ihr Gemüt war so milde geleitet worden, dass sie es nicht wusste, wenn ihr der Vater leis ein oder den andern Wunsch hinweg nahm, und indem sie tat, was er wollte, schien es ihr immer eine Erfüllung des Selbstbegehrten. Es gehörte zu dem patriarchalischen Patos ihrer Erziehung, ihrer Gemeinschaft mit der heiligen Schrift, ihrem wichtigsten Geschichtsbuche, dass Gott eine redende person für sie war, der Erzvater, zu dem sie mit grossem Ernste sprechen durfte. Wie Abraham aus der Hütte trat und die Engel begrüsste, die der Herr sandte, Sodom und Gomorra zu zerstören; wie er mit ihnen liebreich hin und wieder redete, und ihnen die möglich dort gerecht Befundenen abhandelte, und sie ihm nachgaben, weil er nicht nachliess zu bitten – so erschien ihr ein Jeglicher zu Gott gestellt, und sie fand sich in dieser Beziehung vollkommen sicher und berechtigt. – "Ich will mich nicht von Dir trennen," sagte sie, als Leonin sich zu ihr setzte, und richtete sich ruhig, wie für Lebenszeit, an seiner Brust ein, "und ich wartete eben auf Gott wie es werden soll."
"O," rief Leonin, "dass er uns den Ausweg sendete, der das Härteste von uns abhält, was uns treffen kann – und doch sehe ich ihn noch nicht!"
"Ich auch nicht," sagte sie – "darum muss er von dort her kommen, denn ich kann Dich nicht lassen! – Aber was hast Du nur?" fuhr sie fort und richtete sich auf – "Du hast ja was Fremdes! Was ist Dir? – Du bist nicht so still – es ist Dir was vorüber gegangen?" –
Erstaunt blickte Leonin sie an und bemerkte an ihrem unruhig forschenden blick eine Bewegung, über die er erschüttert ward.
Nachdenkend fuhr sie fort, als redete sie mit sich selbst: "Der alte Tobias sagt: Der Böse geht umher und macht erst ein Zeichen an dem, den er haben will, das kennt er wieder, wenn's auch noch so fein ist, aber die Engel merken es gleich und bemühen sich, es auszulöschen mit ihren Tränen."
"Nun," lächelte Leonin und zog die sanft von ihm Abgebogene wieder an sich – "wie fällt Dir das bei mir ein? Bemerkt mein Engel Fennimor ein solches Zeichen?"
"Still, still," sagte sie mit andächtiger Furcht, "nur die himmlischen Engel kennen das, und die behüten sehr lange die Menschen, damit es nicht geschehe." – Sie richtete sich auf, und sah ihn so forschend und befremdet an, als suche sie das Zeichen. Er erhob sich nun auch lächelnd, das wunderbare Wesen betrachtend, und ihre Augen erhoben sich zu dem Aufgerichteten, als sie plötzlich den Baum streiften, der hinter ihnen stand, und sie entsetzt zusammen fahrend, an Leonins Brust stürzte.
"Fennimor! Fennimor!" rief Leonin, ausser sich – "was ist Dir, mein geliebtes Kind? Fürchte Dich nicht, Du bist ja bei mir, an meiner Brust!"
"Die Schlange! die Schlange!" stöhnte Fennimor, ihr