, anstatt er mir helfen soll, sie abzuwehren."
"Leonce," sagte der Marquis zärtlich besorgt, "Du bist wirklich seltsam!"
"Vergebt mir," rief Leonce, sich jetzt emporraffend – "ich habe sehr Unrecht! Gewiss, Ihr habt Ursache mir zu zürnen, mich töricht und undankbar zu schelten – aber glaubt mir, auch für mich ist eine wichtige Zeit gekommen – ich stehe auf dem Punkte, auf welchem man sich fürs folgende Leben eine Richtung geben oder ihrer für immer entbehren muss. Ich bedarf der Tätigkeit, um mich zu zerstreuen – Zerstreuung soll hier nicht Zeit-Tödtung heissen, ich fände sie sonst wohl in Paris – sie soll das Anbauen, Anranken, Durchdringen des Kerns des höheren Lebens bezeichnen, und kann ich dann nicht glücklich, will ich doch eines besseren Schicksals wert sein." – Er war wieder blass geworden bei diesen Worten, und von der tiefsten Bewegung ergriffen, drückte er sich einen Augenblick in die arme des Marquis. "Es scheint mir, ich habe keine Zeit zu verlieren", fuhr er ruhiger fort; "daher blieb ich bei Eurem Vorschlage zweifelhaft, und das Nachdenken, worin er mich versetzte, ist mir nachteilig."
"Und jetzt müsst Ihr mit, Leonce!" rief die Marquise munter dazwischen – "eben habe ich es entschieden. über Lebenspfade, höhere Richtungen und wie Ihr das alles nennt, entscheidet man am besten auf Reisen – nicht auf so hastigen und ungestümen Reisen, als junge Männer machen, wenn sie allein sind, sondern auf solchen, wo man, in bequeme Kutschenkissen gedrückt, an der Seite irgend einer guten, geschwätzigen, launenhaften, lustigen Frau, dahin rollt – ausser Tätigkeit gesetzt, doch dem Zwecke gemäss sich verhält, also ohne Gewissensbisse zum müssigen Nachdenken übergehen kann, wenn die Nachbarin sich müde geschwatzt, oder über ihre Reisekleider nachdenkt, oder ihre Sieste hält – da, mein lieber Leonce, tritt der Moment ein, wo uns grosse Gedanken kommen – Lebensrichtungen sich von selbst offenbaren, und ohne den schwerfälligen Wust, den Stadt- und Zimmerluft umhängen; vielmehr wird da Alles klar, hell und heiter, wie die Luft, die uns umströmt, wir vergessen nicht, dass das Leben, das wir mit mystischer Spekulation ergründen wollen, vor allen Dingen s c h ö n ist, und es keine sanftere Wiege gibt, als in den Mutterarmen der natur – und in diese Wiege sollt Ihr, Leonce, und diese Hand legt Euch hinein, trotz des Missverhältnisses der Grösse – denn Euch fehlt etwas – Gott weiss, was! – das muss erst heil werden, ehe Ihr entscheidende Schritte tut."
Mit innigem Wohlgefallen betrachtete der Marquis seine holde Gemahlin, die ihm so ganz aus dem eigenen Herzen gesprochen hatte. Freundlich drückte er ihre deklamirenden hände. – "Ich danke Dir, Lücile, dass Du ihm Alles gesagt, was ich dachte; lass' mich hinzufügen," fuhr er gegen Leonce fort, "dass Dich jetzt in dieser Stimmung zu verlassen, mir fast unmöglich sein würde, und da ich doch kaum bleiben könnte, es mein einziger Trost ist, Dich mit mir zu führen. Rechne darauf, dass Du mit Deinen direktesten Freunden reisest, die Dir ganz allein überlassen werden, was Du für nötig halten wirst, ihnen mitzuteilen."
"Abgerechnet," lachte Lücile, "was ich ihm gelegentlich ablocke oder ablausche."
"So bleibt mir denn keine Wahl," rief Leonce, und sein tragischer Ton verhiess noch wenig Sinn für die heitereren Anklänge seiner jungen Beschützerin. "So will ich denken, Ihr seid mein Schicksal; nehmt mich mit Nachsicht hin, ich will Eurer Liebe ganz vertrauen – ja, ich folge Euch! Aber versprecht mir, dass Ihr mich nicht aufhalten wollt, wenn ich Euch später doch sage, dass ich fort muss."
"Ich verspreche nichts, als mich jetzt zur Reise zu rüsten," rief die Marquise, "und Eures Winkes gewärtig zu sein. Richtet jetzt Alles zu meinem Wohlgefallen ein; denn ich will mir einen Vorrat von Einfällen und Capricen sammeln, an denen Ihr beide genug zu tun haben sollt."
Hold grüssend entschlüpfte sie den Brüdern. Als die tür sich hinter ihr schloss, warf sich Leonce stürmisch in die arme seines Bruders. "Glücklicher, Glücklicher!" rief er – "Dir haben die Engel in der Wiege gelacht, als sie Deiner Zukunft dies Geschenk verhiessen! Dich trennten keine Vorurteile, keine Launen des Zufalls von dem einzigen und höchsten Wunsche Deines Herzens!"
"So ist es, Leonce," sagte der Marquis fast verlegen über diese Rede – "und ich hoffe, wir sind beide unter guten Zeichen geboren; auch Du wirst glücklich werden."
Leonce schüttelte leise den Kopf. Beide trennten sich zu den nötigen Anordnungen der Abreise. Die Strahlen der Frühlingssonne erhellten die keimende, knospende Erde, und schienen das Geschäft ihrer entwicklung mit dem Eifer eines Gebers zu betreiben, der sich seines Reichtums bewusst ist und das Glück, womit er den Bedürftigen überschüttet, zu sehen trachtet. Fast hätte man von Stunde zu Stunde die Blätter und Halme zählen können, die sich aus ihren warmen Strahlen zu erschaffen schienen, und ein Tag verhiess schon für den nächsten die süssesten Wunder.
Wir finden ein Auge in dem Bereiche, dem wir uns nahen, das mit besonders teilnehmendem Ausdrucke diesem Naturtreiben zusah, und