, "ich bin in dem Glauben meines Vaters erzogen, der Katolik war."
"Nun dann, willkommen!" sagte Veronika, sichtlich erfreut, "so wollen wir denn Gott gemeinschaftlich danken für Eure glückliche Reise."
Durch den anmutigen Garten, der mit dem Kirchhofe zusammen hing, gelangte man nach der kleinen, aber schön und reich gebauten Kapellenkirche, welche im inneren und Aeussern zeigte, dass Fürsten aus dem stolzen haus Valois hier ihre Gebete verrichtet hatten. Die grossen Türen standen weit geöffnet, und es war ein unbeschreiblich erquickender und friedlicher Anblick, von dem Hochaltar aus, wo die Andächtigen sich knieend versammelten, in die grüne Nacht des Frühlings zu schauen, der eben, wie die Menschen, seine letzte Andacht vor den Strahlen der sinkenden Sonne zu feiern schien. Doch vor Allem zog Elmerice der Anblick des Geistlichen an. Dieser ehrwürdige Greis, mit seiner milden, hellen Stirn und den klaren blauen Augen, die unter der Decke der weissen Brauen so tief leuchtend hervorblickten – welch' ein Bild geistlicher Reinheit, über die Erde hinausreichenden Friedens! – Elmerice blickte, sich ganz darin verlierend, in sein Angesicht, als forsche sie darin dem erhabenen Geheimnisse nach, die Welt liebevoll im Arm zu behalten und von ihr nicht mehr gekränkt, nicht mehr verletzt zu werden. – sehnsucht nach diesem Zustande, Schmerz um den unvollendeten Kampf darnach, liessen sie endlich die Tränen finden, die uns nicht banger, sondern leichter machen.
Eben so anziehend blieb dieser Greis in seinem haus, wo er bald nachher seine Gäste bewillkommte; ja, Elmerice hatte das wohltuende Gefühl, dass sie das Interesse der beiden ehrwürdigen Geschwister auf sich zog, und konnte nicht ohne den innigsten Dank daran denken, in diesem Augenblicke, nach so viel widerstrebenden Gefühlen, die sie erlebt, in diese stille klösterliche Atmosphäre versetzt zu sein.
Mit der Bevorrechtung des Alters und des Standes forschte er Elmerice über älteren, Geburtsort, Erziehung und Grund ihrer Herreise aus; dabei lag aber offenbar ein näheres Interesse, als das der Neugierde, diesen fragen zum grund, so dass Elmerice sich in nichts verletzt fühlte. Madame St. Albans hatte eingewilligt, sich erst am andern Morgen ihrer Mutter zu nahen, da sie dann den alten Arzt des Schlosses, der jeden Morgen beim Vikar vorkam, sprechen, und durch ihn den Eintritt bei ihrer Mutter vorbereiten und erbitten lassen konnte. Elmerice sah erst jetzt, mit welcher sorge und Angst der Gedanke an die Aufnahme dieser wunderlichen Mutter Madame St. Albans erfüllte, und die überzeugung, wie viel sie gewiss in diesem unnatürlichen Verhältnisse schon habe leiden müssen, erfüllte sie mit Mitleid und mit erhöhter achtung gegen dies dennoch nicht einen Augenblick dadurch gehinderte Pflichtgefühl der Tochter.
Die Nachtruhe der noch immer angegriffenen und reizbaren Frau war daher auch ganz gestört, und Elmerice sah mit sorge, wie blass und leidend ihr Ansehen am andern Morgen war. Der erwartete alte Arzt erschien schon an der tür auf seinem bequemen Maultiere, als man noch um das einfache Frühstück versammelt war.
Auf die Ankunft der Madame St. Albans vorbereitet, war er doch, gleich den Uebrigen, gar nicht über ihren Empfang sicher. "Ja," sagte er, "ein Paar Tage früher, wo sie kein Bewusstsein mehr hatte, da hättet Ihr eintreten können, und sie pflegen, so viel Ihr gewollt hättet; jetzt aber, da wird sie sich, wie gewöhnlich, weigern – denn geändert hat sie sich nicht," setzte er lachend hinzu – "halb mit Gewalt, oft dass wir beide uns im Zorn überbieten, setze ich das Nötige durch – und doch, und doch, wollt Ihr es glauben, noch nie erreichte ich es, dass sie des Nachts Jemand bei sich behielt. Asta, das arme Ding, die bei Tage wohl einschlüpfen darf, muss ebenfalls zur Nacht sie verlassen, und halb besinnungslos, ja, weiss Gott, halb sterbend, verrammelt sie noch die Türen hinter uns. So kann sie einmal des Nachts verscheiden, ohne dass wer darum weiss, und wenn wir oft des Morgens lange an die Tür hämmern müssen, um Einlass zu erlangen, so denke ich, die Hand zum Oeffnen sei da drinnen nunmehr erstarrt. Doch ich will zu ihr, liebe Frau," fuhr er fort, sich zu Madame St. Albans wendend, "und sehen, was ich tun kann, denn wahrlich, Pflege hat sie nötig, und solch' Ding von zwölf Jahren, so gut die Asta ist, das hilft doch nicht viel."
Elmerice, die sich aus Bescheidenheit bei Ankunft des Arztes entfernt hatte, trat in dem Augenblicke ein, als der kleine lebhafte Mann sich entfernen wollte.
Es war unverkennbar, dass er bei ihrem Anblick erstaunte, überrascht stehen blieb und seine grossen runden Augen mit einem so forschend-fragenden blick auf der Eintretenden hafteten, dass Elmerice, davon verlegen werdend, nicht wusste, wo sie die ihrigen hinwenden sollte.
Veronika und ihr Bruder warfen sich Blicke des Einverständnisses zu, und der Vikar trat dem alten arzt näher. – "Nicht wahr, verehrter Freund, auch Euch trifft bei dem Anblicke des Fräuleins eine Erinnerung, wie uns Beide?"
"Weiss Gott," rief der Arzt, "so viel Aehnlichkeit sah ich noch nie! – gewiss, wir meinen dieselbe."
"Wen denn? wen denn? Was meint Ihr denn?" – rief Madame St. Albans