Ich habe in vollem Ernste meine schwerfällige Ruhe aufgegeben, um bei Euch zu sein; doch gestehe ich ein, ich suche ausser Euch noch meinen lieben Flüchtling – meine teure Elmerice auf, und zähle auf Euren Beistand, sie uns für immer wiederzugewinnen!"
"O gelänge D i r doch, teure Tante, was wir nicht zu erreichen wussten, ohne eine Art von Zwang gegen ihr tiefes, rührendes Pflichtgefühl auszuüben! Doch Dir wird sie nicht widerstehen – und dann wird unserem Glücke Nichts fehlen!"
"So lasst mich sogleich zu ihr," sagte die Gräfin und erhob sich. – "Doch will ich nicht gemeldet sein – ich will ihr Herz überraschen."
Wem hätte nicht Alles, was die Tante Franziska beschloss, das Beste geschienen! Ihre Liebesfülle, von so viel Einsicht und tiefem Menschenblicke unterstützt, brachte einen sich immer wiederholenden Segen über Alles, was sie ergriff. Jeder war im voraus überzeugt, ihr könne Nichts misslingen; und nur die Ehrfurcht für ihre Ruhe machte, dass man ihre Einmischung so selten begehrte, da sie dieselbe nie versagte, und ihr doch die schüchterne Zurückhaltung anzufühlen war, die sie immer erst mit ihrer Menschenliebe überwinden musste; da sie die Meinung Anderer über sich nicht teilte, sondern geneigt war, sich unpassend und unzureichend für die an sie gerichteten Wünsche zu halten. –
Elmerice sass an dem Bette der schlummernden Alten. In ihrem Herzen war eine solche Fülle von Schwermut, dass sie ihr Beschäftigung schien und sie über die trostlose Untätigkeit täuschte, in welche diese Stimmung sie stürzte, den Trübsinn nährend, der nichts wollte, als ein stetes Nachdenken über die Schmerzen ihrer jungen Brust.
Wie seufzte sie, dass ihr Leben noch lang sein sollte; – da es doch, wenn das schwache Wesen vor ihr versunken sei, für Keinen mehr Wert haben werde! Sie schauderte bei dem Gedanken, diese stille Welt, in der sie so viel Anklang für ihr leidendes Herz gefunden hatte, vielleicht bald verlassen zu müssen, unberechtigt – wie sie Allen erscheinen musste – hier um eine Stelle für ihr Grab zu bitten. Genug, sie gestaltete in sich das ganze Martyrium der Jugend, die, in den Wünschen des Herzens gekränkt und getäuscht, immer ein vollständiges Unglück in sich zu schaffen sucht, um vom Leben Abschied nehmen zu können und sich berechtigt halten zu dürfen, alle Güter der Erde farblos, ohne Reiz, ohne Wert zu finden. – Wer das schöne, blasse Gesicht der jugendlichen Elmerice beobachten konnte, wie es so ermattet gegen die Lehne des Stuhles gesunken war, der musste, mit nur einiger Welterfahrung – erkennen, dass sie das Opfer des bezeichneten Zustandes zu werden drohte; und wir können das Gefühl der edlen Gräfin d'Aubaine begreifen, mit dem sie, leise hereingetreten und seitwärts stehen bleibend, ihren Liebling betrachtete.
Sie kannte und hatte es erfahren, was sie in Elmerice's Zügen las! Wie hoffnungslos ihr Schicksal in dieser Beziehung sein werde, hatten ihr Lord Duncan's Mitteilungen über Lord Astolf bestätigt, und sie fühlte das tiefe, mütterliche Mitleiden, was nach hülfe aussieht und mit dem geist der Erfahrung die Mittel ergreift, die der Zeit in die hände arbeiten, welche keine Wunde unvernarbt lässt und die allerheissesten Schmerzen, von der ersten Stunde an, schon ihrem Ausgleichungsgeschäfte verfallen erklärt und sie mit ihren leisen Pendelschwingungen endlich in ewige Ruhe wiegt. – "Nein, nein," sagte sie zu sich selbst; – "Du bist zu etwas Besserem bestimmt; – nicht daran darfst Du zu grund gehen! Du musst Dir selbst die Würdigkeit zu einem neuen Leben zuerkennen lernen; diesen edlen Stolz bist Du berechtigt, in Dir zu entwickeln." – Mit diesem tugendhaften Mut trat sie näher, und Elmerice fühlte eine leichte, sanfte Hand auf ihrer Schulter. Ach, mit welcher Erschütterung blickte sie in die edlen Züge der teuern Frau, die von einer hingebenden Zärtlichkeit belebt waren, die Alles verhiess, was ein leidendes Herz bedarf!
"O, Gräfin d'Aubaine," sprach Elmerice – und lag, hingerissen von ihrem Anblicke, in demselben Augenblicke zu ihren Füssen; – "Sie finden ein armes, trostloses, undankbares Wesen wieder, das Ihre Liebe vergass und sie deshalb nie verdiente!"
"Das glaube ich nicht, mein süsses Herzenskind," sagte die Gräfin sanft und zog sie an ihre Brust. – "Dein Gefühl lag nur verdeckt von den wunderlichen Eindrücken, denen Du hier unterworfen warst. Du hast, ohne liebevolle Warnung und ganz selbst überlassen, Dir ein kleines Martyrium von Pflichtgefühlen geschaffen; das entfernt uns immer von dem natürlichen Leben und macht uns einseitig und verringert die wahre Liebe des Herzens, die wir ausreichend in uns entwickeln müssen."
Mit der schnellen Umwandlung, welche unverdorbene Jugend, einer höheren und besseren erkenntnis gegenüber, so leicht und wohltuend erfährt, fühlte Elmerice beschämt die egoistische Härte, die sich neben ihrer anscheinend berechtigten Handlungsweise in ihr Herz geschlichen hatte.
"Teure, mütterliche Freundin, ich habe gewiss Ihren Tadel verdient," sagte sie belebter, inniger, als sie es noch wenige Augenblicke früher für möglich gehalten haben würde; "wie schwer ist es, auf der rechten Bahn zu bleiben, wenn man jung ist! Aber jetzt werde ich wieder Ihren Rat geniessen; und selbst, dass ich fehlte, wird nur ein Grund mehr sein, dass Sie mich nicht verlassen!"
"Ja, Elmerice