besseren Zustand des Ganzen. Seit zwei Jahren war sie nicht hier gewesen, und es glich damals einer Ruine; jetzt aber war Alles in brauchbarem stand, und die Erhaltung des Schlosses offenbar beabsichtigt, wie Wege und Einfahrten aufgeräumt und zugänglich gemacht. Der Wagen umfuhr das Schloss in einem Halbkreise, und Madame St. Albans zeigte Elmerice den Flügel, der ihrer Mutter angehörte. – Mit dicken eichenen Bohlen waren alle Fenster verwahrt, kein Zeichen des Lebens liess sich sehen, und Alles schien verödet und ausgestorben. Dagegen blickte man durch geöffnete Fenster in den sogenannten neuern Flügel, und obwohl der düstere charakter aller dieser grossen Gemächer jeden Raum als Paradezimmer eines Leichenbegängnisses erscheinen liess, leuchtete doch die schwere Vergoldung zwischen den düstern Tapeten überall durch, und zeigte von erhaltener oder hergestellter Pracht.
Zunächst der wohnung der Mistress Gray lag am Ende einer dichten Allee das kleine Dorf Ste. Roche, und an die alte gotische Kirche lehnte sich die freundliche wohnung des Vikars, an deren Schwelle die Reisenden ihren Wagen verliessen.
Der Hausflur, in den sie eintraten, zeigte, dem Eingange gegenüber, durch eine Hintertür auf ein schön umlaubtes Gärtchen, an dessen frischen Rasenplätzen sorgsam bepflanzte Blumenbeete, unter dem Schutze hoher Kastanien- und Ahorn-Bäume, ihre entwicklung erwarteten. Schon beim ersten Schritte in diesen Flur, der mit seinem hohen Kamine und seinen eichenen Holzwänden zugleich den Salon bildete, fühlte man sich von dem geist des Friedens angeweht, und ein blick umher, mit dem man die einfachen Beschäftigungen der Hausbewohner übersehen konnte, gab die Gewissheit, hier den Anklang eines höheren geistigen Lebens zu finden. An der Tür in einem eichenen Lehnstuhle sass eine kleine weibliche Figur hinter einem Rädchen, das über das Andachtsbuch in ihren welken Händen vergessen schien. Als die Fremden eintraten, erhob sie sich jedoch sogleich und ging rascher, als ihr Alter vermuten liess, den Ankommenden entgegen.
"Nun, liebe Mademoiselle Veronika, darf ich hoffen, noch von Ihnen erkannt zu werden?" rief Madame St. Albans, auf sie zueilend.
"Erkannt und erwartet jede Stunde," sagte Veronika sanft und freundlich, "denn dass eine so gute Tochter nicht ausbleiben würde, konnten wir leicht denken. Seid demnach willkommen und zugleich getrost, denn noch lebt die arme Leidende; ja, es sind sogar Zeichen der Besserung eingetreten."
"So sei Gott gelobt!" rief Madame St. Albaus mit ihrem schnell hervorbrechenden Schluchzen, und eilte dann, Miss Eton der alten Dame vorzustellen: "Miss Eton wollte mich nicht allein reisen lassen, denn ich war am tod, als Eures Bruders Brief eintraf, und da müsst Ihr schon verzeihen, wenn ich Euch bitte, der jungen Miss ein Obdach zu gönnen, denn Ihr wisst wohl, aufs Schloss kann ich sie nicht mitnehmen; wer weiss, ob ich selbst Obdach dort finde."
Veronika hatte während dem ihre kleinen klugen Augen nicht von Elmerice gewendet, und schien die ganze Rede der Madame St. Albans überhört zu haben, denn sie wiederholte den Namen Eton und fragte nach dem schon Vernommenen: "Also aus England seid Ihr, liebe Miss? – Nun, seid willkommen," fuhr sie dann gesammelt fort; "dies kleine Haus hat immer Raum für Einen, der einfache Sitte nicht verschmäht und das Mangelhafte durch ein freundlich Gesicht vergüten lässt. – Der Vikar wird bald zurück kommen von St. Flêche, wo er die Kranken besucht; dann läuten wir Ave Maria, und bis dahin wollen wir uns hier einrichten." Sie öffnete demnächst ein kleines Zimmerchen, das ebenfalls nach dem Garten zu ging, und das sie den beiden Frauen als das ihrige anwies, und zog sich sodann ohne lästige Dienstlichkeit zurück. Die klösterlichste Einfachheit war hier mit einer gewissen geschmackvollen Zierlichkeit vereinigt, und zwischen den beiden weissen Himmelbetten stand ein kleines Betpult vor einem mit frischen Blumen geschmückten Krucifixe.
"O, wie schön ist es hier!" rief Elmerice, sich in einen harten Holzstuhl am Fenster niedersetzend, "wie wohl ist mir hier!"
Madame St. Albans sah sie mit ungläubigem Lächeln an, und sagte dann kopfschüttelnd: "Nun, nun, für Euch wird es schwerlich sein – Ihr seid doch wohl zu sehr verwöhnt."
"Nein, nein!" rief Elmerice, aufs Neue ihrer seltsamen Wehmut unterliegend, und die niederfallenden Tränen aus dem niedrigen Fenster in das Spalier der zartknospenden Weinreben senkend – "hier ist Frieden! hier ist mir wohl! O, wie danke ich Euch, dass Ihr mich hieher geführt habt!"
Was Madame St. Albans nicht verstand, glaubte sie unbedenklich tadeln zu können, und so wandte sie sich achselzuckend von Elmerice ab und kramte unter ihrem Gepäcke, das Veronika indessen durch eine eben so stille, nonnenhafte Magd von dem Wagen hatte abräumen und in das Zimmer der Frauen schaffen lassen.
Der tiefe Ton der Abendglocken zeigte jetzt an, dass das Ave Maria begonnen. Veronika trat in das Zimmer, die Frauen abzuholen, und verkündigte, der Vikar, wie sie ihren Bruder nannte, habe sich, ohne zu haus anzusprechen, sogleich nach der Kirche begeben. "Und Ihr, Miss Eton," fragte sie sanft, "Ihr, als Engländerin, gehört wohl nicht unserer Kirche an, darum legt Euch keinen Zwang auf – Ihr habt das mit uns nicht nötig."
"Erlaubt, dass ich Euch begleite," sagte Elmerice, mit Ehrfurcht ihr näher tretend