nämlich mit anscheinendem Eigensinne verlangt, dass ihr Sohn hier bis zu seiner, in wenigen Monaten erfolgenden Majorennität verbleiben sollte, und bei dem Grafen Gersei dazu durch eigene Anfrage die erlaubnis ausgewirkt. Wie sehr sie nämlich gewünscht hatte, dass ihr Sohn sich durch diese Reise äussere freie Haltung erwürbe, so war es doch ganz ihrem charakter und ihren Ansichten entgegen, ihm damit auch eine innere Unabhängigkeit zu gestatten, und es schien ihrer argwöhnischen Herrschsucht, als habe der Sohn davon zu viel gewonnen, und seine Neigung für das Ausland sei vielleicht schon zu vorherrschend geworden, um ihn noch zu allen Verhältnissen geneigt zu finden, wie sie ihr bequem sein würden. Sie hoffte daher, ihm durch diesen letzten Aufentalt, den sie gar wohl kannte, eine Herabstimmung seiner gesteigerten Ansichten zu geben, und durch das ermüdende Treiben einer beschränkt abgeschlossenen Zurückgezogenheit ihn dankbarer und hingebender zu machen für das, was sie ihm dann mit vollen Händen, und dennoch wohl berechnet, genau mit ihrem Willen im Einklange, darbringen wollte. Seine Majorennität machte ihn augenblicklich zum selbstständigen Herren grosser Besitzungen, die, mit dem uralten schloss von Ste. Roche verbunden, eine anlockende Veranlassung waren, sich unabhängig zu fühlen; und die Marschallin hatte daher zu einem so gefährlichen Besitze, den sie ihm nicht streitig machen konnte, ohne alte Familien-Institutionen zu beleidigen, heimlich beschlossen, einen zweiten Besitz, eine Gemahlin nach ihrem Sinne und Willen hinzuzufügen. Ohwohl der Graf Gersei drei Töchter besass, wusste die kluge Mutter doch durch die eigenen Berichte ihrer Freundin, der Gräfin Gersei, dass sie an diesen keine Störung ihres Planes zu fürchten habe, da selbst die zärtliche Mutter sie unschön nannte und zum Troste dagegen Eigenschaften an ihnen rühmte, von denen die Marschallin wohl wusste, dass sie dem verwöhnten Geschmack ihres Sohnes nicht gefährlich werden würden. – Auf dem Wege nach Edinburg erkrankte der Abbate Mafei, und da er darauf bestand, die Reise fortzusetzen, erreichte man Stirlings-Bai, das Schloss des Grafen von Gersei, mit dem sterbenden Abbate. Sein Leben konnte nicht gefristet werden – alle zu Gebote stehende hülfe, von dem geschickten Hausarzte des Grafen bis zu der zärtlichsten Pflege seines ihm kindlich zugetanen Zöglings, vermochten den Willen der natur nicht zu beugen, die ihr Geschäft bei dem würdigen Abbate für erledigt erklärte, und er starb in den Armen des jungen Grafen sanft und heiter, eine würdige Vollendung eines vorwurfsfreien Lebens.
Dies war der erste Schmerz, der in die Seele des jungen Mannes drang, und er nahm ihn um so lebhafter auf, als ihm gerade die Stütze gegen jede bisher nahende Unannehmlichkeit mit diesem treuen und teuren gefährten entrückt ward. Jetzt ergingen eine Menge trüber fragen an ihn selbst, die sonst von dem guten Abbate beseitigt wurden, ehe sie ihn erreichen konnten. Er fühlte sich in allen Beziehungen verletzt und gekränkt, ja, er glaubte in sich selbst eine Schwäche und Unmännlichkeit des Karakters wahrzunehmen, welche ihn völlig schwermütig machte und zu den ungerechtesten Selbstvorwürfen trieb, die zu einer Mutlosigkeit, der Zukunft gegenüber, anwuchs, nur durch die Verwöhnung des Glücks begreiflich, von dem wir uns für immer verlassen glauben bei dem ersten Schatten, der es uns verhüllt.
Unter diesen Umständen fühlte er sich trotz der gütigen und teilnehmenden Sorgfalt, womit der Graf Gersei und seine Familie ihn behandelten, in so höchst gedrückter Stimmung in Stirlings-Bai, dass er, wenn er nicht gefürchtet hätte, seine Mutter durch seine Entfernung zu beleidigen, einen Ort zu verlassen geeilt haben würde, der bestimmt war, der erste Grenzstein seiner Jugend zu werden, indem er ihn aus dem weichen Zustande des Geniessens zu dem ernsteren des Leidens erwachen liess.
Wer Stirlings-Bai betrachtete, hätte es wohl für geeignet halten müssen, auf jede Stimmung der Seele einen wohltätigen Eindruck auszuüben. Es war reich ausgestattet von der natur und ein altes Besitztum reicher Geschlechter im wohlerhaltensten Zustande. Man konnte kaum etwas Schöneres sehen, als das Schloss auf dem Felsenabhange am rand des mächtigen Gebirgswassers, das zu einem wild brausenden See erweitert, von den herrlichsten Wäldern umsäumt lag und mit seiner reichen inneren Ausstattung den äussern Anspruch vollständig erfüllte.
Die Hütten der Untertanen lagen zerstreut umher, und der Zufall hatte es gewollt, dass ihre Lage die vielfachsten und romantischsten Ansichten gewährte.
Den Park begränzend lag eine alte Abtei, StirlingsAbtei genannt, deren Kirche noch jetzt zum Gottesdienste der gräflichen Familie und der Umgegend benutzt ward, und mit ihrem verschwenderischen Prachtbau im rein gotischen Geschmack, und mit ihrer noch wahrnehmbaren grossartigen Ausdehnung, es sehr wahrscheinlich machte, dass sie einst Besitzerin und Beherrscherin der reichen Güter gewesen sein mochte, in denen sie jetzt nur noch als notwendige Nebensache geduldet ward. Unzerstörbar jedoch blieb sie mit ihren mächtigen und den weitin sie verkündigenden Türmen die Beherrscherin der Gegend, auch nach ihrem Falle noch ihren mächtigen frühern Rang bekundend. Die einst dazu gehörigen weitläuftigen Klostergebäude waren bis auf einen kleinen teil abgetragen, der noch jetzt die wohnung des Geistlichen war, der unter dem Patronat der Grafen von Gersei stand.
Der Herbst nahte sich indessen, und das Sloss füllte sich jeden Tag mehr mit dem heiteren Trosse rüstiger Jäger, die von allen Teilen der Grafschaft sich zu einem langen Waidmannsvergnügen in Stirlings-Bai versammelten, dessen noch nie gänzlich durchstreifte Wälder jede Lust für so heitere Gesellschaft darboten. Nur selten und halb gezwungen nur, nahm der junge Graf an diesem Vergnügen teil, welches so ganz seiner stillen träumerischen Weise entgegen war; und er fühlte