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dass die Wirtschaft vergessen war durch ihre stille Ordnung, und ein viel höherer Endzweck des Beisammenseins unbefangen von selbst hervortrat. – Der Vikar war viel ausser dem haus beschäftigt, da er tätig und sorgsam, wie ein Vater, für alle seine Anbefohlenen sorgte; aber man sah ihm an, er kehrte gern dahin zurück, und hatte stets für die fromme Veronika alle Aufmerksamkeit einer auf hohe achtung begründeten Liebe.

Sie sah dagegen zu ihm auf, wie ein Kind zu seinem Vaterihre Liebe und Verehrung zu ihm war der Inbegriff ihrer ganzen Empfindung, und obwohl sie fest und ruhig ihren Standpunkt übersah, hatte doch ihre ganze Betriebsamkeit ihn, sein Wohl, seine Ansichten, seinen Willen zum Endzweck. – Dieser wohltuenden Häuslichkeit wusste Elmerice leicht ihre Beschäftigungen anzupassen, die ausser ihren Handarbeiten in der Führung eines regelmässigen Tagebuches für ihre englischen Freunde bestand. Zwar waren diese Blätter an Maria Duncan gerichtet, aber Veranlassung dazu war der alte, sie zärtlich liebende Lord Duncan-Leitmorin, dem sie hatte angeloben müssen, hierin die Wahrheit nieder zu legen, damit er stets zu ihrem Schutz und ihrer hülfe herbei eilen könnte, im Fall sich dies nötig zeigen sollte.

Von Madame St. Albans bekam sie nur Nachrichten durch Asta oder den alten Arzt, die aber kurz und einsilbig Mistress Gray als sterbend, Madame St. Albans als kränkelnd darstellten. Elmerice hatte ihre ganze überzeugung nötig, weder einschreiten zu können, noch zu dürfen, um die Unruhe zu beherrschen, die sie bei dem Gedanken bewegte, die arme kränkelnde Frau ohne Unterstützung als Pflegerin einer Todtkranken zu wissen. Oft machte sie mit Veronika Pläne, wie sie ihr nützlich werden könnte, ohne die wunderliche Alte zu beunruhigen; aber trugen sie solch' einen Plan dem alten arzt vor, wies er jeden ohne Weiteres zurück, immer mit denselben Worten! "Das geht nicht!"

Nach acht Tagen liefen Briefe von Herrn St. Albans ein, und Elmerice empfing eine Einlage von der Gräfin d'Aubaine. Mit mütterlicher Liebe bedauerte sie die lange Trennung und deren Veranlassung, und fügte dann hinzu: "Der Aufentalt meiner lieben Gäste wird indessen durch ein unerwartetes Ereigniss verlängert. Meine liebe Lücile ging mit ihrem Gemahl erst nach einem andern Teile der neuen Besitzungen, und der junge Graf Leonce, der sie zu mir begleiten wollte, schlug es aus, ihnen dortin zu folgen, Ardoise und die Nähe einer Garnison in Rocheville, wobei er Freunde zählt, vorziehend. – Als meine Nichte hier ankömmt, hört sie voll Erstaunen, dass ich Leonce noch nicht gesehen habe. Wir schicken nach Rocheville, und dort weiss ebenfalls Niemand etwas von ihm. – Höchst besorgt erwarten wir d'Anville, welcher Lücile vorangeschickt hatte. Dieser ist sogleich entschlossen, Nachforschungen in weiterer Ausdehnung anzustellen, als ihn am Abend desselben Tages noch der Diener des Grafen Leonce zu sprechen verlangt. Gleich darauf bittet mich d'Anville um meinen bequemsten Wagen und entdeckt mir, dass Leonce schon seit einigen Wochen an einem höchst gefährlichen Armbruche in dem Waldhause von Ardoise darnieder liege."

Veronika hörte in dem Zimmer ihrer jungen Freundin einen lauten Schreiso schnell sie vermochte, eilte sie es zu erreichen, und sah hier zu ihrer schmerzlichen Ueberraschung Elmerice, von ihrem Fenstersitze herabgesunken, ohnmächtig am Boden liegen. Der offene Brief in ihrer Hand liess auf eine empfangene Gemütsbewegung schliessen, und die ehrwürdige Veronika bemühte sich daher, ihren jungen Gast zu beleben, ohne ihren Zustand der weiteren Aufmerksamkeit preis zu geben. Auch bestätigte das erste Bewusstsein, was bei der Erschütterten eintrat, diese Voraussetzung, denn unter bangem Ringen der hände brach sie in einen endlosen Tränenstrom aus. – "Fasse Dich, mein armes Kind!" sprach Veronika sanft, als sie dem trostlosen Blicke der Leidenden begegnete – "ich brauche Deinen Kummer nicht zu kennen; für allen, der vorhanden, passt das Eine: dass wir Gott vertrauen müssen und unsere Seele still erhalten sollen vor allem zu heftigen Anteil an irdischer Not."

"Ich will mich fassen," sagte Elmerice, "ich fühle, was Ihr sagen wollt. – Ach, teure, ehrwürdige Frau, wie wenig war ich auf so tiefes Weh vorbereitet, als mir jetzt geworden ist! o, vergebt dem schwachen Mädchen!"

"Mein süsses Kind!" rief Veronika zärtlich – "wie kannst Du mich so beschämen, was hätte ich Dir zu vergebenDu arme! die Du so schwere Leiden dulden musst, wie ich vielleicht sie niemals kannteund bist doch sanft und nachgiebig gegen meinen unvollkommenen Zuspruch! – Jetzt gehe ich aber lieber: Dir ist wohl besser mit Dir allein; nur falle mir nicht wiedersondern ruhe Dich lieber auf Deinem Lager aus."

Wie oftmals noch die Augen getrocknet wurden, ehe Elmerice die Schriftzüge ihrer ehrwürdigen Freundin wieder zu erkennen vermochte, wollen wir nicht belauschenendlich las sie weiter: "Noch an demselben Abend brachte d'Anville den teuren Kranken hieher, und er gibt uns bei der sorgfältigsten Pflege jetzt die Hoffnung der Genesung. Du würdest diesem ausgezeichneten jungen mann Dein Interesse nicht versagen," fuhr der Brief fort – "und obwohl ich mit Bedauern sehe, wie seine sonst glänzende Heiterkeit ganz von ihm gewichen ist, bleibt ihm doch eine Tiefe des Geistes und eine Fülle des Gemüts, wie ich sie selten vereinigt sah. Seinen Unfall kleidet er stets scherzhaft einer behauptet, er habe mich, wie ein