in ungeduldiger Neugierde, "mit wem hat Miss Eton Aehnlichkeit?"
"Lassen wir das," erwiderte ernst der alte Arzt, "wozu die toten wecken? – Vergebt, liebes junges fräulein, das unhöfliche Erstaunen eines alten Mannes! Gott hat Euch mit hoher Schönheit gesegnet, und aus Euren Augen blickt etwas, was die Seele verbürgt, die in Euch wohnt – und so möge Euch denn Gott behüten, dass Euer Schicksal glücklicher sei, als das derjenigen, der Ihr gleich sehet, als ob Ihr ihre Tochter wäret – wenn Eure Jugend das nicht unmöglich machte."
Es lag etwas so Feierliches, so ernst und tief Gerührtes in diesen Worten und in dem Ausdrucke des Greises, dass Elmerice, davon erschüttert, aufs Neue die Ahnung eines ihr näher rückenden Verhängnisses empfand; und blass und melankolisch zu ihm aufblikkend, sagte sie bang: "Ich werde meinem Schicksale nicht entgehen, es erwartet mich schon auf dem Wege, den ich so eben betreten."
Der Arzt hörte sie nicht mehr – sein Aufbruch liess diese schweren Worte auch von den Andern überhören, und so war es Elmerice allein, die davon ergriffen ward, als habe nicht sie, sondern ein Anderer aus ihr hervor, die Bestimmung ihrer Zukunft ausgesprochen.
So schneiden oft Worte tief ein, die wir in seltenen Augenblicken des Lebens aussprechen, an uns selbst zum Propheten werdend und uns der Stellung entgegen treibend, die uns nah gerückt ist, wenn auch noch verhüllt. Das wohltätige geheimnis, worin die Zukunft verschleiert liegt, scheint dann von der ihr entgegen greifenden geistigen Kraft in uns für Momente aufgedeckt zu werden. Wir fühlen mit untrüglicher Wahrheit Menschen, Verhältnisse, Orte, die noch beziehungslos zu uns erscheinen, als einschreitend in die wichtigsten Verhältnisse unseres Lebens; und deckt der nächste Augenblick auch oft so helles erkennen wieder zu, wir wissen doch in dem schwellenden Herzen, es sei ein neuer Lebensabschnitt gekommen, und ahnungsvolles Erwarten erfüllt unsere Seele. So sehen wir Elmerice. – Still nach ihrem kleinen Zimmer zurückgekehrt, finden wir sie in tiefem Nachdenken noch lange an dem freundlich umgrünten Fenster ruhen, das sie mit seinen im leichten Spiele der Luft nickenden Ranken festzuhalten, und ihr mit dem ruhigen Hintergrunde des kleinen, zellenartigen Zimmers Frieden und unschuldige Ruhe zu sichern scheint.
Ziemlich unsanft unterbrach Madame St. Albans dies sanfter werdende Nachdenken, indem sie heftig eintrat und sogleich, auf Elmerice unruhig blickend, ausrief: "Was das nur für eine Aehnlichkeit ist, von der sie Alle fabeln – ich wüsste nicht, mit wem – und warum sie so geheimnissvoll tun, da die person tot sein muss! – Aber diese alten Leute, die haben immer so was gehabt, immer nur halbe Worte, und die noch in Frage gestellt, und dann noch besorgt, es werde verraten werden, was kein Mensch aus solchen Reden erraten könnte – ja wahrlich, alte Jungfern, alte Junggesellen bleiben immer dieselben, sie müssen immer wichtig tun und sich ein Ansehn geben, wohinter nichts ist!"
Elmerice war verlegen, ihr zu antworten; sie sah wohl, dass die Erzürnte mit ihren Nachforschungen abgewiesen worden war, und wusste sie doch nicht zu beruhigen. "Ihr kennt das ehrwürdige Geschwisterpaar wohl lange schon?" hob sie daher schüchtern an.
"Ja, ja, lange genug! seit ich hier überhaupt bekannt bin, kenne ich sie auch," erwiderte Madame St. Albans, sich niedersetzend, aber noch immer in höchst missmutigem Tone. – "Es sind brave, gute Leute, das läugne ich nicht! sehr gute Leute, wohltätig und fromm, wie es ihr Stand nur wünschen lässt, und traurig genug, dass meine arme Mutter auch sie nicht zu sehen begehrt; da hätte sie doch einen menschlichen Umgang – aber so – seht, das tut keinem Menschen gut, so für sich zu sein; ich habe das auch über Eure Gräfin gesagt, die wird auch mit der Zeit menschenfeindlich werden."
"Dazu ist vorerst bei ihr noch wenig Anlage," erwiderte Elmerice, "sie sucht das Geräusch der Welt nicht, aber sie ist Jedem zugänglich geblieben, dem Unglücklichen, wie dem Glücklichen."
Missmutig schwieg Madame St. Albans, als plötzlich ein allerliebster Kinderkopf in das niedrige Fenster hineinsah und mit leiser stimme fragte: ob hier die fremden Damen wohnten?
"Bist Du Asta?" rief Madame St. Albans – "und kömmst Du vom schloss?"
"Ja, Madame," sagte das schöne zwölfjährige Kind – "Ihr sollt Euch eilen, mir zu folgen – Mistress Gray ist sehr krank."
"Ach, grosser Gott," schrie Madame St. Albans todtenbleich, "so stirbt sie doch wohl!"
"Seid doch nur ruhig!" rief Asta – "sie wird ja nicht gleich sterben – so habe ich sie schon oft gesehen."
Doch Madame St. Albans war so erschüttert von der Nachricht, dass sie beim Aufstehen zu schwanken begann und Elmerice sie in ihren Armen unterstützen musste.
"Ich werde Euch führen," sagte Elmerice, nach ihrem hut greifend, "und so weit mitgehen, als mir vergönnt sein wird."
Schweigend genehmigte Madame St. Albans dieses Anerbieten, und beide gingen, von Asta geführt und von den Segenswünschen der guten Geschwister begleitet, den schweren Weg.
Von den grossen Alleen, welche zu den verschiedenen Eingängen des Schlosses führten, leitete Asta ihre Begleiterinnen seitwärts in ein