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aufstehend. "Asta soll den Schlummer Deiner alten Freundin bewachen, und an der tür soll ein Bote harren, der Dir sogleich Nachricht bringt, wenn mit ihrem Erwachen auch Bewusstsein zurückkehrt. Du aber folge mir zu meinen Verwandten, die Dich mit sehnsucht erwarten."

Wohl fühlte die Gräfin, wie Elmerice bei diesem Vorschlage in ihren Armen zusammen zuckte; aber sie war entschlossen, sich nicht abweisen zu lassen, und die mütterliche Sicherheit, mit der sie verfuhr, übte eine beruhigende Gewalt über Elmerice aus, der sie sich um so weniger entzog, da hiermit auch das ratlose Gefühl der Vereinsamung aufhörteSo kehrte die Gräfin d'Aubaine in den Salon zurück, wo man sie mit der Spannung der Ungewissheit erwartete. Als die edle, majestätische Gestalt erschien, ihren Liebling an der Hand, drängte sich aus Aller mund ein laut der Freude. Noch trug Elmerice die schöne, ideale Tracht Fennimor's, jetzt ihr so gewohnt, dass sie derselben nicht mehr gedachte, und so hatte Beider Persönlichkeit etwas so höchst Ausgezeichnetes, dass Alle einen Augenblick zurückgehalten wurden, als müsse das Auge erst sein Recht geniessenals wäre ihre schöne Erscheinung kaum ein Gut, das man sich anzueignen wagen dürfe!

"Hier, hier!" rief die Gräfin jedoch, lächelnd voreilend; – "hoffentlich werdet Ihr alle die alte Tante loben, der es gelungen ist, Euren Flüchtling zu Euch zurück zu bringen."

"Elmerice!" rief eine zärtliche stimmeund Maria Duncan flog in die arme der Ueberraschten.

Das Entzücken, die teure Freundin so unerwartet wiederzusehen, machte auf Elmerice einen unbeschreiblichen Eindruck; und indem es sie von ihrem augenblicklichen Verhältnisse zur Gesellschaft abzog, gab es sie ihrer eigene, wahren natur zurück. Ihr Engelsantlitz strahlte von Liebe und Heiterkeitihre Bewegungen zeigten wieder die elastische Anmut, die kindliche Schmiegsamkeit, die ihr zärtlich hingebendes Herz verriet; und man hätte den Pinsel Lesüeur's herbei wünschen mögen, um den schönen Eindruck zu verewigen, als jetzt die hohe Greisengestalt des Lord Duncan zwischen die zarten Mädchen trat, und Beide, wie an ihren Vater, sich in seine arme drückten.

Wie reich war Elmerice in kurzer Zeit geworden! Als sie an Lord Duncan's Brust die Augen zur Gräfin Franziska aufschlug, kam sie sich gesichert und ausser Zweifel gestellt vor; und ein stolzer Mut erhob sich in ihrem kranken Gemüte, der sie mit einem Hauche von Glück anwehte.

Wie war auch Alles dazu geschaffen, dies neue Leben und diese Ansprüche ihres jungen Herzens zu nähren! Ueberall kam man ihr entgegen, Jeder wollte sie nach seiner Art zu fesseln suchen, ihre Aufmerksamkeit auf sich lenken, von seinen wohlmeinenden Gesinnungen sie überzeugen; und leichter trat dies hervor, in dem Maasse, als der Gegenstand so vieler Bemühungen Alles bemerkte, erwiderte oder mit dem bezaubernden Lächeln der Freude und Dankbarkeit hinnahm.

Sie übte eine Gewalt über die Gesellschaft aus, von der sie keine Ahnung hatte; Mademoiselle de la Beaume bezeichnete sie, indem sie sagte: "Wenn auch meine eigenen Augen nicht immer hinter Miss Eton herreisten, würde ich doch jedes Mal wissen, wo sie sich befindet; denn wenn sie den Platz ändert, wenden sich alle Köpfe wie auf ein Kommando ihr nach; – und ich verdenke es Niemandem und bin nicht einmal eifersüchtig, dass man darüber meine Schönheit und Jugend vergisst!"

Aber Einer blieb übrig in diesem Kreise, der nur gezwungen die heitere Stimmung der Gesellschaft teilte, wenn wir ihn auch nicht als gleichgültig gegen Miss Eton bezeichnen wollen. Es war Leonce! – Die Peinlichkeit seines Zustandes verriet sich in jedem zug, und seine auffallende Blässe hätte ihn vielleicht sogar Miss Eton verraten, wenn sie nicht, wie ein schüchternes Reh, den Kreis mit ihren Augen geflohen hätte, wo er sich am meisten aufhielt; da er von den anderen jungen Männern umgeben war, deren leuchtende Blicke sie verscheuchten.

Von da an blieb Miss Eton dem heitern Kreise zugesellt, bis auf die Zwischenstunden, die sie mit treuer Ergebung an dem Lager der armen Alten zubrachte. Der Arzt prophezeihte ihr ein sanftes, schmerzloses Ende und benutzte ihr meist bewusstloses Träumen, um Elmerice langsam von ihrem Lager zu entfernen; da in ihrer Gegenwart, wie er behauptete, eine aufregende Gewalt läge, die diesen friedlichen Zustand leicht zu einer Krisis bringen und ihren Tod schneller und unter heftigen Zufällen veranlassen könnte.

Am anderen Morgen jedoch, nach dem heiteren Frühstücke, führte der Marquis d'Anville Lord Duncan, den alten Arzt und den ehrwürdigen Vikar nach seinen Zimmern, wohin ihnen bald die Gräfin Franziska und Leonce folgten.

"Helfen Sie mir jetzt Alle," rief der liebenswürdige Marquis, mit einem Tone, der aus dem Herzen kam, als man um ihn her Platz genommen hatte; – "helfen Sie mir Recht stiften und geben Sie mir den Trost, dass Sie mir glauben wollen, wie ich auf das lebhafteste wünsche, ein schmachvolles Unrecht, das meine Vorfahren begingen, gut zu machen! – Hierher, mein Leonce! Lass' Deine umwölkte Stirndie irgend einem Privatinteresse gilt, dessen Widerstand ich bald besiegt zu sehen hoffelass' diese trübe Stirn keinen Zweifel über Deine Gesinnungen erregen, deren edle Uneigennützigkeit ich am besten kenne."

"O," rief der Marquis Leonce, lebhaft auf Lord Duncan zueilend, während hohe Röte plötzlich sein Angesicht färbte – "o, wäre es das? Ist es möglich