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ihr Gnaden wenigstens führten ein leidliches Wohlbefinden, und sonst fiel seit zwei Tagen nichts zu vermelden vor."

"Desto besser, Mr. Lorint – k e i n e Neuigkeiten besser als trübe," erwiderte Mad. Sulpice. – "Darf man Euer Gnaden ersuchen, auszusteigen?" fuhr sie, gegen den Wagen zurückgewandt, fort.

Voll Neugierde beeilte sich jetzt Mr. Lorint der Angekommenen hülfe zu leisten. Alle Bewohner Ardoise's sahen auf die Veränderung in dem Leben ihrer Gebieterin, die ihr nach so langer Einsamkeit eine stete Begleitung, eine Lebensgefährtin, wie sie sich selbst darüber ausdrückte, geben sollte, mit einem Erstaunen und einer Erwartung, die man wenigstens durch die Erscheinung des Gegenstandes selbst gerechtfertigt zu sehen hoffte.

Mit der Leichtigkeit der Jugend betrat jetzt den Kutschentritt eine schlanke feine Gestalt, welche den Flor der Haube so über die Stirn gezogen trug, dass nur das blendend weisse Kinn und der schöne Mund sichtbar waren. So getäuscht sich Mr. Lorint hierdurch fand, schloss er doch gleich mit sich abhier eine junge Schönheit zu sehen, und als sie den Boden betrat und mit dem reinsten französischen Accent ihn anredete, beschloss er, sie des Vorzugs, den sie eben einzunehmen im Begriff war, würdig zu erklären.

"Und werde ich die Gräfin d'Aubaine diesen Abend noch sehen?" fragte die junge Dame mit einem sanften Tone der Sprache.

"Ich eile, Euer Gnaden zu melden," erwiderte Lorint, "und bitte untertänigst mir zu folgen."

Die Fremde nahm mit einigen dankbaren Worten von ihren beiden Reisegefährten Abschied und stieg hinter Lorint die heitere breite Treppe hinan, die, gastlich erhellt, den schönen Marmor der Wände mit seinen kunstreichen Verzierungen zeigte. – Lorint öffnete einen Vorsaal und beurlaubte sich dann, in eine Nebentüre verschwindend. Kaum sah sich die Fremde allein, als ihr Herz von der tiefen Bewegung überfloss, welche sie zu beherrschen getrachtet hatte. Die heissesten Tränen stürzten aus ihren Augen, und sie verhüllte das Gesicht, dem Schmerze ihres Herzens sich hingebend. Einige Augenblicke hatte sie so den Tribut gezahlt, den eine plötzliche und vollständige Umänderung aller bisher gekannten und lieb gewesenen Verhältnisse dem jungen Herzen abnötigten, als sie durch den Gedanken, im nächsten Augenblicke derjenigen gegenüber zu stehen, die sich mit allen Beweisen von Liebe und Teilnahme ihr schon in weiter Ferne bis zum gegenwärtigen Tage genaht hatteihre Tränen versiegen machte und ein neues Bemühen herauf rief, ihre schmerzliche Aufregung zu beherrschen. Sie trocknete ihre Augen, und ihren Mantel ablegend, gewahrte sie nun erst die Schönheit des Raumes, in dem sie sich befand, der von zwei Kaminen und vielen geschickt verteilten Kerzen, die ihr Licht von hell polirten Wänden und Fussböden wiedergaben, erleuchtet wurde. Ihre Aufmerksamkeit ward sogleich durch einige lebensgrosse Bilder in Anspruch genommen, Personen aus der Familie darstellend, welche die Fremde in den Kreis einzuführen schienen, dem sie künftig angehören sollte. Es waren schöne, edle Gestalten, und ihr Auge blieb mit besonderer Teilnahme an den Zügen einer Dame hängen, welche, im Brautschmucke gemalt, mit so unbeschreiblich anziehenden Mienen auf die junge Beschauerin niedersah, als wolle sie ihr Mut und Lebenshoffnung einreden.

"Ach," seufzte sie leise, "wären das die Züge der Gräfin d'Aubaine, wenn auch von der Zeit der jugendlichen Schönheit beraubt! – Wie unbeschreiblich wohl wird mir in Deinem Lächelnals hätte ich Dich längst gekannt, als wüsstest Du Alles, was in meinem Herzen vorgeht!"

Indem öffnete Lorint die Flügeltüren und lud das fräulein zum Nähertreten ein. Durch mehrere Gemächer, welche alle, erhellt und vom Kaminfeuer belebt, den Hauch des Geistes trugen, der nur im steten Gebrauche ihnen ihr ansprechendes Dasein einflössterreichte die Fremde ein Kabinet, das die Zimmerreihe schloss, und, mit grünen, seidenen Vorhängen rings umhängt, wie Waldeinsamkeit und Stille den Wohnenden umfing. An der Schwelle stand plötzlich die hohe Gestalt der Gräfin d'Aubaine. Es waren zwar nicht die Züge, die aus jenem Bilde lächelten, aber wer hätte der sanft verklärten Dulderin in die milden blassen Züge blicken können, ohne zu glauben, er habe gefunden, was er suche.

"O Elmerice," rief die Gräfin, das schnell zu ihren Füssen gesunkene Mädchen mit beiden Armen umfassend, "suchst Du keinen andern Platz bei Deiner zweiten Mutter?"

Unfähig zu sprechen, sank Elmerice an ihren Busen. Die Gräfin, welche jede allzugrosse Erweichung scheute, rang sichtlich mit ihren Gefühlen, das liebe Wesen, welches sie innig an sich gedrückt hielt, in der natürlich grossen Bewegung zu stützen.

"Blicke auf, mein Kind, und sei getrost! Du hast e i n e M u t t e r , ich die Freundin meiner Seele verloren! Ach, glaube mir: Du bist mir ein heiliges, über Alles teures Vermächtniss, und dass sie mit dieser letzten Gabe ihres Lebens mich noch beglücken und ehren wollte, das ist ein zeugnis ihrer Liebe, woran ich Dich erinnere, dass Du fühlst, wie sie mich hochhielt, und daran Dein Vertrauen zu mir knüpfest."

"Ach, Frau Gräfin," rief Elmerice, "wie könnte ich jetzt erst Gefühle anknüpfen wollen, bei denen ich gross gezogen wardmeine älteren, so lang ich sie beide besass, wetteiferten, Euch zu lieben!"

Elmerice zärtlich umschlingend und sie zu sich in das Ruhebette niederziehend, sagte