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sich bald in einer Isolirung, die er nur mit dem Kummer um den teuren Verstorbenen ausfüllte, dessen feine Geistesbildung ihm stets das wahre Element für seine Neigung war.

Wie seine Mutter vorausgesehen hatte, machten auch die Frauen, die er hier vorfand, und die in ihrer derben Natürlichkeit ihm so wenig wie Frauen erschienen, nur einen verletzenden Eindruck auf ihn; sie setzten ihn mehr in Verlegenheit, als dass ihr Umgang ihm hätte wohl tun könnenund er floh vor ihrem breiten, leeren Geschwätze fast noch ängstlicher, als vor den lauten Jagdzügen der Männer oder ihren lärmenden Trinkgelagen. Dabei erkannte er nur zu bestimmt, dass man ihn als ein völlig fremdes Wesen mit Neugierde und einem gewissen Mitleiden, wenn nicht mit Tadel, betrachtete; und er selbst schien sich so ganz abweichend, so unbegreiflich bis auf Gestalt und Kleidung verschieden, dass er, unterstützt von seiner hypochondrischen Laune, sich für einen immerwährenden Gegenstand ihres neckenden Zeitvertreibes hielt; er vergass aber, dass sie ihn hierzu für viel zu unbedeutend hielten. Er war unter Menschen, die ein volles sicheres Vertrauen zu ihrer Bildung besassen, weil sie ihnen eine tüchtige Auffassung des praktischen Lebens sicherte, das sie mit allen seinen materiellen Anforderungen vollständig beherrschten. Es hatte sich ihnen dadurch eine so stolze Ruhe des Daseins mitgeteilt, dass sie das darüber gehende Bedürfniss mit grossmütiger Gleichgültigkeit betrachteten.

So kam es häufiger, als es beachtet ward, dass der junge Graf mit der Flinte und Jagdtasche mit dem lustigen Trosse auszog, und bald unbemerkt sich zu weiten einsamen Spaziergängen entfernte, und dann, in dem duftigen Moose des Waldes gelagert, den eigentlichen Inhalt seiner Jagdtasche leerte, welchen er der vergessenen und nur für ihn geöffneten Bibliotek des Schlosses entzogen.

Er hatte einen schönen Herbsttag so in der wohltuenden Ruhe verbracht, die er weniger seiner inneren Haltung verdankte, als der sorgfältigen Vermeidung äusserer Störungen, und schlug nun, den Stand der Sonne prüfend, den Rückweg ein, um zur Zeit der Tafel den Hausgenossen nicht zu fehlen. Er hörte bald aus der Ferne die einzelnen Signale der Jäger, erkannte, dass man noch irgend ein Hauptwild auf der Spur haben musste, das man zu treiben suchte. Ohne des Weges recht kundig zu sein, sah er sich bald in einem bisher noch unbetretenen Teile des Waldes und blieb erstaunt über die Pracht und Majestät des hundertjährigen Baumwuchses stehen, der, wie eine riesenhafte Säulenhalle, bis an die Kronen von allem Unterholze entblösst, in einzelnen grossen Kämmen die dichten Laubgewölbe in einander schlang. Sie bildeten so eng verzweigt, einen festen Dom, durch den das Licht der Sonne nur gebrochen, wie durch bunte Scheiben, blendende Lichter herein warf, und den kurzen, feinen Moosteppich, der teils den Boden, teils die hochgebäumten Wurzeln der herrlichen Weiss-Buchen bedeckte, golden grün färbte. – Vorschreitend sah er jetzt, dass er sich der Abtei genaht, dass dieser Wald die heilige Vorhalle der prachtvollen Kirche bildete, deren grossartiger Unterbau sich jetzt zwischen den Stämmen gewahren liess. Es fiel ihm ein, dass er seit der Beisetzung seines teuren Freundes, wo er die Kirche auf einem ganz anderen Wege erreicht und sich wenig um sie bekümmert, noch keinen Versuch gemacht hatte, sie wieder zu sehen, was für ihn als Katoliken auch nur geringes Interesse hatte. – Er nahm sich jedoch jetzt vor, diesen schönen Punkt zu der Unterhaltung des nächsten Tages zu wählen und Alles kennen zu lernen, was sich daran anschloss.

Jetzt eilte er, die Nähe des Parkgeheges nach dem stand der Kirche annehmend, dasselbe zu erreichen, immer von den näherrückenden Hornsignalen begleitet, als es ihm plötzlich war, als höre er einen ängstlichen Hülferufjetzt glaubte er ihn hinter sich zu hörendann noch deutlicher vor sich. Er stürzte durch das erreichte Parkgehege in dasselbe hinein, denn es war ohne Zweifel eine weibliche stimme, die ihm entgegen tönte; auch drang er nur wenige Schritte vor, als er ein fliehendes Weib mit Pfeilesschnelle daher stürzen sah. Worin ihre Gefahr bestand, war nicht zu übersehn, aber ihr Angstgeschrei deutete jedenfalls auf solche hin, und Leonin eilte daher um so schneller auf sie zu; doch sah er jetzt zu seinem Erstaunen, dass sie, so hoch sie vermochte, ein weisses Tuch in der Luft wehen liess und, als sie ihn erreicht hatte, mit abwehrender Gebehrde an ihm vorüber lief, indem sie, hinter ihm zeigend, lebhaft rief: "O helft, helft doch!" – Nun erst schien ihm, als verdoppelte sich das Geschrei hinter ihm. Er blickte um und sah, wie sich der eben vorübergeeilten Gestalt eine andere aus dem Waldwege entgegen stürzte, von einem wild gemachten, und von den Hornsignalen noch immer gereizten und getriebenen Eber fast auf dem fuss verfolgt. Augenblicklich eilte Leonin jetzt den bedrohten Frauen nach, und da an Anlegung des Gewehrs nicht mehr zu denken war, riss er seinen Hirschfänger aus der Scheide, den zweifelhaften Kampf zu wagen entschlossen, wenn auch nur um den Fliehenden Zeit zu gewinnen. Doch ehe er hiezu kommen konnte, hatte das erste der Mädchen schon, mit der grössten Entschlossenheit der Verfolgten sich entgegen stürzend, das wütende Tier durch ihr wehendes Tuch verblödet und zum langsameren Trotte gebracht; sie wendete sich mit Blitzesschnelle, eilte der Andern, die das Gehege indess überschritten, nach, stiess den eben sich dem Eber entgegen werfenden Leonin zurück, und warf mit einer schnellen und geschickten Wendung das Gitter in das Schloss