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Bannfluche des Unschicklichen belegt haben würde, konnte hier unter der Leitung eines einsam lebenden Vaters gross werden; denn ihm tat die natürliche kräftige Frische seines Kindes, das Eigenes dachte und wollte, und ihn oft anregte zum Denken und Forschen für sie, innig wohl, er hütete sich, sie zu stören, und empfing oft, ihm selbst überraschend, ganz neue Gedanken von ihr. Was ihre Zukunft werden sollte, das legte er stets mit der gefassten Ruhe eines frommen Mannes bei Seite, und selbst seine sichtlich zunehmende Hinfälligkeit liess ihn keinen Plan, keine Ansicht darüber fassen. Sollte sie dem allgemeinen Loose der Frauen anheim fallen, sich zu vermählen, so hatte er freilich kein Bild von dem mann, der sie begreifen konnte; und lieber dachte er sie sich unvermählt, ihrer eigenen, tüchtigen natur den Wirkungskreis verdankend.

Gegen Ende der Tischzeit unterbrach sie fast zürnend ein Gespräch der Männer über die herrschende englische Dynastie und das Treiben Karls des Zweiten, von dem der Geistliche durch Crecy manches Nachteilige erfuhr, was seine früheren Ansichten bestätigte, da er den König fast so oft tadelte, als er von ihm sprach. "Vater," rief sie, ganz erglühend von Eifer, "wie kannst Du denken, dass unser König Fehler macht, bloss darum, weil er ein Stuart ist? – Wie würde Gott zulassen, dass ihm das schon im Blute steckte, und hast Du nicht selbst gesagt, dass er brav war bei Worcester, wie jeder andere Soldat, als habe er kein Recht vor dem geringsten vorausund war er nicht auch dankbar gegen Sir Loweston Harlei, der ihn verbarg, als ihn Cromvell auf der Flucht nach Holland verfolgen liesshat er nicht gesagt: 'Wo ein Harlei mir in den Weg tritt, da soll er mein Freund sein und, ist er müde, auf meinem Lager ruhen und, ist er hungrig, von meinem Brodte essen, aus meinem Becher trinken' – und hat er das nicht all' gehalten, wie Du mir selbst gesagt?"

"Einzelne schöne Züge haben alle Stuarts mit einander gemein," erwiderte ruhig der Vater, "aber daneben wohnt in ihnen ein tückischer Geist, der immer wieder einreisst, was sie Gutes gewollt oder getan."

"Ach nein," sagte Fennimor – "weisst Du, wie es sein wird? Er ist zu lange von haus gewesen, das habe ich letztin herausgefunden, als Du ihn wieder schaltest. Da war ich den ganzen Tag und die ganze Nacht in Grimfield's Höhle gewesen, als wir die Marienwürmchen sammelten in der Heumondsnachtgegen die Gliederschmerzen," setzte sie erläuternd gegen den Grafen hinzu – "als ich da so lange von haus war und ich kam wieder, war mir Alles fremd geworden, und ich wusste gar nicht, wo ich anfangen sollte, ob es Zeit zu dem Einen oder dem Andern wäre. Du selbst" – fügte sie hinzu und drückte ihren Kopf an des Vaters Schulter – "sagtest: Du bist ein ganz verwirrtes Ding geworden, weil Du so lange von haus warst! Da dachte ich nachher, wie Du den König schaltest: ich war nur so kurze Zeit fort, und mein Haus ist so klein, und als ich wieder kam, wusste ich zu nichts die rechte Zeit zu findenund nun der arme König, den sie so lange verjagt haben aus seinem grossen haus, aus seinem Englandnun er wieder kommt, auch nicht immer die rechte Zeit finden kann, wo Alles hingehört, da schelten sie ihn alle so sehr."

"Zu erklären, zu entschuldigen mag durch dies traurige Schicksal Manches in dem charakter des Königs sein" – sprach Crecy, so gern ihr beipflichtend – "es ist nur leider jeder Fehler, auf diesem Gipfelpunkte der menschlichen Gesellschaft begangen, so schwer in seinen Folgen, und so unmöglich, ihn zu übersehen, da er in das Glück von Tausenden einschneidet."

"Ja," – fuhr Fennimor lächelnd zum Vater fort – "lass' Du ihn nur erst recht ruhig in dem alten Vaterhause ausschlafen und gieb dann Achtdenn was war es bei mir? Uebermüdung. Als ich schön ausgeschlafen hatte, wusste ich Alles wieder, wie am Schnürchen, nichts war mir mehr fremd. – Der arme König ist auch noch müde, er ist noch immer überwacht von der langen Not, die ihn nicht schlafen liess; darum taumelt er und tut bald zu viel, bald zu wenigach, Ruhe muss doch ein König auch haben, da Gott ihn Mensch hat sein lassen! Und braucht er dazu so viele Jahre, wie ich Stunden, kommt die Rechnung doch heraus, da seine Not so gross war, die meinige so klein."

"Nun, so wollen wir ihm denn eine Ruhe der Seele wünschen, wonach er sich geeignet findet, das zu erkennen, was seinem armen land not tut" – sprach Sir Reginald, indem er sich erhob und nach beendigter Mahlzeit seinen Gast in das Wohnzimmer zurückführte.

Fennimor, die ihnen folgte, zog nun nach gewohnter Ordnung ein kleines Bänkchen zu den Füssen ihres Vaters, beschäftigt, von einem Andachtsbuche, welches sie herbei geholt, die goldenen Klammern zu lösen, um ihrem Vater daraus vorzulesen.

Doch Sir Reginald hielt die Hand auf den Deckel und sagte lächelnd: "Dies möchte unserm lieben gast doch eine zu ernste Lektüre werden, mein Kind, und wir lassen das