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sich ab und verfolgte den Fahrweg unten am schloss, der sie der wohnung des Vikars entgegenführte.

Aber hier, wo kein Schrecken Raum oder Nahrung fand, verliess sie die krampfhafte Anspannung, unter der sie sich aufrecht erhalten hatte, und sie konnte den zärtlich besorgten fragen der gütigen Geschwister nur durch Tränen antworten.

In grosser Unruhe hatten die ehrwürdigen Alten ihr langes Ausbleiben bemerkt, da der Arzt bei seiner Rückkehr versicherte, die junge Dame nirgends gesehen zu haben. So klar und ruhig sie auch in ihrer Weise dem Leben gegenüberstanden, so ganz konnte wenigstens Veronika nicht siegen, um nicht an die schrecklichen Gerüchte über das Schloss von Ste. Roche eine allgemeine Befürchtung, ein unerklärtes Grauen zu knüpfen, das seine Nahrung fand in Tatsachen, welche in ihre Zeit fielen.

Elmerice ward nicht mit unbescheidenen fragen belästigt, aber man nötigte die ganz Erschöpfte, etwas Nahrung zu sich zu nehmen; und Veronika führte sie dann nach ihrem Zimmer und ruhte nicht eher, bis sie sich entkleidet und in erquickender Ruhe hinter den weissen Vorhängen ihres kleinen Bettes niedergelegt hatte. Veronika nahm an dem offenen Fenster mit ihrem Andachtsbuche Platz, und Elmerice, die durch die Vorhänge die balsamische Frühlingsluft fühlte, wie sie, über die Blumen und Blüten des Gartens ziehend, in diese stille Zelle eindrang, genoss den ganzen Zauber der Ruhe, und lenkte ihre Gedanken nur noch auf das liebliche Gesumme der Bienen und den leise verhallenden Abendgesang der kleinen gefiederten Welt. Bald lag das Erlebte, so fremd der friedlichen Gegenwart, wie ein böser Traum hinter ihrund als Ave Maria geläutet ward, fand sie sich vollkommen gerüstet, die gute Veronika nach der Kirche zu begleiten.

In der erquickenden Abendluft, zwischen den ruhig klaren Gestalten dieser kindlichen Menschen nahm sie später das einfache Abendbrod ein, und teilte ihnen dann den seltsamen Eindruck mit, von dem sie sich belastet fühlte, in ihrer längeren Erfahrung Auskunft suchend für dies rätselhafte Gefühl.

Vielleicht erwartete sie, Beide würden ihr Vertrauen mit der Missbilligung aufnehmen, die alte Leute geneigt sind den ungewöhnlichen Gefühlen der Jugend entgegen zu setzen, und Elmerice, die sich sehnte, von dem Eindrucke, den sie erfahren hatte, erlöst zu werden, hoffte vielleicht auf eine Auskunft in der Erwiederung ihrer ehrwürdigen Wirte; aber sie irrte sich. – Schweigend, nur mit einzelnen teilnehmenden Aeusserungen, hörten Veronika und der Vikar bis zu Endeund dann bemächtigte sich die Erstere ihrer Hand, und ihre Augen standen voll Tränen, indessen der Vikar in seiner natürlichen Weise sie sanft zu trösten suchte.

"Ich muss es herzlich beklagen, dass Ihr so bald von dem Schrecken erreicht wurdet" – fuhr er liebreich fort – "den das alte Schloss fast in der ganzen Gegend verbreitetobwohl ich Euch tadeln muss, so ohne Veranlassung Euch dahin begeben zu haben, weil wohl manches Bedenken dabei sein möchte, da Alles ohne Aufsicht steht und leicht zur wohnung von Menschen dienen kann, denen der Verruf des Ortes willkommen wäre. Viel Trauriges und wahrhaft Entsetzliches ist in diesen Mauern geschehen, und die Zimmer, denen Ihr am Gitter gegenüber standet, und die Ihr wahrscheinlich, von den Bäumen gedeckt, nicht sehen konntet, sind bezeichnet durch den schrecklichen Tod des letzten Grafen von Crecy, der hier sein Leben verlor, obwohl darüber ein geheimnis ruhet, das nie ganz aufgedeckt ward, da der Prozess, nachdem er über das Lebensglück vieler Menschen entschieden, unterdrückt und der verfolgte Täter den Gerichten entzogen ward. Seitdem der unglückliche Prozess hier die Richter zur Anschauung des Ortes, wo die Tat geschah, notgedrungen zusammen führte, ist das Schloss geflohen worden, als ob Jeder dort sein Leben wage, und wenige Arbeiter sind zu bewegen, die von dem neuen Verwalter nötig befundenen Ausbesserungen oder Reinigungen vorzunehmen."

"Also wirklich," rief Elmerice mit unbeschreiblicher Bewegung und todtenbleich – "wirklich, hier starb der letzte Graf von Crecy, und so ging der Todesruf des armer Marquis Spinola in Erfüllung?"

"Ich merke," lächelte der Greis – "Ihr seid schon gut bekannt mit unsern schlimmen Sagen, und kann nun begreifen, wie Ihr so schnell trachtetet, Euch selbst zu unterrichtennur erstaune ich, so viel Mut und Furchtlosigkeit in Euch zu entdecken."

"Vielleicht nicht mehr, ehrwürdiger Herr, als ich selbst" – sprach Elmerice mit errötenden Wangen – "aber ich möchte dies ein Zauberschloss nennen, wenn ich des Eindrucks gedenke, den es auf mich gemacht hat. – Ich fühle das tiefste Grauen davor, zugleich einen Schmerz, eine Wehmut, wie um einen unglücklichen Menschen! ich möchte es nie gesehen haben, und werde davon angezogen, wie von magnetischer Gewalt!" –

"O, o, mein armes Kind!" – rief hier fast erschrokken Veronika – "lasst uns beten! Eure Seele ist wohl nicht ganz bei Gott! – verzeiht," setzte sie zärtlich hinzu, hinter Elmerice tretend und sie mütterlich besorgt anblickend – "wenn so eine irdische Qual uns ganz einnehmen will, dürfen wir immer fürchten, dass wir Gott nicht ernstlich genug suchten, und müssen uns durch treues Gebet und den Beistand betender Freunde bestreben, so harte Versuchung abzuwenden."

"Ach, ja," rief Elmerice sanft erweicht und drückte Veronika's zitternde welke Hand an ihre Lippen – "es ist viel eigner Wille in mir, und eine verlockende sehnsucht nach dem Glücke dieser Erde; zu lebhaft fühle ich mich ergriffen von Schmerz und