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"Gott sei gelobt!" rief sie und schlug die hände zusammen, "jetzt sind wir gerettet! Doch, wir wollen hier fort – so lange uns das wilde Tier sieht, reizen wir seine Wut, und lange traue ich dem Gitter nicht Widerstand zu – doch seht, da kehrt es schon um waldeinwärts: – Nun, so helft mir meine arme Emmy hier wegbringen, denn die Angst hat sie ganz umgeworfen." Bei diesen Worten war sie schon neben die am Boden Liegende getreten, und bemühte sich, sie aufzurichten. "Hörtet Ihr denn gar nicht," fuhr sie mit Emmy beschäftigt fort, "woher das Unglück kam? – Was hätte uns wohl Euer kleiner Hirschfänger helfen können? Ihr hättet doch an das Gitter denken müssen!"
"Gewiss," antwortete Leonin, von Staunen und Verlegenheit über das Erlebte und den ruhigen Vorwurf des jungen Mädchens ganz überwältigt – "mein Betragen war töricht und ungeschickt, und ich fühle mich tief beschämt, von Eurem Mut und Eurer Besonnenheit so weit überholt zu sein."
Als Leonin sprach, liess das Mädchen von Emmy ab und erhob das Gesicht zu ihm, die dunkeln Locken zurückschüttelnd; sie war dem gebildeten Tone seiner schönen stimme gefolgt und blickte jetzt hold neugierig in sein Angesicht.
Gewiss war dies für Beide eine angenehme Ueberraschung, denn tiefere blaue Augen hatten ihn noch nie angeblickt, und so viel die aus ihren Banden geflossenen Locken zuliessen, glaubte er nie feinere und anmutigere Züge gesehen zu haben.
"Gehöret Ihr denn zu den Jagdherren des Schlosses?" fuhr das Mädchen fort.
"Ich bin allerdings ein Gast des Grafen Gersei," antwortete Leonin – "doch nicht so leidenschaftlicher Jäger, diesen fröhlichen Waldzügen immer zu folgen."
"Das dachte ich wohl," sagte das Mädchen, "aber es mag sein, wie es will, Ihr müsst mir Emmy führen helfen."
"Gewiss! gewiss," sprach Leonin, "werde ich Euch nicht eher verlassen, als bis Ihr in Sicherheit seid."
Sie schaute ihn wieder klug an, um ihren Mund zuckte ein Wort, aber sie schwieg und ergriff nun zärtlich Emmy's Hand, die sich noch bleich und halb ohnmächtig gegen einen Baum lehnte, unfähig, wie es schien, ihre Besinnung wieder zu finden. "Emmy! meine liebe, gute Emmy!" sprach sie zärtlich, wie ein Kind, "sieh mich doch an und fasse dich – Du bist ja gerettet! komm' doch nun nach haus, zu Deinem mann, zu Deinem kind – denn er könnte sich ja bangen um Dich! Sieh, weit weg ist schon der böse Eber, den haben gewiss die Jäger schon erlegt, und er kann Dich nie wieder jagen!"
An den freundlichen Worten, so wohl berechnet das gestörte Bewusstsein der jungen Frau zu werden, richtete sich diese auch alsbald auf und liess sich, dem fortdauernden Geplauder horchend, von Beiden fortführen.
"Verletzt bist Du doch nicht?" fragte das Mädchen weiter, "und Gott wird ja geben, dass Dir die Angst nicht schadet!"
"Ach nein, teure Miss!" erwiderte die junge Frau – "verletzt glaube ich nicht – aber denkt selbst, wie fürchterlich meine Lage war; ich bin weit gerannt, bald rechts, bald links, ihm zu entgehen, aber gewiss, ich wäre unterlegen, denn mir fehlte schon alle Kraft und Besinnung, wäre das Tier nicht schwerfällig und alt gewesen, und hätte ich nich hülfe bekommen. – Nicht wahr," fuhr sie fort, "der gute Herr hier hat mich gerettet?"
So beschämend dieser Augenblick für Leonin war, hätte er ihn doch um die Welt nicht verlieren mögen, denn das Mädchen steckte den Kopf um die junge Frau ein wenig herum und sah ihm mit einem Lächeln in die Augen, das den reizendsten Ausdruck mutwilliger Neckerei trug und ein unschuldiges, kleines Einverständniss einleitete; denn sie antwortete sogleich freundlich fortlächelnd: "Nun, geschrien haben wir beide genug, um die ganze Jagd zu hülfe zu rufen, und es mochte dem wohl schwer sein, der zwischen unseren Stimmen, die rechte Stelle zu erkennen, wo hülfe Not tat."
Leonin hielt seine Augen so lange auf ihr Antlitz geheftet, bis sie ihn noch ein Mal anblickte, und jetzt kostete es ihr ein schnelles, kleines Erröten.
"Ich war auf dem Vorsprung," fuhr sie zu Emmy fort, "als ich das Treiben des Ebers sah, und daran dachte, wie Du des Weges warst, und schnell hinunter lief, um zu sehen, ob das Park-Gehege offen, im Fall Du in Angst kämest – aber die Unruhe, die ich schon fühlte, machte, dass ich so bald dein Geschrei erkannte."
"Ach, liebe Miss, wie danke ich Euch!" rief Emmy gerührt, "Ich hätte selbst verunglücken können, aber daran denkt ihr immer zuletzt – was hätte dann Euer Vater gesagt!"
"Ja, der Vater," antwortete das Mädchen nachdenkend, "Dem hat es recht geahnt, dass uns heute Unglück bedrohe – glaubst Du, dass er mich hinauslassen wollte? Zur Zeit, da er weiss, dass ich spazieren gehe, kam er zu mir und setzte sich nieder, und trug und sprach so viel und lieb, dass ich ganz das Ausgehen vergass; als er abberufen ward und ich nun auch aufbrechen wollte