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. Nicht so Fennimorsie hatte zu tun mit der kleinen Estrade, wo ihre Blumen standen, und trieb dies mit einem Ernste und einer Wichtigkeit, als wenn diese stillen gefährten in ihrer Abwesenheit Unordnung angefangen hätten. Einzelne Worte, die ihr entschlüpften, klangen, als ob sie die eine Staude lobe, die andere tadele, und danach in die Sonne kehre oder zurück schöbe. "So," sagte sie endlich lauter, "nun habt ihr all' euer teil! – Das soll euch wohl gefallen" – fuhr sie fort, so freundlich und herausfordernd, dass Leonce aufhorchte, ob sie ihr nicht antworteten. Aber sie musste die Antwort schon empfangen haben, denn sie kehrte sich von ihnen ab, und blickte nun eben so zutraulich auf Leonin und ihren Vater hin, als überlege sie, was ihr mit ihnen zustehe. Der glückliche Vater sah mit einem kaum merklichen Lächeln dem entgegen, was er gleich zu vernehmen sicher war, ohne sein ruhiges Gespräch mit Crecy zu unterbrechen oder sie durch eine Anrede zu stören.

"Der Graf könnte lieber hier zu Mittag essen" – hob sie auch sogleich in einem ruhig beratenden Tone an, und stellte sich dabei neben den Vater hin, ihn ernst anblickend, als ob sie dies beide allein zu besprechen hätten.

"Das könnte er wohl," lächelte Sir Reginald, "wenn er es nicht vorzieht, auf dem schloss zu essen, wo so viel muntere Gäste sind, dass es ihm dort vielleicht besser gefällt."

Sogleich wandte sich Fennimor zum Grafen und sagte eben so ruhig: "Wollen Sie lieber bei uns essen oder auf dem schloss?" – Ehe er aber antworten konnte, fügte sie gegen ihren Vater hinzu: "Ich sagte Dir aber schon, lieber Vater, dass der Herr Graf gar nicht die Jagdzüge so liebt, als die andern Herren dort oben!"

Niemals glaubte Leonin eine verbindlichere Einladung erhalten zu haben, und er fühlte ein Entzücken, eine Beehrung durch dieselbe, die ihm seine kühnsten Wünsche zu erfüllen schien. "Nein, Miss Lester," bestätigte er freudig das, was sie so schnell und, wie es schien, zu seinen Gunsten aufgefasst hatte – "ich gehöre keinesweges zu diesen leidenschaftlichen Jägern; es ist mir sogar nur ein aufgezwungenes Vergnügen, und ich passe daher sehr wenig in diese heitere Gesellschaft und werde mich für glücklich halten, wenn Ihr mich würdigt, mich hier zu lassen."

"Warum bleibt Ihr aber dort," fuhr Fennimor fort, "wenn Ihr Euch nicht gefallt? Ich habe auch einmal zugehört, wie die Herren zusammen sprachen, und habe seitdem etwas gegen die Jagd, denn sie gehen nicht redlich mit den Tieren um. Was sie von ihren Hunden erzählten, war abscheulich; die tun das Meiste und so Grausames, dass die armen Waldtiere von ihnen zerrissen werden, wenn noch alles Leben in ihnen istdie schönen Hirsche und Rehe! und e i n friedliches Tier auf das andere zu hetzen, dass es so wild wird, das ist auch gottlos!"

"Ja!" rief Leonin lebhaft. – "Ihr sprecht es aus, jetzt fühle ich es, warum die Jagd mich stets zurückgestossen hat, es ist etwas Unedles und Unredliches dabei. Ich liebe die Ruhe des Waldes und das friedliche Eigentumsrecht, womit die schönen Tiere ihn bewohnen, und da haben mich diese lärmenden Züge und ihre rohe Freude über das Zerstören dieses friedlichen Zustandes immer aufgeregt, als müsste ich mich dagegen auflehnen."

"Also liebt Ihr auch so den Wald!" erwiderte teilnehmend Fennimor und setzte sich neben ihn. – "Habt Ihr in Frankreich auch schöne Wälder? Sind überhaupt recht viele Wälder in der Welt?"

"Ich besitze selbst sehr schöne Wälder," erwiderte Leonin. "In wenigen Monaten bin ich majorenn, dann gehören sie mir ganz allein, und wahrlich, kein Schuss soll fallen, ihr Frieden soll erhalten werden, als wären sie ein heiliger Hain der Vorzeit, irgend einer Göttin zum unanrührbaren Besitze geweiht!"

"Ach das tut, das tut!" rief Fennimor freudig – "da könnt Ihr dann die schönen langen Sommertage ganz ohne alle Störung herumgehen, und das wild wird Euch kennen und alle werden kommen, wenn Ihr ruft, und Ihr könnt es füttern, und dann geht es Euch nach, und die Kleinen spielen mit Euch; und wenn Ihr durstet, so müsst Ihr die Quellen besuchen, wo sie trinken, dies wasser ist immer kühl und hell, denn die klugen Tiere wissen stets das beste zu finden. Da werdet Ihr mehr Freude haben, als all' die lauten Jäger, zu denen sich kein einziges wild freut, sondern vor denen sie alle flüchtendas könnt Ihr mir glauben; und Ihr werdet dann noch oft an mich denken, und dass ich es Euch gesagt habe."

"Das glaube ich selbst," erwiderte Leonin, plötzlich ernst nachdenkend, als habe sie ihm sein ganzes Geschick entüllt – "ich werde von nun an immer an Euch denken, Euch nie mehr vergessen können."

Auch sie berührte das Leben in diesem augenblicke mit dem ersten leisen Hauch einer ihr bis dahin fremden Empfindungsie dachte noch mit innigem Wohlgefallen an den grünen Wald, in dem das wild ungestört wandeln sollte, und war doch schon mit einem leisen Erschrecken von dem Gedanken berührt worden, dass er ihrer gedenken wolle, sie nie mehr vergessen