Elmerice – "und in diesem Glauben gehe ich getrost von hier."
Ein frommer Mut gehörte dazu, um dem bangen Berufe unter diesen Umständen entgegen zu gehen. Der Sturm hatte sich mit Alles überwältigender Heftigkeit entwickelt, sein wildes Geheul durchschnitt die hohen Baumgänge und beugte die Gipfel der uralten Bäume, und schleuderte von ihnen nieder, was nicht mehr in voller Kraft Widerstand zu leisten vermochte. Die schweren schwarzen Wolken senkten sich, frühe Nacht verbreitend, und nur der fahle Glanz der unablässig zuckenden Blitze erhellte den Weg, auf dem ein schwaches Kind und die zarte Jungfrau mutig fortschritten. Zuweilen blieben sie an einander geschmiegt stehen, und kämpften so einen Augenblick mit besserem Glücke gegen das Ungestüm des Wetters, dann strebten sie wieder vorwärts, wenn auch in jedem Nerv erschüttert von den Donnerschlägen, die den Boden unter ihren Füssen beben liessen und in dem schreienden Tumulte der ganzen natur sich die Obergewalt anmassten. Durch kein Wort, keinen Seufzer konnten sie sich einander mitteilen, und doch fühlten Beide den Trost eines verwandten Lebens, in diesem nur wild für sich streitenden Naturaufruhre.
Elmerice hatte Asta mit in ihren Mantel gezogen und trug das weinende Kind fast in ihren Armen; nur als sie sich dem abwärts führenden Wege nahten, liess sie sie aus ihrem Verstecke hervor, und hier, in dem schmalen Wege zwischen dem hohen dichten Gebüsche, wo der Sturm nicht so einzudringen vermochte, sammelten Beide wieder etwas Kraft.
Jetzt standen sie vor der kleinen, halb verfallenen Treppe, die von aussen gegen einen runden Turm anlief, der diesen Flügel zu schliessen schien. Das Gesträuch hatte sie fast unzugänglich gemacht, und mit der grössten Ueppigkeit wölbten sich Zweige und Ranken um das breite Vordach, und zeigten nur wenig von der schwerfälligen Stuckatur, womit es verziert war.
Wenig zu Beobachtungen geneigt, folgte Miss Eton ihrer voranfliegenden Führerin in den kleinen Raum, in den der Unterteil des Turmes eingeteilt war, und der nur wenige Stufen zeigte, die gegen eine grosse, breite eichene Tür anliefen. Asta blieb hier horchend stehen, und als sich kein menschlicher laut vernehmen liess, wagte sie leise zu klopfen. Es blieb lange unbemerkt, und erst nach dem erneuerten klopfen der furchtsamen Asta tat sich auf einen Moment die Tür auf. – Es war der alte Arzt, aber nachdem er sich von ihrer Gegenwart überzeugt hatte, machte er bloss ein Zeichen, dass sie warten müssten, und schloss dann eilig wieder die Tür. An dem Abend desselben Tages wurde der teil des Schlosses Ste. Roche, der seit längerer Zeit durch die Sorgfalt des Verwalters allmählich wieder hergestellt worden war, durch mehrere sich darin versammelnde Herren und Damen belebt, die, ihre schwerfälligen Reisewagen verlassend, nun in der muntersten Laune und unter den anmutigsten Neckereien die so lang verlassenen Räume durchzogen, und von einem Trosse geschäftiger Diener und Dienerinnen gefolgt, eine Einteilung der Zimmer versuchten, stets gehindert durch absichtliche oder zufällige Missverständnisse, welche nur die gute Laune der Beteiligten zu vermehren schien. Am meisten zeichnete sich eine schöne junge Frau durch ihre erfinderische Laune, Alles durch einander zu wirren, und durch vorgegebene Schrecknisse und Andeutungen von Gespensterfurcht Alles in Bewegung zu erhalten, vor den Uebrigen aus. Wir finden in ihr die junge Marquise d'Anville, welche, gar anmutig in seidene Reisekaputzen gehüllt, die Aufmerksamkeit ihres jungen Gemahls zu fesseln weiss, der sie bald aus einem Winkelchen, wohin sie sich aus Furcht vorgiebt, verborgen zu haben, hervorholen, bald ihr im Fluge nacheilen muss, weil sie sich verfolgt hält von den Gobelingestalten der Wände, oder den geharnischten Türstehern, welche, in Nischen gestellt, mit Lanze oder Schwerdt die Eingänge zu bewachen scheinen, und, eine grosse Zierde früherer Zeit, eben so an ihrem platz blieben, wie die übrigen Möbel des vergangenen Jahrhunderts.
"O, Margot," ruft sie ihrer jungen Cousine, der Gräfin d'Aubaine, zu – "glaubst Du, dass Tante Franciska Dir erlaubnis gegeben hätte, uns hieher zu begleiten, wenn sie einen blick in diesen feierlichen Paradesarg getan hätte?"
"Ja," rief die sechzehnjährige Margot, "bereite Dich vor, Lücile, hier alle gewohnten Sitten und Gebräuche hinter Dir zu lassen; denn sieh Dich um, auf welche Weise für unsere Geselligkeit gesorgt ist – an den Wänden herum laufen schwerfällige Bänke, oder eigentlich polirte Holzkisten – o Gott, sei mir gnädig! die Sitze sind Deckel, die sich emporheben lassen."
"Weiss Gott," rief die Marquise, "unsere Vorfahren waren bequeme Leute, sie sassen auf ihren Wäschund Kleiderkoffern, und hatten so Geld und Kleinodien, Silber- und Tafelgerät im sichersten Verwahrsam."
"Und diese Lehnen!" – lachte Margot – "wer gewagt hätte, sich an diesen geschnittenen Ungeheuern zu stützen, hätte sogleich mit blauen Flecken büssen müssen."
"Hier, Leonce," rief die junge Marquise, "soll Ihr Gesellschaftszimmer sein; dies ist für Ihre angenehme Laune wie geschaffen. – Jeder von uns nimmt natürlich dem Andern gegenüber, wie Sie es lieben, fein und sittlich Platz, Sie auf jener Wand, ich hier, Margot links, Armand rechts – da liegen zwischen Jedem einige vierzig Fuss, und wir werden uns, ohne Nachteil für unsere Gehörsnerven, überzeugt halten – Leonce habe uns aufs Anmutigste unterhalten."
"Scherzen Sie nur, liebe Lücile," entgegnete Leonce, "Sie werden hier an Ihrem Zöglinge Wunder erleben – mir