schon so wenig Vergnügen zu haben schien, als das Schloss noch der Wohnsitz der Heiterkeit und Geselligkeit war, jetzt zu halten sein werde, wo er die einzige person zu seiner Gesellschaft war und jene Familien-Angelegenheiten auch ihn zu zeiten wegriefen. Er schlug ihm daher vor, mit ihm Edinburg zu besuchen, und ausser dem Trauerhause dort Vergnügen und Zerstreuung zu suchen.
Das war natürlich ganz gegen die Neigung des jungen Grafen, und er bat es sich aus, in Stirlings-Bai in der grössten Einsamkeit die anberaumte Zeit verleben zu dürfen, indem er die gemachte Bekanntschaft mit dem Geistlichen eingestand, und damit des Grafen Besorgnisse für den Mangel aller Geselligkeit zerstreute, da auch er für Sir Reginald eine grosse Hochachtung hegte.
Keinesweges war die Marschallin von Crecy so schnell zu beruhigen. Sie hatte den Brief ihres Sohnes empfangen, dessen wir bereits gedacht, und augenblicklich erkannt, ihm müsse ein ganz besonderer Eindruck gekommen sein, den sie unmöglich seinen Hausgenossen zuschreiben konnte und daher unter den Gästen suchen musste, von deren Anwesenheit dieser Brief sie unterrichtete. Noch zögerte sie gegen sich selbst mit dem gefürchteten Geständnisse, dies könne ein Herzenseindruck sein; denn sicher gemacht durch die blosse galante Neigung ihres Sohnes zu Frauen, hatte sie sich der Hoffnung überlassen, Alles, was er darüber zu erfahren nötig habe, werde er dereinst auch durch sie empfangen, durch die ihm von ihr bestimmte Gattin.
Sie war zu kalt, zu sehr Weltfrau, um grossen Wert auf eine mögliche unzeitige Herzensaffektion ihres Sohnes zu legen, im stolzen Selbstvertrauen sich überzeugt haltend, sie würde niemals ihren Plänen für die Zukunft entgegen treten können – aber dennoch berührte es sie unheimlich, als ein neuer Beweis, wie viel Selbstständiges sich in ihm zu entwickeln begönne; und ihr Antwortschreiben war so eingerichtet, ihm zu genaueren Mitteilungen Veranlassung zu geben, da sie näher kennen wollte, w a s geschehen, ehe sie einschritte. – Auch gelang ihr dies vollkommen; denn Leonin, entzückt von dem milden mütterlichen Tone dieses Briefes, legte ihr nun seine Pläne für die Zukunft dar, indem er sich unbefangen über den Wert seiner zu erwartenden Besitzungen freute, und seine Absicht aussprach, auf Ste. Roche fürs Erste zu leben, und dort Wohltaten und Verbesserungen jeder Art zu häufen. Er fügte mit kindlicher Zärtlichkeit hinzu: wie er dann hoffe, auch s i e werde dort gern weilen, wenn er ihr eine Tochter zuführen könnte, ihrer würdig, und mit ihm vereint bemüht, ihr das Leben zu erheitern.
Zwar hielt ihn eine ahnungsvolle Scheu zurück hinzuzufügen, wie weit er mit dieser letzten Zusicherung selbst sorgend gekommen war, aber dies war auch für die Fürsten Soubise nicht nötig, denn sie hatte genug vernommen, um zu wissen, ihr Sohn habe ohne sie eine Lebensgefährtin gewählt, genug, um plötzlich aus ihrer Sicherheit über ihn zu erwachen, genug um die Kräfte ihres intriguanten Geistes herbei zu rufen, denn d i e s e r Mutter konnte nur einfallen, um jeden Preis zu hindern, was sie nicht beschlossen; Bedenklichkeiten bei solchen Schritten waren ihr fremd, weil sie Niemand so liebte oder achtete, um auf dessen Wünsche oder Ansichten, den geringsten Wert zu legen.
Nur auf welche Weise sie hier am zweckmässigsten einschritte, blieb ihr ungewiss. Doch ihre Unruhe, ihre Ueberraschung und ihr Schrecken sollte noch steigen, als sie sich endlich entschlossen hatte, ganz absichtslos erscheinend, die Veränderung in der Gersei'schen Familie zu einer schnelleren Zurückberufung ihres Sohnes zu benutzen, ihm ihr Bedauern ausdrückend, dass ihr Wunsch ihn an einen Ort habe fesseln müssen, der so wenig Reiz für ihn haben könne, und wie sie ihm ihr Schloss Moncay bei Paris anböte, wohin sie sich mit seinem Vater zu seinem Empfange begeben wollte, wenn er bis zu seiner Majorennität vorzöge, vom hof entfernt zu leben.
Leonin's Antwort überhüpfte leichten Fusses den ganzen schwerfälligen Inhalt dieses wohlberechneten Briefes, und wie ein Schäfer an seine Geliebte, antwortete er heiter und in glückseliger Laune scherzend, wie Stirlings-Bai nichts Abschreckendes für ihn habe, und die herrlichen Wälder, die reizenden Täler in der Zauberluft des Herbstes zu durchstreifen, ihm einen Genuss gewährte, womit er nichts zu vergleichen wüsste, und der Gedanke, damit zugleich ihre früheren mütterlichen Wünsche zu erfüllen, ihn entschlossen machte, hier genau so lange zu bleiben, dass ihm bloss Zeit bliebe, zu dem notwendigen Augenblicke seiner Majorennitätserklärung in Paris einzutreffen.
"Also, er fasst eigene Entschlüsse!" rief die Marschallin, als sie diesen leichten, spielenden Brief gelesen hatte – und ganz überwältigt von dieser Vorstellung, blieb sie in ihrem stuhl sitzen, unfähig sich zu fassen.
"Und zurück muss er dennoch!" fuhr sie, sich emporringend, fort, "zurück muss er, und ich muss erfahren, was ihn dort zu fesseln vermochte!" –
Ihr langes Nachdenken gab ihr, wie immer, die Mittel an die Hand, die sie zu ihren Zwecken bedurfte, und leider liess es sie jetzt ein zu jeder Tat bereites Individuum wählen, dessen erprobte Teilnahme in allen Fällen ihr dasselbe zu einem Freunde erkoren hatte, den Begriffen von Freundschaft gemäss, die zwei solche Menschen nähren konnten.
In dem haus der Marschallin von Crecy lebte ein junger Mann, den Alle Marquis de Souvré nannten. Seine Erziehung war in dem Kollegium zu Clermont geleitet worden und jedenfalls auf grössere Ansprüche berechtigt gewesen, als der frühe Tod beider älteren und ein zerrüttet