1839_Paalzow_084_66.txt

Nähe des betenden Greises schien beiden ein ehrfurchtsvolles Schweigen aufzulegen, und die Tränen, die aus den Augen der jungen Landfrau, wie aneinander gereihte Perlen, flossen, wurden alle leis in einem Tuch aufgefangen, und jeder laut der kämpfenden Brust unterdrückt. Dann verliess sie nach Beendigung ihrer Ausschmückung die Kirche, und der alte Küster erschien nun im vollen Schmucke seines roten Chorrockes, und nahm in ehrfurchtsvoller Erwartung an dem Eingange der tür Platz.

Es war kaum möglich einen grossartigern Eindruck zu empfangen, als hier in der wirkung von zwei gleich erhabenen Erscheinungen lag, die, so verschieden, doch eines inneren Zusammenhanges nicht entbehrten. – Der Wald zeigte mit dem riesenhaften Baue seiner Buchenstämme und seinen hochgewölbten Aesten, dass die natur in ihrer unendlichen Schönheit die Lehrmeisterin des Menschen war, und die Bewunderung, die sie in der Seele desselben zu wecken wusste, die Pfeiler in Marmor und Stein heraufwachsen liess, und sie wie Laubwerk geformte Bogen überwölbte, eine kühne, erhabene Nachbildung des NaturHeiligtums, woraus die Andacht mit den wachsenden Schätzen sich retten wollte gegen den unerbittlichen Wechsel der Jahreszeiten.

Wer durfte zweifeln, dass der Wald, der in seinem vielhundertjährigen Alter auf jede in seinem Bereich entstehende Schöpfung niedergeschaut, die Seele des Künstlers erfüllt habe, der Pfeiler steigen liess und Bogen ineinander schlang, als habe die natur in ihrer harmonischen Schönheit den harten Stein mit dem Leben der Vegetation durchdrungen, und, die sehnsüchtige Inbrunst des frommen Bauherrn erhörend, sich den Schmuck ablauschen lassen, womit sie in ihrer verschwenderischen Mannigfaltigkeit immer anders, immer schön und doch im grossartigen Zusammenhange zu schaffen versteht. Es war e i n Dom in den andern hineingewachsen, oder eine Kapelle in dem himmelanstrebenden Dome der natur, der sie von allen Seiten umschloss.

Und aus diesem grossen Dome der natur überschritten jetzt zwei Wesen die Schwelle der Kapelle, leicht getragen von Jugend und Schönheitklar in dem holden Schein einer Andacht, die ihnen Heiterkeit und Entzücken gab, und so leise und ehrfurchtsvoll nahend, wie Engel den Dienst des Herrn erfüllen mögen. Das Mädchen hatte den bedeutungsvollen Kranz über den Schleier gesetzt, die vollen Locken, die wie ein Heiligenschein in dunkler Fülle mit goldenen Lichtern das himmlische Antlitz umsäumten, schienen sich so warm und lebendig hervorzudrängen, als begehrten sie den fremden Schmuck zu entfernenund man hätte versucht werden können, die Flügel zu suchen, die dieser kindlichen Jungfrau den leichten Fuss verliehn, der unter dem langen weissen Gewande wie ein Hauch über den Boden glitt. Die Blumen, die auf ihrem Wege lagen, schienen ihre Gespielen, die sie lächelnd wiederfandsie neigte sich wie eine Nymphe und hielt schon eine weisse Aster in der Hand, welches die junge Frau, welche sie gestreut und jetzt an der Seite eines Landmannes ihr folgte, nur mit der Freude sah, die sogleich in Tränenströmen sich ergoss. Aber auch der Jüngling, der im heil'gegen Entzücken an den Fingerspitzen das Engelsbild zum Altare führte, wie war er schön geworden, und jung und unschuldig und fromm! Das grosse Leben der Höfe hatte ihn vergeblich vollenden sollen nach der Sitte der Weltdie Liebe hatte ihn umgeformt, das Erlangte passte nicht in die Unschulds-Welt, in die sie ihn führte, und war vergessen, und die Spuren verwischt aus dem menschlich verklärten Antlitz auf den Stufen des Altars.

Der betende Greis ahnete die ehrfurchtsvll hinter ihm Harrenden. – Er fand, als er sich aufrichtete, die beiden hände zu seiner Unterstützung, die er sogleich vereinigen wollte. Kindlich knieten sie dann vor ihm nieder, und er blickte sie an. Vielleicht waren sie damit eingesegnet und vor Gott vereint; denn der blick eines Vaters in der Segensfülle zärtlichster Liebe muss alle Funktionen der priesterlichen Weihe umschliessen, ja, sie fand daher vielleicht ihren Ursprung. Doch durchdrungen von diesem, ihrem wahren Sinne, ward die Weihe des Priesters wirklich ein höherer Segen, welcher die Empfangenden mit heiligendem Feuer berührte und den Greis über die Gewalt des beugenden Alters, über die Weichheit irdischer Betrachtung emporhob zum Gottgeweihten Priester, zum Wiedergeber des göttlichen Segens, den er empfangen. –

Der grosse Moment war vorüber. Der Vater drückte noch vor dem Altare beide junge Leute an seine Brust, und legte dann ruhig die Tochter in die arme ihres jungen Gemahls. Der Kirchendiener breitete indessen auf dem Altar eine Schrift aus, der sich Alle näherten, die selbst von den beiden ländlichen Zeugen mit einer ihnen möglichen Unterschrift oder Zeichen versehen ward, und die der Kirchendiener dann wieder zusammenschlug und den Voranschreitenden nachtrug. Dies Mal führte der Geistliche das junge Paar an beiden Händen, als wolle er sie so der Welt, der sie nunmehr verfallen waren, entgegen führen. –

Schon lange hatte die lautloseste Stille in den eben so belebten Räumen ihre alte wohnung genommen, und kein wichtigeres Ereigniss blieb zu erwarten nach dem eben vollbrachten; auch war es nicht die Hoffnung d a r a u f , die den Fremden noch an seinen Platz fesseltesondern sich selbst gönnte er eine äussere Ruhe, die er hier vollständig fand, und deren sein, von dem Vorhergegangenen fast überfüllter, Geist benötigt schien. Er hatte hier, indem er diese ganze Ceremonie zugelassen, eine Stellung genommen, über die selbst sein rascher Geist nicht gleich die völlige klarheit gewann, denn er konnte sich nicht verhehlen, dass nicht allein sein böser Wille das Ereigniss zugelassen, sondern dass das Ereigniss s e l b s t mit seiner klaren, bestimmten Folge,