lächerlicher Jagdlügen, womit sie sonst einander zu ärgern trachteten und oft zu heftigen, rohen Scenen Veranlassung gaben. Zum ersten Male fiel es dem jungen Grafen leicht, unter ihnen zu bleiben und an ihrem gespräche teil zu nehmen. Er benutzte noch denselben Abend, als die Gesellschaft sich getrennt hatte, diese ihm bisher so fremde Stimmung seiner Mutter zu schreiben, und das ganze Bild, das er von seinem Leben entwarf, und was nur zu erwähnen, ihm bisher der Ueberdruss daran unmöglich gemacht hatte, trug einen überraschenden Ausdruck glückseliger Heiterkeit, vollständiger Befriedigung.
Wohin unser junger Freund am andern Morgen seine Schritte lenkte, brauchen wir kaum zu erwähnen. Bald kannte er keinen andern Weg als diesen. Ehe die Sonne hoch genug stand, den Tau von dem Moose des Waldes zu trocknen, umschlich er schon den Fuss der Abtei und beobachtete mit anbetendem Entzücken die tanzenden Lichter, die die Fenster zu liebkosen schienen, hinter denen noch Fennimors jugendliches Haupt in holden Träumen ruhte. – Mit leisen Schritten betrat er den Weg, der zu der Tür des Wohngemaches führte, und prüfte das weiche Moos unter seinen Füssen, ob der leichte Wind, der die Wipfel der Buchen grüssend berührte, auch nicht ein dürres Aestchen, ein welkes Blatt auf den Weg gestreut, den bald ihr zarter Fuss betreten sollte. Zu den Gewächsen, die das Fenster spielend umzogen, blickte er wie zu Begünstigten auf, die bleiben konnten, wo sie war; er betrachtete sie, als wolle er sich ihre Liebe erwerben, er schlang die vom Zufalle verschobenen Ranken um ihre Stäbchen, er suchte die abgestorbenen Blätter und Zweige hervor, und bog die befreiten Keime gegen das Licht; und die Blumen, die er ihr jeden Morgen brachte, ob der Tau sie nicht zu sehr nässte, ob die Sonne nicht ihren Duft früher nähme, als s i e ihn eingesogen, wie viel Gedanken und Ueberlegungen machte ihm das! Hatte er sie endlich gebettet an gesichertem Ort und sich überzeugt, er dürfe sie noch nicht erwarten, so kam er sich wie ein Held, gross und entschlossen vor, wenn er abwärts von ihrer Schwelle noch eine Wanderung durch den Park versuchte.
Gehoben nun, wie sein ganzer Zustand es war, traten seine Gedanken zu Entschlüssen hervor. Seiner nahen Majorennität freute er sich besonders, und leicht hätte er das, was er sich selbst nicht eingestand, eben aus diesem Gefühle erraten; denn nichts war ihm bis dahin gleichgültiger gewesen, als eben diese Majorennität. Mit allen Vorzügen des Reichtums immer ausgestattet, hatte eine Vermehrung dieses sorglosen Besitzes, womit zugleich eine Verwaltung desselben die bequeme Ruhe des bisherigen Lebens bedrohte, sehr wenig Reiz für ihn gehabt, und er hatte alles, was seine ihn immer in probe nehmende Mutter hervorbrachte, ihn darüber auszuforschen, stets mit ablehnender Gleichgültigkeit zurück gewiesen. Die umsichtige und herrschsüchtige Frau konnte ihre sparsamen Gefühle höchstens nur auf die Liebe der Blutsverwandten ausdehnen; doch auch hier nur ihrem charakter getreu, indem sie ihre Klugheit und Lebenserfahrung geltend machte, i h r e Ansichten von Glück und Wohlbefinden ihnen entweder mit dem vollen Umgestüme des Zürnens, oder dem langsamen Wirken übler Laune und kleiner heimlicher Ränke aufzunötigen. – Sie erlaubte sich jedes Mittel, ohne die kleinste Unruhe ihres Gewissens, da sie durch ihr stolzes Selbstgefühl beständig in der sichern überzeugung gehalten ward, das Wohl des Andern zu wollen, nämlich: was s i e dafür hielt, und was annehmbar zu machen, i h r e r finsteren uneingestandenen herrschaft schmeichelte.
über ein so weiches, zur Untätigkeit geneigtes Gemüt, wie das Leonin's, die herrschaft zu führen, schien sie sich nun vollständig berufen, und indem sie ihm damit das Leben, das seiner träumerischen Seele leicht zu schwer ward, so bequem als möglich machte, fühlte sie sich ihres Einflusses vollkommen gesichert. Aber sie hatte von den schönen Keimen seiner Seele, die von einer sich selbst nicht suchenden Liebe verstanden und gepflegt worden wären, und durch ein ehrendes Schonen und liebevolle Ermunterung erstarkt sein würden, auch keine Ahnung – ja, ihr Verfahren hatte bereits genug in ihm zerstört, was sie stets in den platten, breiten Ansichten erledigt fand, er sei zu gut fürs Leben, er müsse stets dagegen gewarnt, geschützt und eingehüllt bleiben.
Diesen Frevel, der an ihm begangen ward und ihn verhinderte, sich zum mann zu entwickeln, wollen wir in unsern Gedanken fest halten, wenn wir ihn auf der Bahn seines Lebens begleiten müssen und wünschen werden, ihn halten oder stützen zu können gegen die Gewalt eines herrschsüchtigen Weibes, die aus selbstsüchtiger Liebe seinen Geist unterdrücket, und sein Herz gegen Menschen und Verhältnisse in Zweideutigkeit verstrickte. –
Was er jetzt empfand und zur natürlichen Entwikkelung kam, da er ausser dem Bereich ihres Einflusses lebte, erfasste ihn wie ein neuer Strom des Blutes. Er genoss zuerst den Zauber, der die Seele des Mannes aus der Knospe hervorbrechen lässt und alle Kräfte als Diener herbei ruft, d e n heiligen Zauber, ein weibliches Wesen im zärtlichen Glauben an seine Kraft und im Gefühl der eigenen Schwäche sich ihm vertrauen zu sehen, als habe damit jede Furcht auf Erden ihr Ziel erreicht. Wer hatte bisher von ihm gewollt und gesucht, was Fennimor nicht zweifelte zu finden, wer hatte ihm dies völlige Gefühl der Männlichkeit gegönnt, wer ihn zu einem freieren Hervortreten seiner Kräfte und Fähigkeiten genötigt – durch die Anforderungen echt weiblicher vertrauender Liebe! Es konnte nicht fehlen, dass er, der