, bis wir allein sind."
Wie mit Purpur ward Fennimor bei diesen Worten übergossen, und Erstaunen und Beschämung schienen daran gleichen teil zu haben.
"O, ich bitte Euch, Sir Reginald," rief Leonin – "würdigt mich als Euren Gast des Vertrauens, dass ich an allen Euren Beschäftigungen Anteil nehmen darf, und schenkt mir Eure achtung, indem Ihr sie nicht durch meine Gegenwart unterbrechen lasst."
Sir Reginald war um so geneigter, dieser Bitte nachzugeben, da er mit Teilnahme sah, wie sehr Fennimor durch seinen Einspruch ausser Fassung gekommen war, und ihre rührend beschämten Züge den leichten Anfang hervorbrechender Tränen andeuteten. "So wollen wir denn unsern neuen Gast ganz wie einen alten behandeln" – sagte er, mit dem Versuche zu scherzen, "und ich freue mich recht, in seiner lieben Gesellschaft eines Deiner schönen Gebete zu hören." –
Fennimor nahm jetzt das Buch, das der Vater selbst hatte öffnen müssen, ihrer Verwirrung zu hülfe kommend, und zeigte mit dem Finger auf das Blatt, wo sie beginnen sollte.
Zu Anfange bebte die stimme des erschreckten Kindes, und jedes Wort fand nur unsicher seinen Ton; aber wie erstaunte Crecy, als er nun erst hörte, dass diese Gebete in französischer Sprache geschrieben waren und der Tomas a Kempis dasselbe Andachtsbuch war, das er in dem Betzimmer seiner Mutter zu finden pflegte. Fast kostete ihm diese Ueberraschung seine Andacht – hätte nicht der ernste und so melodische Ton dieser kindlichen stimme ihn mit steigendem Entzücken an den heiligen Sinn von Worten gefesselt, die von Jugend auf sein Herz am meisten erbaut hatten. Die etwas gebrochene, unsichere Aussprache, die doch nie den Sinn verdarb oder über die Kenntniss der Leserin Zweifel erregte, schien ihm ein Zauber mehr; jugendlich-phantastisch überbot er in jedem Augenblick sein tieferregtes Gefühl, und zuletzt schien sie ihm ein Engel, der sich dem heil'gegen schweren Dienste unterzog, unter Menschen die Lehre des Heils zu verbreiten, doch nur mit Mühe seine Engelslaute in ihre harte Sprachform fügend. – Als sie jetzt ruhig das Buch zuschlug, und mit gefalteten Händen zum leisen Nachgebete den Kopf über dasselbe senkte, dass die reichen braunen Locken wie ein Schleier niedersanken, und der ehrwürdige Greis mit seinem weissen haupt und dem vollsten Ausdrucke väterlicher Liebe, seine Hand segnend auf sie legte, da beugte er, als habe der Engel sich ihm offenbart, in einer Art Anbetung das Knie neben ihr, und rief leise und bebend: "Wollet mich aufnehmen in die heilige Gemeinschaft Eures Lebens!"
Die wahre Empfindung, wenn sie unverkümmert von den ewigen Rücksichten, die uns anerzogen werden, hervortritt, ist eine jedes Mal verständliche und fast immer siegende Sprache! – Sir Reginald legte ohne Bedenken seine andere Hand auf das gebeugte Haupt des Jünglings: "Gott segne Euch, junger Mann, mit einem unschuldigen Herzen bis ans Ende Eures Lebens!" – Da fiel, erschreckend, das Gebetbuch der Mutter, woraus sie so eben gelesen, von Fennimors Schooss auf die Erde, und alle Blumen und Kränzlein und zarten Bildchen, die darin gesammelt waren, flogen zerstreut umher. Beide knieten nun, und sammelten sorgsam und mit leichtem Finger diese Heiligtümer, und beschäftigten sich dann damit, sie an den Stellen wieder einzulegen, die Fennimor alle anzugeben wusste.
"Meine Mutter war aus Frankreich," erwiderte sie auf die Anfrage Crecys über das Gebetbuch in seiner Sprache – "und dies war das Buch, worin sie täglich meinem Vater vorlas. Davon weiss ich freilich selbst nichts mehr, aber ich erlernte die Sprache, um später auch darin lesen zu können, und tue es nun alle Tage – darum" fuhr sie zögernd fort – "dachte ich auch heute, es dürfe nicht anders sein, denn Ihr werdet doch auch beten."
"Ja, gewiss!" – rief Crecy bewegt, "und von Kindheit auf habe ich gerade aus diesem buch gebetet, was immer in der Betkapelle meiner Mutter lag."
"Vater," rief Fennimor freudig, den fern Sitzenden in seinem Nachdenken störend, "seine Mutter betet auch aus diesem buch, und er hat von Kindheit an keins lieber gehabt! – Sagt mir doch," fuhr sie fort, als sie das freundliche Nicken des Vaters in Empfang genommen hatte, "von Eurer Mutter – sie ist wohl recht schön und sanft und gut?"
Leonin schwieg einen Augenblick, und wir können nicht läugnen, dass die Welt ihn nicht mehr unbefangen genug gelassen hatte, um nicht in der Stille zu überlegen, dass dies schnell entworfene, vorteilhafte Bild seiner Mutter unmöglich entstehen konnte, ohne von dem Sohne und den ihm vielleicht von ihr beigelegten Eigenschaften die Farben zu leihen. – Aber versöhnend fügen wir hinzu, dass er dies ohne das kalte, beleidigende Trachten der Eitelkeit empfand. Ein heisses Gefühl durchströmte seine Brust bei der Hoffnung, sie sähe ihn so günstig an; ein Gefühl, das ihn nicht glauben liess, es stehe ihm zu, es zu fordern. Doch musste er während dieses berauschenden Gedankenlaufs sich bemühen, ihr zu antworten, und zuerst stand er etwas verwirrt vor dem Bilde seiner Mutter. "Sie ist schön, Miss Lester," – erwiderte er zögernd, "aber sie ist meine Mutter, daher über den Anspruch der Jugend hinaus – ihr Geist und ihre Gaben sind sehr gross, und sie ist von Geburt eine Fürstin Soubise."
"Das freut mich!"