Tochter in Jahresfrist nach Frankreich zu folgen, selbst die Verhältnisse zu prüfen, in die sie alsdann getreten sein würde und den Umständen gemäss nachgiebig zu sein, oder das geheimnis über ihre Geburt fortbestehen zu lassen, wenn die Lage der Sache sich seinen Anforderungen nicht entsprechend zeigte."
"So war die Reise hierher ein alter Beschluss, ein Versprechen sogar; aber sie ward durch die Nachrichten, die Marie Duncan von Elmerice erhielt, beschleunigt. Um mit dem geliebten kind im sicheren Zusammenhange zu bleiben, hatte ich in beiden Mädchen die idee erregt, für einander eine Art Tagebuch zu schreiben, und bei der Liebe, die Elmerice zu mir hatte, ward es mir nicht schwer, die erlaubnis der Teilnahme an demselben zu erhalten. Ich schrieb selbst in dem Tagebuche meiner Tochter – und Elmerice beantwortete dies; ungesucht erfuhr, ich so, was ihr begegnete, und behielt eine Uebersicht, die mich leiten musste, wenn ich früher, als das Jahr abgelaufen war, es nötig finden sollte, meine Reise anzutreten. Dies schien mir jetzt der Fall, seitdem sie durch eine jener wunderbaren Fügungen, die wir uns vielleicht sehr mit Unrecht gewöhnt haben, Zufälligkeiten zu nennen, zu dem eigentlichen Brüteerde ihres Schicksals gelangt ist! Emmy Gray, die, wie eine Nemesis über ihrer Rache wachend, das gekränkte Leben zu erhalten wusste, hat sogleich den verwandten Zug mit Fennimor Lester erkannt, ihr deshalb Liebe und Vertrauen geschenkt, ihre Ahnungen in ihr niedergelegt und sie mit dem harten Schicksale ihrer Grossmutter und ihres Vaters bekannt gemacht. Von da an zeigen die Briefe des armen Kindes eine tiefe Schwermut, die sie dem Leben absterben lässt; denn sie will die Vorzüge der Geburt, die ihr bei der Aufdeckung ihrer Rechte zustehen würden, niemals gelten lassen, da sich so viele Verbrechen an deren Raub knüpfen. Ja, sie fürchtet vor Allem, das Andenken ihres Vaters zu beleidigen, wenn sie das zu besitzen trachtete, was er nicht zu besitzen vermochte." –
"O meine Elmerice," unterbrach hier Franziska d'Aubaine ihren Freund – "wie würdig bist Du, seine Tochter zu sein!" –
"Die Anwesenheit des Marquis d'Anville, den sie als Ihren Verwandten kennt, teure Gräfin, hat diesen Vorsatz nur befestigt. Wie sollte sie ein Eigentum besitzen wollen, das in diese hände übergegangen ist? Dagegen hält sie es für eine heilige Pflicht, bei Emmy Gray auszuhalten, die von der Aehnlichkeit lebt, die Elmerice mit Fennimor hat, und nach so langer, trostloser Vereinsamung durch den Gedanken befriedigt ist, dass sie die rechtmässige Erbin Fennimors in Ste. Roche eingesetzt hat, und ihr diese die Augen zudrücken wird. Elmerice fügt sich allen ihren Phantasien; sie trägt Fennimors Kleidung sogar, um der armen Alten die höchste Illusion zu gewähren."
"S o , liebe Gräfin, denke ich, kann es nicht länger bleiben! Wir müssen dem edlen kind, das es so wohl verdient, jetzt völliges Vertrauen schenken. Sie teilt Emmy's überzeugung; denn, wenn sie auch aus ihrem Leben keine Gewissheit hinzufügen kann, widerspricht doch auch Nichts ihren Annahmen; und dass Miss Lester ihre Mutter, ward bestätigt durch ihre Vermutungen, die auch Emmy sehr natürlich erklärt hat."
"So ist denn jetzt noch mehr, wie früher, meine überzeugung bestätigt, dass auch ich nach Ste. Roche muss," sagte die Gräfin d'Aubaine; – "denn ich werde am besten all die kleinen Schranken durchbrechen können, die zu grosses, gegenseitiges Zartgefühl dieser Angelegenheit nachteilig werden liess. Ich habe natürlich wenig von den Gesinnungen des Marquis d'Anville über diesen Gegenstand gehört; da meine lieben, nur zu gütigen Verwandten Alles in Schweigen hüllten, was auf diese schmerzliche Epoche meines Lebens hinzuweisen vermochte. Doch erfuhr ich, dass er nach Reginald selbst oder nach dessen Verwandten eifrig forschte – und dass er darin nicht glücklich war, ist mir durch Ihre Mitteilungen erklärt." –
"Ja!" sagte Lord Duncan – "hier ist sein letzter Brief; er ist aus Ste. Roche datirt und lässt keinen Zweifel über seine uneigennützigen Gesinnungen. Ich habe ihm geantwortet, wie er es verdient – und ihn auf meine baldige Ankunft verwiesen. Doch müssen wir wohl überlegen, was wir mit Elmerice wollen; wird es ein Glück sein, sie in ihre Rechte einzusetzen?"
"Das steht in Gottes Hand, Lord Duncan," – sagte die Gräfin warm; – "w i r haben ein Unrecht gut zu machen – w i r dürfen nicht weiter fragen, da das Nächste klar vor uns liegt! Die spätere Frage ist nicht so sehr, wie es erscheinen will, an Aeusserlichkeiten gebunden. Nehmen wir Elmerice den Druck ab, der durch ihre halbe, gekränkte Stellung entstanden ist, und erwarten wir voll Vertrauen und achtung, wie sie selbst mit ihrem schönen Willen dann eine würdige Haltung behaupten wird." –
"Der Marquis d'Anville," hob nach einer Pause Lord Duncan an – "hat einen Bruder" –
"Fürchten Sie Nichts von diesem!" unterbrach ihn die Gräfin schnell. "Leonce ist allerdings nicht reich – und ich weiss, dass d'Anville beschlossen hatte, durch die Art, wie er den Nachlass des Grafen Leonin jetzt zu teilen dachte, diesen Mangel auszugleichen. Doch tritt der Fall ein, dass Leonce mit der Tochter meines Bruders fast so gut wie verlobt ist