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!" rief Emmy. – "Ihr, die ein Fürst hätte wählen können und sich damit geehrt hätteIhr, Ihr sollt nun so hinter dem Altare herkommen, als müsstet Ihr Euch schämen vor der grossen Ehre, die ein so fremder Graf Euch erzeigen will; und zwei so schlechte Leute, wie ich und John, sollen Zeugen sein, wo die ganze Grafschaft hätte eingeladen werden müssen, und die Ladys Gersei's Euch die Schleppe tragen."

"Ach," sagte Fennimor, rasch von ihrem Schemmelchen aufstehend, vor dem dies Gespräch vorfiel – "wenn die ganze Grafschaft hätte dazu kommen müssen, und die Gersei's meine Schleppe tragen, dann ist es mir doch viel lieber, dass wir so recht still bei einander bleiben können und die Andern gar nichts davon wissen, denn lustig kann ich doch nicht sein, weil Leonin zwei Tage darauf abreisen muss."

"Ach," weinte Emmy, "Ihr redet, wie Ihr es versteht, und das ist eben schändlich, dass man Eure Unwissenheit benutzte, Euch so um Euren besten Lebenstag zu betrügen; wer weiss, was der fremde Herr Graf, dem ich nie getraut, gegen Euch im Schilde führt!"

"Schweig'!" rief Fennimor schnell, mit der vollsten Energie einer Gebieterin, "wie kannst Du in Deiner Torheit ihn angreifen wollen, der Alles aus Liebe zu mir tut? Hüte Dich mit Deinen unbesonnenen Worten, jetzt will ich nie mehr davon hören! – Was er will und mein Vater gut heisst, das ist das Rechte, und wie froh bin ich, dass ich Deine ganze Grafschaft und die dummen Gersei's los bin, die ohnehin denken, ich kann nicht schreiben und lesen."

"Nun, so sei Euch Gott gnädig!" rief Emmy, heftig aufstehend, "und namenloses Elend bis ans Ende seines Lebens mag über den kommen, der Euch nicht glücklich macht, und Euer und Eures Vaters Vertrauen missbraucht! – Mir ahnet heilloses Unglück von dieser Heirat, so verstohlen betrieben, als wären wir Alle Betrüger; und der Traum Eures Vaters wird wohl Recht gehabt haben, denn grade den Tag, wo die selige Mutter ihm erschienen und so um Euch geweint hat, da haben wir den Herrn Grafen zuerst gesehen – o, hätte mich doch lieber der Eber zerrissen, als dass ich Euer Unglück sehen muss!" –

"Aber, Emmy, Emmy," rief Fennimor, minder erzürnt und durch den heftigen Kummer ihrer Dienerin besänftigt – "hier ist ja gar nicht von Unglück die Rededas einzige Unglück ist ja, dass er bald abreist, und dass mein Bruder nicht hier ist; sonst ist es mir ja viel lieber, dass wir ganz allein sind, denn eine Schleppe ziehe ich gar nicht an, und Du bist mir ja tausend Mal lieber, als die ganze Grafschaft und alle Gersei's!"

Diese letzten Worte verfehlten nicht, Emmy einigermassen zur Ruhe zu stellen, und obwohl Fennimor ihren ersten Kummer fühlte, war es doch nicht der, der Emmy unter tausend Tränen die Nacht auf ihrem Lager wach erhielt.

Indessen war diese Stimmung der armen Emmy nicht dazu geeignet, die bange Erwartung ihrer jungen Gebieterin zu zerstreuen, die mit ihrem tief ergriffenen Herzen in jeder Vorkehrung zu ihrer Vermählung zugleich die nahende Abreise Leonin's heraussah, und so fast mit Schauder darauf einging, immer mit der Ahnung eines tödlichen Schmerzes im Herzen, überdeckt noch von dem Zauber der Gegenwart, den Beide festielten, als läge dahinter ein bodenloser Abgrund.

wunderbar entwickelte dieser erste heisse Schmerz an Fennimor die Verwandlung des fast kindlichen Mädchens zu einer höheren Stufe; denn wir müssen es dem Schmerze zugestehen, dass er am schnellsten das Innere des Menschen zeitigt und, indem er ihnen die Blüten von den leicht geschwingten Zweigen streift, die kein irdischer Frühling ihnen wiedergiebt, doch das innere Mark des Lebens emportreibt, was dann erst die bildende Kraft für die in der Blüte nur angedeutete Frucht wird.

Kein Mensch hätte Fennimor jetzt, wie wenige Wochen früher, noch für ein Kind halten können. Dieses Gefesseltsein am Augenblicke, dieser auf das Nächste gerichtete lachende blick, der sonst nur mit dem Ernste wechselte, den gute Kinder zeigen, wenn sie aufmerken sollen, was Alte wollenwie war das Alles weggewischt von Fennimor! Sie war nicht minder schön, ja, vielleicht noch anziehender, wenn man den seltenen Genuss vergessen hatte, der ihre frühere Erscheinung durch den Ausdruck einer vollkommen ungetrübten Seele fast zu der eines Engels machte.

Ihr rundes Kinn hatte sich fein gesenkt und ein liebliches Oval aus der Kinderform gebildet, die Nase war länglich durchsichtig aus den sonst sie verkleinernden vollen Wangen hervorgetreten, und die Augen zeigten erst jetzt ihre leuchtende Grösse, wo sie von dem unschuldigen Lächeln kindlichen Frohsinns nicht mehr so oft in die Länge gezogen wurden. Grösser war sie auch geworden und schlanker, oder diese regelmässige Gestalt zeigte sich erst, da sie langsamer ging und ein Auge gewonnen hatte für ihre Kleidung durch Leonin's Freude daran. Dabei war der Zauber einer unsäglichen inneren Befriedigung um sie verbreitet, die, unabhängig von dem jetzt damit verbundenen Schmerze, ihr durch Leonin's Liebe gänzlich befriedigtes Herz andeutete und ihren Worten, dem Ton ihrer stimme, dem blick ihres Auges den vollen warmen Hauch der schönsten Begeisterung gab. Und dennoch war sie nicht mehr glücklich! – Sie hatte nach einem höheren Lebensgute gegriffen,