scheinen, bloss um gegen einander ihre ununterbrochenen Fehden zu unterhalten oder zum Zeitvertreib für irgend eine müssige Stunde – ein Spielzeug scheinbar, von dem sie keine Belästigung erwarten, und gegen das sie sich keiner Verpflichtung bewusst werden: müssen wir, zu den geringsten Erwartungen unter solchen Umständen berechtigt, häufig erstaunen, wie ein also gehetztes oder gemissbrauchtes Wesen, dem Allen zum Trotze, sich in besserer Weise entwickelt.
Der junge Leonin. Graf von Crecy, war von der natur mit einer träumerischen Stille des Gemüts begabt, und dadurch gegen die verschiedenartigen Eindrücke seiner Umgebungen sanft eingehüllt. Er sah und fühlte immer nur d a s , was ihm für den Augenblick nötig oder angenehm war, und hatte für Alles, was sich ihm anderseits aufdrängen wollte, die sanfte Auslegung der Gutmütigkeit, womit er sich unbewusst jeden unangenehmen Eindruck abwehrte. Er fühlte weder die Unzulänglichkeit der väterlichen Autorität, noch den despotischen Willen seiner Mutter, von dem er ganz gelenkt ward. Er wuchs unter den Siegesnachrichten seines Vaters auf; in einer Entfernung von ihm, die ihm sein Bild von allen Schwächen frei erhielt, und denselben in seiner jugendlichen Phantasie zu den Heroen des Altertums erhob.
Mit einem darauf begründeten Anspruch an die Bevorrechtung seiner Geburt, wie er notwendig zu jener Zeit dem einzigen Sohne eines solchen Mannes erwachsen musste, fühlte sein weiches und dennoch von dem Stolze der Mutter gehobenes Herz die innigste Liebe zu seinem Vater. Die Mahnung, sich auszeichnend ihm ähnlich zu werden, fand er vorerst nicht heraus, und alle Wege schon bequem und eingerichtet, eben durch den Namen, den er trug.
Seine Mutter war mit der ganzen Autorität ihres Verstandes bemüht, in ihm den Stolz zu nähren, den er von ihrem Blute im Herzen trug, sie imponirte seinem, wenn auch richtigen, doch langsamen verstand durch die, Frauen natürliche, praktische Uebersicht der Verhältnisse, die ihm ausserordentliche Geisteskräfte anzudeuten schienen, da sie ihm immer zuvorkamen. Er hatte nie den Versuch gemacht, anderer Meinung zu sein oder die ihrige nur n a c h zu überlegen, und ihre mütterliche Weichheit würde sie nie zu der Schwäche verführt haben, diesen Versuch anzuerkennen, da ihre für ihn im Voraus gefassten Beschlüsse mit Plänen zusammen hingen, die dem Ehrgeize Befriedigung sicherten und daher in ihrer überzeugung für sein Glück vollkommen ausreichend sein mussten.
Seine Geistesfähigkeiten waren angebaut. Die Marschallin wusste wohl, dass man an dem hof Ludwigs des Vierzehnten nicht ohne Kenntnisse und Talente sich behaupten konnte. Es fehlte ihr auch nicht an Scharfblick, den geeigneten Lehrer zu finden, und der Abbate Mafei war vollständig ausgerüstet, diesem einfachen geist Kenntnisse in dem Maasse angedeihen zu lassen, als sie dem Verlangen des Jünglings selbst Bedürfniss wurden, ohne ihm das aufzunötigen, was ihn mit unnützer Gelehrsamkeit bedrohte, zu der ihm der rasch verarbeitende Geist von der natur versagt war.
Als das unerwartete Machtwort des Marschalls von Crecy seinem Sohne die militairische Laufbahn abschnitt, sah seine Gemahlin für ihn keinen andern möglichen Platz, Ansehen und Einfluss zu erreichen, als eines der hohen Hofämter, zu denen alte und berühmte Namen eine mitwirkende notwendigkeit waren, wenn auch der sich verfeinernde Hof und des Königs gebildeter Geschmack damit noch anderseitige Liebenswürdigkeiten vereinigt wissen wollte. –
Es erwachte in jener Zeit eben die später so überhand genommene Neigung zu reisen. – Fremde Höfe gesehen zu haben, von dem Leben anderer Länder Rechenschaft geben zu können, verbreitete über die Personen, die sich also auszuzeichnen vermochten, einen Reiz, den man ihnen als ein Verdienst, als eine Staffel der Bildung anrechnete, wohinter oft sehr geringe Fähigkeiten Schutz fanden. Die Marschallin war daher entschlossen, ihrem Sohne statt der Trophäen des Ruhmes, die ihm nun entzogen waren, den friedlichen Zauber einer glänzenden Reise zu erteilen, und ihn durch ein ehrenvolles Auftreten an fremden Höfen für einen dereinstigen hohen Platz an dem französischen hof unwiderleglich vorzubereiten. Der Abbate Mafei und ein reiches Gefolge, wie es den Geburtsansprüchen des Jünglings geziemte, ward zu seiner Begleitung mit Verstand und zweckmässiger Wahl ersehn, und beide älteren, obwohl sie sich schwer von dem Lieblinge trennten, der wie eine leichte Wolke die Ehegatten vor einander verhüllte und ihre unsanfte Berührung hinderte, fügten sich der notwendigkeit, die zufällig Beide zugleich anerkannten.
Es liegt nicht in unserem Plane, den jungen Grafen von Crecy auf einer Bildungsreise mit ihren mannigfachen Zufälligkeiten an Freud' und Leid zu begleiten. Sie erstreckte sich auf alle Länder, welche damals im Frieden mit Frankreich waren, und bei der wenigen Vorbereitung, die Reisende noch auf ihren Wegen fanden, war sie reicher an Abenteuern, als wir jetzt für möglich halten möchten. Sie wurden jedoch Alle glücklich bestanden, und der Abbate Mafei durfte der stolzen Mutter die schmeichelhaftesten Berichte über die entwicklung seines Zöglings senden, ohne die Wahrheit zu verletzen. Die Gewandteit, die in der grösseren Freiheit, in der notwendigen Auffassung der verschiedenartigsten Verhältnisse sich von selbst entwickelt, vollendete das anziehende Wesen des Jünglings durch eine hinzukommende ernste männliche Haltung, die neben dem weichen Ausdrucke des Gefühls ihm überall Vertrauen und Anteil erwarb.
England sollte die Reise beschliessen und den jungen Grafen zu jeder Auszeichnung reif, seinem vaterland zurückgeben. – Die letzten Nachrichten, welche die Marschallin erhielt, waren nach einer AbschiedsAudienz bei Karl dem Zweiten geschrieben, und er begab sich jetzt nach Schottland, und zwar, auf den ausdrücklichen Wunsch seiner Mutter, zu der Familie des Grafen von Gersei, mit der die Marschallin aus Familienrücksichten seit lange ein freundschaftliches verhältnis unterhielt. Sie hatte