Hand ging, die, in der nächsten Stadt zur ersten Dienerin vollständig und sorgfältig ausgebildet, ihre junge Gebieterin nicht mehr verliess.
So blieb Ste. Roche noch lange ein wohl behütetes Denkmal vieler Jahrhunderte; denn neben den wieder hergestellten, einfachen Gemächern der Claudia von Bretagne, ihrer Betkapelle und Begräbnissgruft, stiegen die Prachtsäle und Gemächer der Katarina von Medicis, wie der früheren Grafen Crecy-Chabanne, mit ihrem alten Glanze empor. Nur der verhängnissvolle Banketsaal veränderte seine Gestalt! Schwarze sammetne Vorhänge umzogen seine Wände; herrliche farbige Scheiben zierten die riesigen Fenster mit symbolischen Bildern und den Wappenschildern der Crecy's; und über der schauerlichen Tafel, die einst Ludwigs Leiche trug, erhob sich in glänzend weissem Marmor ein von Engeln gestütztes Ruhebett, worauf Ludwigs und Reginalds Statuen, nach guten Gemälden gebildet, Hand in Hand ruhten. Wo aber sonst der Tron der Katarina von Medicis stand, hing hinter einem grossen Vorhange – Fennimors Engelsbild! Eben so war der schauerliche Platz am Kamine verschwunden; vor seinem kunstreich verschlossenen, mit schwarzen Marmorbasreliefs verzierten früheren Heerde, standen zwei Betstühle, und hier wurde bei der Gegenwart der Herrschaften stets ein feierliches Todtenamt gehalten.
Durch zweckmässigen Ausbau war dieser Saal ausser aller Berührung gesetzt, während die luftige Gallerie, die daran stiess und zum Eudoxienturme führte, wieder schon und altertümlich hergestellt war. Die sich anschliessenden Hofdamen-Zimmer waren zu heiteren, luftigen Gemächern aus dem Glanzpunkte dieser Epoche umgeschaffen.
Der Eudoxienturm blieb aber Elmerice's Eigentum – ein mit jugendlich schöner Empfindsamkeit gehegtes kleines Bijou, zu welchem nur Leonce in einzelnen glücklichen Stunden Zutritt hatte – wo sie ihr Glück überlegten und Gott dafür dankten!
Nur selten, und nur auf wenige Monate bezogen sie ihre reichen Palais in Paris und Versailles – und immer nur, wenn Armand und Lucile, Margot und Guiche mit ihnen dort zusammen trafen. Dazwischen unterhielten die gastlichen Züge dieser Familien von einem schloss zum anderen, bei welchen selbst die Gräfin Franziska nicht fehlen wollte, das herzlichste und genussreichste Familienleben, das durch nachfolgende Ereignisse nur immer reicher und schöner ward. Waren die Familien aber in Ste. Roche, so erschien nicht selten Lord Duncan mit einigen seiner Kinder, als jubelnd empfangener Gast; und immer gehörten zu den teuersten Freunden die Greisengestalten des Vikars, des Arztes und der edlen Veronika, wenn ihr hohes Lebensziel ihnen auch nur noch kurze Zeit gewährte.
So war ein allseitiger, grosser Besitz auf gutem grund erbaut – auf dem sittlichen Werte seiner Besitzer! Und wir verfolgen von hier an ihre Schicksale nicht weiter und getrösten uns des Motto's:
"Nicht, w a s wir erleben, sondern, w i e wir es erleben, dies entscheidet über Glück und Unglück!"
Fussnoten
1 Wir werden uns erinnern, dass Lesüeur im Winter abreiste.
Oskar Panizza
(1853–1921)