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wohlmeinende Absicht; man trat den Rückweg nach dem schloss an, und hier Alles geschickt und schnell vorbereitet findend, führte die verbindliche Wirtin ihre Gäste selbst in die schönen, wohnlichen Gemächer, ihnen nach einer eiligen Reise die erwünschte Ruhe gönnend.

Erst zur Tafel fanden sich die Gäste wieder bei der Gräfin d'Aubaine ein, und Lord Duncan füllte diese Zeit der Unterhaltung mit Erzählungen über sein Familienleben, das, der Gräfin fremd, ihre ganze Teilnahme in Anspruch nahm Doch hörte sie fast mit Schreck, dass Lord Astolf, der jüngste Sohn des Lord Duncan, bereits verlobt sei, und wie sich die junge Marie darauf freute, Elmerice mit dieser Nachricht zu überraschen. Denn noch immer glaubte sie, ihr Liebling trage eine unglückliche Neigung zu jenem Jünglinge, und seit lange hatte sie sich gewöhnt, die Schwermut derselben dieser Ursache Schuld zu geben.

Lord Duncan hatte die Gräfin um eine ungestörte Unterredung gebeten; man hob die Tafel deshalb zeitig auf, und da Marie Duncan alle Plätze kennen lernen wollte, von denen das Tagebuch ihrer Elmerice so lebhafte Schilderungen entielt, hatte die Gräfin dafür gesorgt, dass das sanfte Reitpferd, welches Miss Eton zuweilen gebrauchte, der jungen Lady zugeführt wurde. Der alte Förster von Ardoise und ein völlig zuverlässiger Reitknecht bekamen den Auftrag, Miss Duncan zu allen Punkten hinzuführen, welche die junge Dame nennen würde.

Nachdem man das junge, heiter lächelnde Mädchen mit ihrem Gefolge hatte abreiten sehen, führte die Gräfin d'Aubaine ihren Gast nach dem abgelegenen, grünen Kabinet, welches wir bereits kennen; und als sie in den offenen Balkontüren, die einen begrenzten blick in die einsamsten Baumpartien des Gartens darboten, Platz genommen hatten, trat eine Pause ein, in der Beide sich zu beherrschen suchten. Die Gräfin fühlte, sie würde mit Lord Duncan nicht zusammen sein können, ohne durch gemeinschaftliche Erinnerungen den wunden Punkt in ihrer Brust zu berühren, und Lord Duncan sah sich ähnlich bewegt; wir werden aus seinen Mitteilungen erfahren, wie viel Recht er dazu hatte.

"Lassen Sie uns offen gegen einander sein, teure Gräfin," sprach er endlich; – "wir fühlen Beide, dass, was ich Ihnen zu sagen habe, schmerzliche und ewig teure Erinnerungen wecken wird. Aber wenn ich dennoch den Entschluss gefasst habe, Sie auf diese Weise zu erschüttern, so geschieht es in dem festen Vertrauen, dass Ihnen, wie mir, eine Pflichterfüllung zu wichtig ist, um nicht das Opfer zu bringen, das ich jetzt fordere, indem ich Sie bitte, mich anzuhören."

Die Gräfin reichte ihm schweigend die Hand, die er fast knieend an seinen Mund drückte. Ihre blassen Lippen bebten in einer Empfindung, der sie keine Worte gestatten wollte; aber Lord Duncan zweifelte nicht an ihrer Einwilligung und hob mit ruhiger Fassung seine Mitteilungen an:

"Als Reginaldaus s e i n e m vaterland verjagt ward, suchte er das Vaterland seiner Mutter auf. Er erreichte England mit gebrochener Jugendkraft, und als er das Haus seines Onkels, des Herrn Lester in Yorkshire, betrat, zeigten sich schon Symptome der Krankheit, die ihn bald darauf danieder warf. – Sie haben oft von dem Vater Ihrer Jugendfreundin gehört; er war in Wahrheit einer der Ausgezeichnetsten seines Standes. Er besass eine reiche Probstei, und seine vornehme Familie, die den Vater aufgegeben hatte, suchte durch diese ansehnliche Pfründe den Sohn zu heben. Mehr, als sie ihm geben konnte, gab er sich selbst durch seinen würdigen charakter! Seine tiefe Gelehrsamkeit machte ihn zu einem gesuchten und geachteten gegenstand; er hatte auf der Universität den Doktorgrad erhalten, war Mitglied der ausgezeichnetsten, gelehrten Gesellschaften, und stand dadurch in den weitverzweigtesten Verbindungen. Eben so bedeutend war seine Gemahlin, eine Miss Eton, deren Vater Bischof in Kalkutta gewesen, und die ihrem Gemahle in jeder Beziehung gewachsen war. Nach dem tod ihres Vaters hatte sie sich, als die Letzte ihres Namens, mit Herrn Lester vermählt, und nachdem sie mehrere Kinder verloren, blieb ihr nur Margarit, die jüngste Tochter, die Ihre Freundin ward, teure Gräfin!"

"Nur ein Mal habe ich mit Herrn Lester über Fennimor, seine unglückliche Schwester, gesprochen. Er war bis zu Reginald's Ankunft über ihr eigentliches Schicksal in Zweifel geblieben. Wie wir alle, musste er sie rechtmässig vermählt halten; auch bekam er bis zu der Geburt ihres Sohnes nur glückliche Nachrichten von ihr und empfing daher die Anzeige ihres Todes, die ihm Graf Leonin selbst machte, mit der schmerzlichen Trauer um ein zu früh aufgelöstes Glück. – Ob ihr Sohn, von dem jene Todesnachricht Nichts erwähnte, lebe oder der Mutter gefolgt sei, konnte Herr Lester nicht erfahren; da alle seine Briefe von da an unbeantwortet blieben. So machte die Zeit, dass er jene Verhältnisse, als für ihn nicht mehr bestehend, nach und nach zu vergessen begann. Emmy Gray's Weigerung, nach England zurückzukehren, und die flüchtige Erwähnung seiner Tochter, bei ihrer Rückkehr aus Ardoise, über ihr wunderliches Leben, überraschte Herrn Lester nicht, da er Emmy von Jugend auf als finster und halsstarrig gekannt hatte, und John Gray, der auf der Jagd verunglückte und einen frühen Tod fand, kein Band mehr für sie war. Dies e i n e Mal, dass ich nach der Entdeckung, die ihm Reginald gemacht, den unglücklichen Bruder dieses geopferten Engels sprach, wird mir unvergesslich sein! Er hatte damals schon jeden Gedanken