ihnen lehren!"
Es war, als ob ihre Gestalt im Abgeben wuchs; der flackernde Kienspahn, den sie trug, malte ihren Schatten riefengross an der Wand – der Fremde fühlte eine Berührung aus einer Welt, die er belachte und verachtete – es half ihm nicht, dass er raisonnirend dies Weib unter die träumerischen Monosüchtigen versetzte, an denen Schottland reich ist; er konnte die Kälte und Erstarrung, die ihn befallen, erst nach einigen Minuten beseitigen, und es steht zu glauben, dass diese äussere Anregung mit einem ihm wohlbewussten Zustande seines Inneren zusammengefallen war.
Als die Wirtin wiederkam, war der eben hervorgetretene Trieb verschwunden; gleichgültig zeigte sie ihm das frische Heu, was sie für ihn aufgeschüttet, und er fand, mehr als er gehofft, zwei reine Decken darüber gebreitet.
Wir sollten billig erstaunen, dass der Reisende einen so festen Schlaf auf seinem Lager fand, dass er die Frühstunde der Abreise versäumte und erst erwachte, als ein kleines Mädchen, welches sich neugierig über den Schläfer gebogen hatte, ausglitt und, queer über sein Gesicht fallend, jetzt in Schreck und Angst gesetzt, ein lautes Geschrei ausstiess. Das gegenseitige Aufraffen brachte die vollständigste Ermunterung des Gastes hervor – und er musste sich bald überzeugen, dass ausser dem eben so kleinen Buben, der die schreiende Schwester wegführte, er der einzige Anwesende im haus war. Sein Pferd war gesattelt und an die Tür gebunden – auf dem Esstische stand eine Schale mit Milch und Brot daneben, und selbst die Bewohner der Ställe waren verschwunden. Es kümmerte ihn wenig, und schnell gerüstet, legte er ein Geldstück neben das gut befundene Frühstück, und bald sehen wir ihn auf dem rücken seines ausgeruhten Pferdes die Höhe erreichen, von der aus der See mit dem schloss von Stirlings und darüber die mächtigen Türme der Abtei sichtbar wurden.
Er schenkte diesem wahrhaft bezaubernden Gemälde wenig Teilnahme, obwohl die Sonne in der späteren Stunde hervorgetreten war und es zu verklären schien; den See mit seinem dunklen, ruhigen Spiegel hatte sie noch nicht erreicht, aber die Türme der Abtei und die Wipfel des rund herum ausgebreiteten, vom Herbste bunt gefärbten Waldes erleuchtete sie mit einem Glanze, dass die majestätische Schönheit von Beiden imponirend die Seele erfassen musste. – Aber der Mensch legt in jedes Bild der Aussenwelt hinein, was in seinem inneren vorherrscht.
Der Fremde dachte, indem er den Zügel seines Pferdes nachdenkend anhielt, wo er am schnellsten dies gute Tier unterbringen könne, um alsdann unbemerkt und zu fuss das Terrain näher zu umschleichen, wohin seine Gedanken nur in e i n e r Beziehung gerichtet waren. In demselben Augenblick erhoben die Glocken ihre harmonischen mächtigen Stimmen – und der See schien aufzuwallen, als höbe sich seine ruhige Tiefe den heiligen Klängen entgegen; um die Wipfel der Wälder lief ein leises Rauschen, und sie bogen die riesigen Häupter, als käme der Morgenwind, den sie begrüssten, mit dem Klange der Glokken.
Und der Fremdling hörte ihren Ton, um sich zu erinnern, dass das Weib in ihrer weitsichtigen Redeweise darauf hingedeutet, als ein Ereigniss verkündigend – die letzte Mahnung an sein Gewissen ward von dem festen Beschluss eines gegen höhere Einflüsse gesicherten Herzens überhört. Er benutzte die erste Hütte am Wege, um dem müssig davor kauernden Knaben die Zügel seines Pferdes zuzuwerfen, und es unter dem breiten Schatten eines Ahorns gesichert haltend, nahm er den Rat über den kürzesten Weg nach der Abtei-Kirche von dem Knaben an, überschritt die heilige Schwelle derselben ohne Bedenken und barg sich, dem Hochaltare gegenüber, in einem hochbelehnten Chorstuhle, der nichts, als ihn selbst, der Beobachtung entzog.
Der Früh-Gottesdienst war beendigt bis zum Segen, der so eben mit einer tiefen, bewegten stimme über die Anwesenden gesprochen ward. Der Greis, der den Hochaltar bediente, stand in der Verklärung eines Apostels da – seine Augen ruhten einen Augenblick auf der kleinen knieenden Gemeinde – aber dann suchten sie, wie seine Seele, den Himmel, und als sie sich erhoben, ruhte der Glauben drinnen, der Berge versetzt – und er sagte mit diesem Blicke zum ganzen Leben: Es ist in Deiner Hand! –
Die Gemeinde verliess die Kirche, und der Fremde, den wir begleiten, würde vielleicht gefolgt sein, da es schien, als habe er hier nichts mehr zu tun – hätte ihn nicht der wunderbare Greis mit ahnungsvoller Neugierde gefesselt. Er hatte auf den Stufen des Altars seine müden Kniee gesenkt, und unter dem Schatten seiner weissen Locken hing der Kopf in betender Demut auf der gebeugten Brust. Der scharfe Beobachter hatte hier bald eine ungewöhnliche Gemütsstimmung erkannt, und seine Augen suchten unruhig nach der Ursache.
Ein alter Diener der Kirche zeigte sich endlich – er verschloss den Ausgang nach dem Wege, den die Gemeine gegangen, und öffnete gegenüber eine grosse Bogentür, welche den Wald mit seinen Buchensäulen und seinem schimmernden Rasenteppich in solchem Glanze der Sonnenglut zeigte, dass er ein blitzender Edelstein erschien in der kunstreichen Fassung der schönen architektonischen Türwölbung. – Weiter fuhr der Alte fort, mit leisem Schritt einen Teppich zu entwickeln, den er von der Schwelle an bis zum Hochaltar ausbreitete, und belegte die untern Stufen des Altars mit zwei Kissen. Er war jetzt nicht mehr allein; eine junge Frau in stattlicher ländlicher Kleidung war aus dem wald zu ihm getreten, sie trug in ihrem arme Blumen, wie der Herbst sie noch sammeln liess, und ordnete sie kunstreich auf dem Teppich und um die Stufen des Altars.
Die