Geist und Herz daran zu erquicken trachtete.
In einem von der Sonne erwärmten Gartensaale sass in der offenen tür Franciska, Gräfin d'Aubaine, in friedlicher Stille und Einsamkeit.
Die breiten Buchen- und Lindenwege, die Ardoise zieren und den Park mit dem kleinen Flecken, der dazu gehört, durchschneiden, gaben mit ihren durchsichtigen hellgrünen Blättchen schon eine feine Schattenlinie auf die dazwischen durchblickenden Wiesen und Rasenplätze, die vom schloss aus durch jene phantastisch geschnittenen Hecken unterbrochen waren, welche die Architektur fortzupflanzen trachten, den wirklichen Gestaltungen der natur entgegen tretend.
Das alte Herrenhaus von Ardoise lehnte seinen rücken gegen die wildreichen Wälder dieser schönen Besitzungen, und trennte und schützte es gegen die an seinen Grenzen hinlaufende Landstrasse. Es hatte daher den doppelten Vorzug einer ungestörten Einsamkeit und einer leicht zu unterhaltenden Kommunikation mit den nahe liegenden Ortschaften und Nachbargütern.
Die Gräfin d'Aubaine wusste jetzt beide Vorzüge wohl zu schätzen, wenn in früheren Jahren eine bestimmte Richtung ihres inneren ihr den ersteren als den vorherrschendsten bei der Wahl ihres Aufentaltes hatte erscheinen lassen. Bis zum tod ihrer älteren hatte sie abwechselnd hier und auf deren Stammschlosse Mont Réal gelebt. Dies war ihrem Bruder zugefallen, und nachdem sich auch ihre jüngste Schwester, die Mutter der Marquise d'Anville, an den Grafen Maurepas vermählt hatte und dessen Güter bewohnte, zog die Gräfin Franciska vor, in Ardoise ihren Wohnsitz zu nehmen.
Sie war unvermählt geblieben – und ohne, dass über die Erlebnisse ihrer Jugend etwas Bestimmtes bekannt gewesen wäre, genoss sie von älteren, Geschwistern und Freunden die stille ehrende Schonung, mit der man das unverschuldete Missgeschick betrachtet, und die Fügsamkeit in ihren Willen, die man so gern den kleinen Rettungsmitteln widmet, womit ein blutendes, aus dem natürlichen Kreise des Lebens verschlagenes, Herz sich zu schützen sucht. – Auch war die Rücksicht, die sie unaufgefordert ihren Angehörigen auferlegte, keine schwer zu leistende. Ihre Seele war durch das Erlebte den schönen gang einer wahren Resignation gegangen; losgelöst von eignen Hoffnungen und Wünschen, suchte sie sich in keiner äusseren Erscheinung mehr, und war um so hingebender und teilnehmender für die Zustände um sich her. – Selbst ihr vorherrschendstes Bedürfniss: Ruhe, befriedigte sie nie auf Unkosten einer freundlichen Hingebung an die gelegentlichen Anforderungen, sich gesellig zu erweisen – und die ganze tiefe umfassende Erfahrung des Unglücks, die ihr geworden, diente ihr nur, ähnlichen Zuständen mit Rat und Teilnahme zu begegnen. Sie kannte keine grössere Wohltat, als den Anblick glücklicher Menschen, sie nannte sich scherzend darin eine Epicuräerin, und liess nicht ahnen, wie sie das Unglück aufsuchte und sich ihm hinzugeben verstand, wenn um sie her in dem weitläufigen schloss der Frohsinn zu herrschen schien, den sie sowohl zu wecken und zu unterhalten verstand. Ihre eigene, frühzeitig von Kummer gezeichnete Gestalt konnte nicht mehr das zeigen, was sie gern bei Andern sah. In der Mitte des Lebensalters, trug sie doch das Ansehn einer Matrone; nur ihre hohe Gestalt war fein und schlank und von dem edelsten Anstande getragen. – Die einst so schönen braunen Locken waren schon in Silbergrau verwandelt und bildeten den Uebergang zu dem völlig erblassten stillen Angesichte, dessen tiefgedrückte Augenbrauen und niedergezogene Mundwinkel die rührenden Züge eines Kummers darstellten, der Zeit gehabt hatte, die reichste Schönheit zu seiner Repräsentantin umzuwandeln. Sie trug immer einfache schwarze Kleidung, und die Mode ging unbeachtet an ihr hin, wie sie es unbeachtet zuliess, dass ihre alte Kammerfrau von Zeit zu Zeit in nicht störenden Anordnungen ihr nachzukommen suchte. Angebetet von ihren Dienstleuten, war sie das Kleinod der Familie, und wie man einen kostbaren Schmuck wohlverwahrt lässt, seinen täglichen Genuss nicht wagend, sich des schönen Besitzes sicher wissend, so unterbrachen alle die heilige Ruhe der Tante nur selten, des erwärmenden Gefühls gewiss, dass sie ihnen lebe, sich ihnen nie zu entziehen strebe.
Diese stille Abgeschiedenheit sollte jedoch eben an dem Tage, wo wir uns in Ardoise einführen, eine kleine Umwandlung erleiden, denn die Gräfin d'Aubaine war in Erwartung einer jungen Gefährtin ihrer künftigen Tage.
Der frühe Abend hatte sie in ihre oberen Gemächer geführt, wo die leichte Glut eines Kaminfeuers und der helle Schein der Kerzen noch die Beschäftigungen des Winters zurückrief.
Einige Stunden später fuhr ein verschlossener Reisewagen mit den Livreen der Gräfin durch die nun völlig in Dunkel gehüllten Wege des Waldes dem schloss zu. Die Torwächter öffneten die eisernen Gitter, die den Hofraum umschlossen, und der Wagen fuhr in den Portikus des Hauses.
"Ist die Frau Gräfin noch zu sprechen?" fragte St. Blace, der alte Kammerdiener derselben, und hob sich langsam aus dem bequemen Bocksitze.
"Sie haben befohlen, sogleich die junge herrschaft einzuführen," antwortete Mr. Lorint, der Haushofmeister, "und sind besorgt um ihr langes Ausbleiben."
"Nicht meine Schuld, nicht meine Schuld, Mr. Lorint!" rief St. Blace, "wir haben keinen Mondschein, und die Wege im wald sind noch feucht und aufgeweicht von der Regenzeit – wir konnten nur langsam vordringen."
Indem nahten sich Beide dem Wagenschlage, und ihn öffnend, hob sich ihnen zuerst die alte Kammerfrau der Gräfin, Madame Sulpice, entgegen und liess sich, in ihre Pelze und Mäntel gewickelt, von ihren beiden Kameraden über den Tritt der Kutsche ziehen.
"Ah, Mr. Lorint!" rief sie freundlich – "ich hoffe, wir finden Alles wohl auf in Ardoise und kommen zur gesegneten Stunde."
"