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. Wer das Leben kannte und dieses erste, leichte Berühren eines Gefühls zu verstehen vermochte, mit dem sie der mächtigsten Gewalt der Erde verfallen war, der hätte in unsäglicher Wehmut sein Angesicht verhüllen müssen, denn eben damit war das unschuldvolle Leben in der natur, das sie als den letzten Abschied eines ruhigen Kinderherzens noch rein empfunden und ausgesprochen, unwiderruflich dahin. Jahre müssen hingehen, ehe wir die Abschnitte in unserm Leben erkennen, die oft so hart geschieden neben einander stehen, dass sie uns in Erstaunen setzen; aber b e w u ss t werden wir uns ihrer erst, wenn sie längst als abgelöst und aus jeder materiellen Beziehung zu uns getreten, erscheinen. Dann können wir auch oft erst nachweisen, w i e der Moment, der wie der Quell aus dem Felsen dem leichten Schlage entgegen stürzte, i n a l l e n vorangegangenen Zuständen unserer Seele uns unbewusst vorbereitet ward. Denn wohl fühlen wir bei einem klaren geist, w e n n uns das Leben zu einer neuen entwicklung gelangen lässt, aber w e l c h e es sei, das bleibt das geheimnis der Zeit; und die Anregung selbst macht, dass wir ihr wenig nachfragen, denn jede neue geistige entwicklung scheint uns zum Herrn derselben zu machen, und lässt uns die Wege als eigen gewählte gehen, auf denen wir uns doch oft als Verirrte wiederfinden.

Das Mädchen stand still und schaute vor sich nieder, und in ihr geschah, was sie nicht begriffals sie aufblickte, sah sie über Alle hinweg nach der Decke, sie war so gross geworden und hatte so viel Gedanken; Besuch bekommen, ist doch ein rechtes Vergnügen, glaubte sieund ging, um den Gast in der Küche anzuzeigen. –

Bald öffnete sich in der Holzwand, der Eingangstüre gegenüber, eine kleine, unter bunten Schnörkeln spitz zulaufende Tür, Fennimor trat herein und streckte winkend nach Beiden die Hand aus, so lieblich lächelnd wie ein Kind.

Sir Reginald erhob sich und lud seinen jungen Gast ein, ihm nach dem Esszimmer zu folgen. Dies war nur so breit, wie das einzige grosse Fenster darinnen, ein wahres grünes Blätterklosett, denn die hellen Scheiben hingen von Aussen voll wiegender Ranken, und die Holzwände waren besteckt und berankt mit allem, was grünen und blühen wollte. Um den kleinen runden Tisch standen drei Stühle; zierlich weiss, und wohlhabend mit Silber war er gedeckt, und ausser ihm keine Möbel, wozu auch jeder Platz fehlte, als im Hintergrunde neben der Ausgangstüre ein künstlicher Schenktisch, geschmackvoll und reich mit Silber geschmückt. Emmy stand schon wieder bei vollen Kräften, mit der ernsten Miene einer bescheidenen Dienerin, die es erwartet, ob die herrschaft sich eines mit ihr erlebten Ereignisses erinnern wird. Dies geschah sogleich von Seiten des Grafen, der freundlich sie anredete, um zu erfahren, ob der Schreck ihr nicht geschadet; und als auch der Geistliche ihr noch freundlich sich gezeigt und sie, sichtlich geehrt, der lieben Fennimor befriedigte Blicke zugesandt, nahm man die Plätze um das Tischchen ein. Obwohl diese Mahlzeit nur aus Fischen, Geflügel und Obst bestand, und Alles fehlte, was dem jungen Grafen sonst erst ein Mittagsessen ausmachte, schien es ihm doch das ausreichendste und vollständigste, was er je genossen, und das Vergnügen einer lebhaften gebildeten Unterhaltung, das er so lang entbehrt, labte seinen öden Seelenzustand bis zu nie empfundener Fähigkeit sich auszusprechen.

Wir haben schon gesagt, dass Crecy's Geist angebaut war. Leicht traten wohl geordnete Kenntnisse und eine entwickelte Urteilskraft hervor, wo Sir Reginald, die schöne Fähigkeit des Geistlichen besitzend, es so wohl verstand, Beides an seinem gast herauszufinden und in Tätigkeit zu setzen. Das Alter und die lange Trennung von der Welt machten den Jüngling ihm überlegen, aber er fühlte dies mit Wohlgefallen, und erkannte sein liebenswertes Naturell und die geschickte kluge entwicklung, die man ihm hatte zu teil werden lassen, und die ihn weder überfüllt, noch vernachlässigt erscheinen liess.

Obwohl Fennimor zwischen dem gespräche Beider nicht einredete, so machte sie doch auf eine wunderbar kluge und naive Art das Resumee des Gesagten. Sie bewies damit, ohne es zu wollen oder zu ahnen, dass sie mit nichts ganz unbekannt war, was die Männer zu besprechen fähig waren; dass sie aber Alles eigenmächtig umschuf und zurecht legte in der ihr verständlichen und möglichen Weise.

Das Schlechte existirte für sie nichtsie begriff es nicht, und alles, was daher und darum geschah, läugnete sie oder wusste es oft klug genug anders zu erklären. Sie war dabei entschieden und fest in ihren Meinungen, aber doch immer nur wie ein Kind ganz harmlos, ohne LeidenschaftlichkeitJeder musste fühlen, sie könne bloss nicht anders. Ihr von Aufhorchen und Teilnahme leuchtendes Gesicht, das beredte Mienenspiel, womit sie schon, ehe sie sprach, das Urteil fällte, war wunderschönkaum schien sie erwarten zu können, was der Eine oder Andere sagen würde, so beredt hingen ihre Augen an seinem mund, so freundlich lachte sie ihn an, wenn es das Erwartete war, so schnell schüttelte sie den Kopf, wenn sie es nicht begriff. Sie zwang unbewusst zuletzt die Sprechenden im Verlaufe des Gesprächs ihre Augen auf sie zu richten, da sie das Gesagte in ihr verworfen oder angenommen sahen.

So unschuldiges Treiben, das, hätte Fennimor in der Welt gelebt, schon längst weg erzogen gewesen wäre, da jede Mutter oder Erzieherin es mit dem